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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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Impressum: 

Redaktions- & ABOadresse: 

Schwarzer Faden 

PF 1159 

D-71117 Grafenau 
Tel. 07033-44273, Fax 07033-45264 
e-mail: TrotzdemuSF@f-online.de 

Einzelpreis: 8.-DM 
ABO (4 Nm.>: 30.-DM 
Kontoverbindung: 

Postgiro Stuttgart: Kto. W. Haug, 
Ktonr. 57463-703, B12 600 100 70 
Erscheinungsweise: 4 x jährlich 
Auflage: 2500 
Herausgeber: 

Trotzdem-Verlag/W. Haug. Grafenau 
ISSN: 0722-8988, ZIS-Nr. 701 
Postvertriebskennzeichen: E 9860 

Redaktionskollektiv: Nicole Frazier. Wolf¬ 
gang Haug, Jan Jacob Hofmann, Andl 
Ries, Harald Romaker, Herby Sachs (V.i.S. 
d.P.), Boris Schatlowskl, Dieter Schmidt. 
Namentlich gekennzeichnete Beiträge 
stehen unter der Verantwortlichkeit der 
Verfasserinnen und geben nicht die Mei¬ 
nung des Herausgebers oder des presse- 
rechtlich Verantwortlichen wieder. 
Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe: 

C. Andrea. Claus Blegert, Janet Biehl, 
Ulrich Bröckllng, Daniela Carmignani, 
Bernd Drücke, Gerhard Hanloser, Richard 
Herding, Christian Holzinger, Olaf Kalt¬ 
meier, Donna Kiddie, Jochen Knoblauch, 
Chaos Maurice. Heiko Möhle, Helmut 
Richter, Sonja Richter, Hans Müller-Sewing, 
Radio Dreyeckland, TÜV, Klaus Veith. 
Das Redaktionskollektiv entscheidet über 
Inhalt und Form der Zeitschrift. Ein An¬ 
spruch auf Veröffentlichung besteht nicht. 
Der Abdruck erfolgt honorarfrei .anti- 
copyrighf:NcichäiucV> von Texten ist unter 
Angabe der Quelle und Zusendung eines 
Belegexemplars ausdrücklich erwünscht. 
Mitarbeit: Der SF versucht eine Mischung 
aus aktuellen politischen Ereignissen. 
Internationalismus, Aktualisierung liber¬ 
tärer Theorie, Aufarbeitung freiheitlicher 
Geschichte und einer Kultur- und Medien¬ 
kritik von unten. Eingesandte Artikel, 
Photos, Graphiken etc. sind erwünscht! 
Verlag, Satz & Vertrieb: Trotzdem-Verlag, 
Grafenau 

Druck 8c Weiterverarbeitung: Druck- 
cooperative, Karlsruhe 
Technologie: Wir wünschen uns die Artikel 
auf 3 1/2-Zoll-Dlsketten. Am besten im 
Textverarbeitungsprogramm Word od. 
Word-Windows auf MAC- oder DOS-Basis. 
Auslieferung an den Buchhandel: 

BRD: Trotzdem-Verlag, Grafenau 
Österreich: Stonehenge, Wien 
Schweiz: Anares, Bern 
Anzeigenpreise (zzgl. 16% MWST): 


Kleinanzeige: 40.- DM 

halbe Spalte (5,4x 13.5cm): 150.- DM 

ganze Spalte (5,4x27 cm): 300.- DM 

l/4-Seite(8,5x 13 cm): 250.- DM 

l/2-A-4-Selte: 450.- DM 

1 A-4-Seite: 1000.-DM 

neu: Beilagen 400.- DM 


Dauerkunden erhalten 30% Rabatt! 


Inhalt Nr. 3/98 


ImpressumllnhaltlEditorial 

C. Andrea: Der lange Weg der indigenen Autonomiebeweg.S. 4 

Claus Biegert: Das Vampir-Projekt - 

Wissenschaftler auf der Jagd nach den Genen der Ureinwohner... S. 9 


Radio Dreyeckland: Grenzgängerinnen - Interview mit einer 

Teilnehmerin des Frauen-/Lesben-Camps. S. 18 

Janet Biehl: Der libertäre Kommunalismus, Teil 1 

Die Erschaffung des Bürgerwesen. S. 20 

Bernd Drücke: Vogelfrei - Zeitschrift der Wagenburgbewegung.S. 25 

TÜV: Staatsschutzermittlungen in Tübingen.S. 27 

Jochen Knoblauch: Neuer Anarchistenprozeß in Italien.S. 29 

Daniela Carmignani: Brief einer Betroffenen.S.29 


KleinanzeigenlKurzes (u.a. Mühsam-Tagung, Schwabinger Bohdme - 
Ausstellung, Anarchive-Treffen . 

Chaos Maurice/Wahrschauer: Interviews mit den Bands 


Anarchist Academy und CIA . S 34 

Olaf Kaltmeier: Chile - Neoliberales Modell-Land?. S. 36 

Heiko Möhle: BUKO schlug Rat.... g 38 

Richard Herding: Gegenöffentlichkeit heute - 

Krieg um den richtigen Stallgeruch. S 41 


Ulrich Bröckling: Sand im Getriebe - 

Kriegsdienstverweigerer nach dem Ende der Massenheere. S.45 

Wolfgang Haug: 80 JahreRussische Revolution-Landfrage .S. 52 

Gerhard Hanloser. Fortschritt, Entwicklung, soziale Revolution - 

Gedanken zur Russischen Revolution . S .56 

Zcitschnftenschau/SF-Ausgaben. S 67 

TitelphotoiGiovanna Calvenzi 


Redaktions- und Anzeigenschluß: SF-66 ( 4 / 98 ): 31.10.1998 

Trefft uns auf der Frankfurter Buchmesse: 

Halle 6.0, Reihe F, Stand Nr. 138 
, oder im Internet: 

p. www.comenius-antiquariat.com/anares/verlage/tv.htm 


[2] SF 3/98 




















Editorial - SF-Intema 



Foto: Andrea Vernier 

Einmalige Spenden für den Pressefonds 
(Anzeigen, Werbung etc.) des 
Schwarzen Fadens: 

V.W-P.. Berlin 30.-; M.W., Kleinosthelm 20.- 
; A.K., Darmstadt 5.-; K.D., Essen 10.-; H.S., 
Stuttgart 10.-; K.W., Berlin 10.-; B.N., 
Kaufungen, 30.-; J.K., CH-Chur 10.-; H.B., 
Oldenburg 20.-; J.S., Dresden 20.-; O.K., 
Idar-Oberstein 300.-; H.G., Porta Westfa¬ 
lica 50.-; 


Mti. Dauerspenden für die Verbreitung 
anarchistischen Gedankenguts - 
SF-Unterstützer- und 
Unterstützerinnenkreis: 

N.H., Nürnberg 25.-; M.R., Frankfurt 25.-; 
T S.. Detmold 5.-; A.R.. Paderborn 10.-; F.- 
J. M.. Dortmund 10.-; V.S., Groß-Umstadt 
20.-; U.S., Thedinghausen 15.-; R.G.. 
Anröchte 15.-; I.W.. Aschaffenburg 60.-; 
Na. Euskirchen 100.-; 

Gesamtstand (August 1998:285.-) 


Gesamt: 515- 

Herzlichen Dank an alle. Die Spenden helfen uns derzeit sehr! 


Der Schwarze Faden spinnt sich seit 
1980 durch die Geschichte libertärer 
und linksradikaler Bewegung und Kul¬ 
tur von unten. Bis 1989 konnten wir 
jährliche Zuwächse an ABO’s, Buch- 
handelsexemplaren und Wiederver¬ 
käuferinnen erzielen. Seit 1989 geht 
der Verkauf insbesondere im Buchhan¬ 
del kontinuierlich zurück. Nur noch 
wenige Läden können sich anscheinend 
platzkostende Zeitschriftenbereiche 
leisten und die, die es tun, reduzieren 
ihre Stückzahlen auf ein Minimum.So 
sind unsere Verkaufszahlen im Buch¬ 
handel um die Hälfte gesunken. Unsere 
Auflage von 3000 Exemplaren mußte 
deshalb schrittweise zurückgenommen 
werden und liegt inzwischen bei nur 
noch bei 2200 bis 2500 Exemplaren. 
Seit 1989 sind jedoch die laufenden 
Kosten allesamt gestiegen, dies betrifft 
die Druckkosten, die Telefonkosten und 
insbesondere die Portokosten. Wo wir 
Kosten senken konnten, haben wir dies 
getan, z.B. die Bürokosten haben wir 
weitgehend eingespart. Personalkosten 
existierten noch nie, wenn auch manch¬ 
mal von Reisekostenerstattung geträumt 
wurde, blieb es bis heute bei der Eigen¬ 
finanzierung. 

Eine Ausgabe kostet uns derzeit ca. 
10.000.-DM (Druck, Fotos, Lay Out 
Materialien, Telefon, Telefax, Porto/ 
Fracht, Versandmaterialien.) 

Unser garantierter Erlös liegt derzeit 
nur bei 8200.-DM. Spenden, Anzeigen 
und nachträglicher Verkauf erhöhen 
diese Einnahmen um ca. 1300.-DMpro 
Ausgabe. Wir liegen also seit einigen 
Ausgaben knapp unter den laufenden 
Kosten. 

Wir wollen deshalb nochmal allen, 
denen die Weiterexistenz des Schwar¬ 
zen Fadens wichtig erscheint und denen 
es finanziell möglich ist, nahelegeh, 
uns eine monatliche Spende per Dauef- 
auftrag zukommen zu lassen. Würden 
sich nur 10 Leserinnen finden, die uns 
50.-DM abtreten könnten, würde dies 
die Druckkosten für eine Ausgabe von 
6000.-DM abdecken. Natürlich freuen 
wir uns auch über kleinere regelmäßige 
Beträge oder die Einrichtung eines För- 
der-ABOs (50.- anstatt 30.-DM). 

SF-Redaktionskollektiv 


SF 3/98 [3] 










S eit dem Massaker von Acteal, bei dem 45 Menschen 
der unabhängigen Organisation «Las Abejas» 1 in ihrem 
Flüchtlingscamp von PRI-nahen Paramilitärs 
abgeschlachtet wurden, reißt die Gewalt gegen die 
widerständigen indigenen Strukturen in Chiapas nicht ab. 
Sechs Monate sind vergangen, Monate in denen die 
mexikanische Regierung deutlich machte, daß sie nicht im 
entferntesten daran denkt, die von ihr im Januar 96 
Unterzeichneten Friedens Verhandlungen in bindende Ver¬ 
fassungsänderungen gießen zu lassen und gleichzeitig eine 
beispiellos Delegitimierungskampagne gegen alle im 
Friedensprozeß aktiven Instanzen initiierte. Diese Kampagne 
führte nach dem Rücktritt des Vorsitzenden der 
Vermittlungskommission CONAF, dem Bischof der Diözese 
von San Cristöbal Don Samuel Ruiz, letztendlich zur Auf¬ 
lösung der CONAI. Die Sabotage der den Friedensprozeß 
überwachenden Parlamentsdelegation COCOPA 3 , ging mit 
massenhaften Ausweisungen internationaler Beob¬ 
achterinnen einher. Diese «ausländischen Einmischungen» 
boten dem Präsidenten die Gelegenheit mit einem ebenso 
lächerlichen wie atemberaubenden Diskurs, zur «Vertei¬ 
digung der nationalen Souveränität» und der mexikanischen 
Revolution (sic!) angesichts dieser «internationalen Bedroh¬ 
ung» die nationale Einheit inmitten aller realen Zerfalls- und 
Spaltungsprozesse zu beschwören. Die fortgesetzte Zer¬ 
störung etablierter autonomer Munizipien“ auf Geheiß der 
bundesstaatlichen Regierung leiteten eine neue Stufe im 
«Krieg niedriger Intensität» ein, die auch in der seit einigen 
Wochen andauernden Bedrohungswelle gegen die mit der 
Autonomiebewegung solidarischen Zivilgesellschaft ihren 
Ausdruck Findet. Der chiapanekische Friedensprozeß, in 
seiner spezifischen Form Ausdruck und Symbol der über¬ 
fälligen Demokratisierung des ganzen Landes, steckt in der 
Sackgasse und der Ruf nach internationaler Beobachtung 
und Vermittlung ist immer häufiger zu hören. Angesichts 
dieser verfahrenen Situation liegt es nahe, die beeindrucken¬ 
den Organisationsprozesse der indigenen Bevölkerung 
Mexikos (nein, nicht nur in Chiapas), die statt ihre Zeit mit 
fruchtlosen Dialogen zu vergeuden politische Realitäten 
schuf,Foren einberief und Konzepte «zur Reform des Staates» 
entwickelte, endgültig aus dem Blickfeld zu verlieren. 
Depression macht sich in der Solibewegung breit und der 
«Krieg niedriger Intensität» droht auch noch den Sieg «über 
unsere Köpfe und Herzen» hinweg zu tragen. Die Schreibe¬ 
rin dieser Zeilen hält es lieber mit dem vorerst letzten 
Kommunique der EZLN, der 5. Erklärung der Selva La- 
candona, herausgegeben am 19.Juli dieses Jahres und 
überschrieben mit den schlichten Worten: «!AquI estamos! 
IResistimos !» s 


Acteal und der Kampf gegen die 
Autonomiebewegung 

Das Massaker von Acteal ist meiner Einschätzung nach nur 
im Kontext der durch den zapatistischen Aufstand ausge¬ 
lösten Transformationsprozesse zu verstehen, dessen 
Hauptakteure die autonomen Regierungen innerhalb wie 
außerhalb der definierten Konfliktzone darstellen. Die 



Gründung dieser autonomen Gebiete begann u. a. nach de 
«Kampagne Frieden mit Gerechtigkeit und Würde für di 
indigenen Völker» 6 genannten Militäroffensive der EZL1 
im Dezember 1994 bei der die bestehenden Militärgürte 
urchbrochen und neue zapatistische Gebiete geschaffe 
en. eit 1995 erklärten sich immer mehr Gebiete z 
«Munizipien in Rebellion» die sich nach der Unterzeichnun; 

nl n t nSVerhandlUngen von San Andr&? Office» au 
tonome Munizipien umbenannten. 

QüÄ telanße Untät| gkeit derRegierung, die bereits in 
Hpn „ Unterzeichneten Beschlüsse von San Andres ii 
7n , K o n greß einzubringen, provozierte seitens der EZLh 
A ,:it Q l, r en: S ! e unterbrach den formalen Dialog in 
t ,. und initiierte bzw. unterstützte die politisch» 

Umsetzung dieser Beschlüsse, sprich die Gründung weitere 
utonomer Strukturen. Diese nahmen in den folgendei 
onaten so stark zu, daß bis Mitte 1997 fast 40 autonom« 

i' TT P,C ° werden konnten, die nicht nur symbo 

isch die staatlichen Instanzen ersetzten, sondern in direkte: 

den offiziell legitimierten agierten. Offen 
> c ic e ülltendieautonomen Strukturen dieErwartunger 
i rer sozialen Basen recht erfolgreich, immerhin gelang es ir 
eimgen egionen, diedesillusionierteAnhängerlnnenschafi 
r tspartei in die unabhängige Struktur zu integrieren, 
enau in diesen Regionen setzte die staatliche Repression 
am schnellsten ein. Während dieautonomen Gebiete innerhalb 
on i tzone (also der Selva Lacandona) relativ ge- 


[4] SF 3/98 








schützt agieren konnten, sahen sich die seit Mitte 1997 
vermehrt außerhalb dieser Zone entstehenden Munizipien 
gerade in derZona Norte 8 und den Altos sehr schnell offener 
Repression ausgesetzt. Ab September 1997 schlossen sich 
die Munizipien zu autonomen Regionen zusammen, die 
eigene Regionalparlamente wählten. 9 Bereits kurz danach 
nahmen Vertreibungen und Verschleppungen und Ermor¬ 
dungen an Angehörigen der autonomen Strukturen massiv 
zu und Acteal wurde lediglich zum traurigen Höhepunkt 
dieser Kampagne. Die Ermordung der bereits aus ihrem Dorf 
Vertriebenen wurde in dem sicheren Wissen begangen, daß 
die Opfer hauptsächlich Frauen und Kinder sein würden, da 
ein Großteil der Männer bereits seit Wochen in den Bergen 
Zuflucht gesucht hatte. Auch die Art, in der die Toten nach 
der Obduktion noch immer verstümmelt zu ihren Ange¬ 
hörigen zurückgebracht wurden, sollte ein für alle Mal 
klarstellen, daß die Zeit der Drohungen endgültig dem offenen 
Terror gewichen war. Der damalige «noch- Innenminister» 
Chayffet wußte auch gleich die wahren Schuldigen des 
Massakers zu benennen. Nachdem die Mähr von alten 
innerkomunitären Konflikten gerade im Bezug auf Bewoh¬ 
nerinnen eines erst einige Wochen alten Flüchtlingscamps 
nun doch nicht überzeugen konnte, griff er die autonomen 
Regierungen an,diesich durch die illegitime Übernahme der 
Macht den Haß der rechtschaffenen und somit Recht schaf¬ 
fenden Staatsbürgerinnen zugezogen hätten. Auch der 
Nachfolger Chayffets, der amtierende Innenminister 


Francisco Labastida Ochoa, bezeugt sein Verständnis für die 
Verteidigung der mexikanischen Nation 


Autonome Regionen - das verbürgte 
Demokratiedefizit ? 

Neben dem Präsidenten Zedillo, der sich zuguterletzt noch 
zum selbsternannter Verteidiger der durch die Autonomie 
bedrohten Rechte der indigenen Frauen 10 aufschwang, muß 
sich die Autonomiebewegung 11 noch gegen andere Kri¬ 
tikerinnen wehren. Als ein Argument gegen die Autonomie 
wird die angeblich beabsichtigte «Balkan isierung» des Landes 
aufgeboten. Das künstliche Insistieren auf «ethnischen Dif¬ 
ferenzen» sei angesichts der verfassungsmäßig garantierten 
Gleichheit aller Mexikanerinnen als Rückschritt des moder¬ 
nen Mexikos zu bewerten. Daß Papier geduldig ist und die 
mexikanische Gesellschaft selbst immer nur von 56 Ethnien 
ausgeht, während die 57te, die mestizische Bevölkerung, als 
gegebener Maßstab unhinterfragt deren Definition betreibt, 
bleibt ein verdrängter Schönheitsfehler der Gemeinschaft 
der Freien und Gleichen. Ignoriert wird, daßinden Entwürfen 
der indigenen Organisationen zu den autonomen Gebieten 
diese nie als «ethnisch rein» begriffen werden, sondern 
explizit von «pluriethnischen Regionen» (Mestizlnnen als 
Ethnie mitgerechnet) die Rede ist: Verdrängt bleibt, daß das 


SF 3/98 [5] 






Foto: Herby Sachs/ Version 


staatlicheIndIgenaInstitut(INI)mit Scharen staatstragender 
Anthropologinnen die«definiere, teile und herrsche Politik» 
die PRI absichert, deren Linie gegenüber der indigenen 
Bevölkerung sich auf die Gleichung Integration gleich 
Akkulturation bringen läßt. Daß sowohl die EZLN als auch 
andere Indigenaverbändc mit schöner Regelmäßigkeit 
betonen, daß es ihnen gerade nicht um Separation, sondern 
- viel bedrohlicher - um eine tiefgreifende Reform und 

Demokratisierung der mexikanischen Dominanzgesellschaft 

gehe, weshalb ja auch sowohl die Friedensdialoge als auch 
das Forum zur Reform des Staates unter starker Präsenz 
unterschiedlichster Vertreterinnen zivilgesellschaftlicher 
Organisationen stattfand,prallt an den verschlossenen Ohren 
der Anbeter liberaler Staatskonzepte ab. 

Daß es bei der zapatistischen Erhebung, wie auch bei der 
breiter getragenen Autonomiebewegung ausdrücklich um 
die Demokratisierung des ganzen Landes gehen soll, hat 
wohl auch die PRI - eigentlich - verstanden. Nicht umsonst 
reagierte die Exekutive in Gestalt des Präsidenten auf den 
Ende 96 eingebrachten Vorschlag der COCÖPA für eine 
Verfassungsreform zur Umsetzung der Beschlüsse von San 
Andres mit der Veröffentlichung eines ganzen Paketes von 
beunruhigten «Beobachtungen» die es ihm leider nicht 



gestalten würden, der Umsetzung dieser staatszersetzenden 
wenngleich von ihm unterschriebenen- Beschlüsse zuzu¬ 
stimmen. 


1998 - Beginn der dritten Phase des 
“Krieges niedriger Intensität” gegen die 
injdigene Bewegung 

Als nächster Schritt präsentierte er der zunächst noch un¬ 
gläubigen Öffentlichkeit Anfang März einen eigenen Entwurf 
für ein «Ley Indfgena» (Indfgena Gesetz), dessen Kemdif- 
ferenz im Vergleich zu den Verhandlungsergebnissen von 
San Andres darin besteht, daß er kurzerhand die «Rechte der 
indigenen Völker» auf Selbstbestimmung auf die «Rechte 
derindigenenGemeinden»aufSelbstbestimmung verkürzte. 
Diesuprakomunale Ebene verschwand geflissentlich aus der 


Debatte, die Rechtsprechung wie auch die Kontrolle der 
Naturressourcen enden somit im günstigsten Falle an der 
renze es jeweiligen Dorfes. Auch wenn nachträglich be- 
annt wurde, daß der letzte Verhandlungsführer Zedillos in 

den Verhandlungen öftersdurchoffensichtlicheTrunkenheit 

au ie .entläßtdiesZedillonochnichtausderVerantwortung 

turseineeigeneUnterschrift. Einanderes Beispiel dafür,daß 

die mexikanische Regierung bekanntermaßen Verträge un¬ 
terzeichnet ohne an deren Umsetzung zu denken, ist der 

010 ^ der IL ° :2 * n dem die Rechte der indigenen 
ölker innerhalb der Unterzeichnerstaaten geregelt wird. 

i oc^r ersten Staaten Unterzeichnete Mexiko bereits 
i JV 1 diesen Kontrakt in dem klar definiert zu lesen steht, daß 
der Diversität der indigenen Völker Respekt zu zollen sei, 
ie ewa rung und Verwertung der natürlichen Ressourcen 
cn m em jeweiligen Territorium lebenden zusteht, der 
aat sic zu Integrität und Transparenz gegenüber den 
indigenen Völkern bzgl. der Verwendung öffenüicherGelder 
rozessen der Entscheidungsfindung verpflichtet, wozu 
eine stärkere Präsenz indigener Vertreterinnen innerhalb des 
aatsapparates dienen soll, die indigenen Völker an der 
n wie ung der für siebestimmten Entwicklungspläne mit- 

arbeiten und die Autonomie der indigenen Völker im Rahmen 

v p 8 ^ en Nat >onalstaaten garantiert werden muß. In den 
Verhandlungsergebnissen von San Andres liest sich das so: 

^’scheunddiechiapanekischcRegierungeinigen 
sich m,t dem EZLN u.a. darauf: eine Kommission zur 
Ä* M “ nizi Pien und Regionen in Chiapas vor zu 
halb Hp ’ emen enera ldirektor für indigene Belange inner- 
Arh .. natl0nalen Menschenrechtskommission und eine 

'ZT a Uf Lösung der Agrarkonflikt in Chiapas 
( chwort Landverteilung) einzusetzen . 13 

„ . dC i? ? di "° di . e Bescll| üsse von Andres nicht um- 

l nc ’ g ' e,ChzeiUg aber versichert, an der friedlichen 
H ^ ng ^ c ia P ane kischen Konfliktes interessiert zu sein 
■ d d H r EZLN wcit ere Verhandlungen anbietet, wiederholt 
' nn . f 8 ® lche s P‘ el auf bundesstaatlicher Ebene. Der 
<po l-Acteal». Gouverneur von Chiapas Albores Guillen 
h . . ° 'T der m ‘iaärischen Zerschlagung der 

de,“ 6 " aU w n0men Muniz 'Pien. Nach Taniperla, Sitz 
7 „ ... nomea unizips.RicardoFloresMagün.ibeidessen 

unlitbcT 5 " Cn de " gewählten Autoritäten auch gleich 12 
unliebsame internationale Beobachterinnen festgenommen 

ff npiSt ^ Cn Wur ^ en Panz erabwehrgeschütze gegen 
Drtrf ^ 3 n ? Frauen * Männer und Kinder eingesetzt, die 
Dörfer wurden aus Helikopter beschossen. Ergebnis: 11 

zam/kric 1 ? 6 y erschwund ene, und die Erklärung der 
können HR 0 ’ •' 38611 n * cbt mehr länger dafür garantieren zu 
^ es In Zukunft nicht zu bewaffneten Konfron- 
z.i r? en EZLN und Militärkommen werde. Parallel 

Gniii' i 1 * sehen Lösungdiekeine sein will, präsentierte 
7 nr Np a s f u,sei t ig e "politischeInitiative" seinen Vorschlag 
den Frfn°a Ung ^ cb * a P ane kischen Munizipien, gemäß 
erinnert F e ™ ssen ^L stützender Mehrheiten. Das Modell 
Sich v-,, m 1 le nordirische Einteilung der Counties und läßt 
m s vertrauensbildende Maßnahme bezeichnen. 


[6] SF 3/98 










Die vorerst letze Etappe 


Foto: Herby Sachs 


Nach monatelangem Schweigen von CCRI und EZLN ver¬ 
öffentlichte die EZLN vor einigen Tagen zwei neue Kom¬ 
muniques und reagierte damit auf mehrere Versuche der 
COCOPA, nach dem Ausscheiden der CONAI als 
Vermittlungsinstanz zwischen Staat und EZLN, den Dialog 
zu reaktivieren. Der Gouverneur von Chiapas trat vor kurzem 
mit einem «Plan zurEntspannung» an. Während täglich neue 
Militärstützpunkte entstehen und die Zivilbevölkerung be¬ 
drohen, forderte Guillen die Waffenabgabe der zapatistischen 
Basen und bot dafür den «Schutz» des Bundesheers, den 
Rückzug der Truppen in ihre Stützpunkte «lud», die Auto¬ 
ritäten verschiedener verbliebener autonomer Munizipien 
ein, sich an «Übergangsregierungen» für diese Munizipien 
zu beteiligen. Bewährte Praxis: integrieren oder zerstören. 
Auf diesen neuen Akt des bitteren Zuckerbrot-und Peitsche 
Theaters antwortete die EZLN nicht mit der von vielen 
erwarteten militärischen Aktion, sondern mit der bereits 
erwähnten 5. Deklaration der Selva Lacandona. In ihr be¬ 
kräftigt die EZLN nochmals ihren Willen zur friedlichen 
Lösung des Konfliktes und fordert alle «ehrlichen Männer 
und Frauen» zum Kampf für die Anerkennung der Rechte 
der indigenen Bevölkerung auf. Das Kernstück ihrer Er¬ 
klärung soll eine erneute nationale Befragung, diesmal über 


dielniüativederCOCOPA überdas «Leylndfgena»,bilden. 14 
Die Strategie ist klar. Die überfällige und bisher nur in 
Indigenaorganisationen oder in Kreisen interessierter Intel¬ 
lektueller geführte Diskussion um die Rechte der mexikani¬ 
schen Indfgenas soll in der gesamten Gesellschaft verankert 
werden. Bleibt zu hoffen,daß die viel zitierte Zivilgesellschaft 
endlich aus ihrer monatelangen Erstarrung erwacht und ihre 
- vielleicht letzte- Chance zur Demokratisierung der mexika¬ 
nischen Dominanzgesellschaft ergreift.... 


1. «Las Abejas» gehören zu jenen Gemeinden die sich nicht als 
zapatistische Gemeinde verstehen, gleichwohl die Forderungen 
der EZLN größtenteils tragen. Die propagierte Unabhängigkeit 
dieser Gemeinden kann als Versuch betrachtet werden, den po¬ 
litischen Kampf um die Autonomie nicht an den Auseinan¬ 
dersetzungen zwischen PRIisten und Zapatistlnnen scheitern 
zu lassen. 

2. Die CONAI fungiert bereits seit Anfang 1994 auf Gesuch von 
EZLN und Regierung als notwendige Vermittlungs- und Über- 
setzungsinstanz, seit einigen Monaten beschuldigt die 
Regierung, die CONAI als Sprachrohr der EZLN zu fungieren. 


SF 3/98 [7] 








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3. COCOPA (Kommission für Übereinkunft und Befriedung) 
besteht aus Parlamentariern von 4 Parteien PRI, PRD (links¬ 
liberale Opposition), PAN (christlich-konservative Nationale 
Partei), PT (Arbeiterpartei, Ablegerder PRI), die Kommission 
kann nur über Konsens entscheiden. Die COCOPA unterstützte 
im Verlauf der Friedensverhandlungen immer stärker die 
Positionen der EZLN. 

4. Municipios (Munizipien) lassen sich hierzulande mit Ver¬ 
band sge me indes trukturen vergleichen. 

5. Hier sind wir! Leisten wir Widerstand ! 

6. Da im Kampf der indigenen Bewegungen immer wieder die 
Rede von indigenen «Völkern» ist, möchte ich daraufhinweisen, 
daß dieser Selbstdefinition einerseits die Alltagssprache ande¬ 
rerseits alltägliche Lebenspraxen zugrunde liegen, während die 
territoriale Zugehörigkeit nachrangig ist. Die Differenzierung 
findet in Mexiko zwischen Indfgenas und Nicht-Indfgenas statt, 
die Zugehörigkeit zu den jeweiligen Sprachgruppen wird prin¬ 
zipiell als gleichwertig betrachtet. 

7. In San Andres SachaVchem de los Pobres war in vier ver¬ 
schiedenen Arbeitsgruppen über indigene Rechte und Kultur 
verhandelt worden. 

8. ZonaNorte nennt sich das hauptsächlich von Chol es bewohnte 
Grenzgebiet zu Tabasco indem schon seit Jahren vehement 
paramilitärische Gruppen auftreten. Als «Altos» wird das Mit- 
tclgebirgsgebiet um San Cristöbal de las Casas bezeichnet 
indem hauptsächlich Tzotziles leben. 

9. Die Idee hinter dieser Struktur ist aus diesen Regionen heraus 
Repräsentantinnen in den M exikanischcn Kongreß zu entsenden, 
die nicht qua Parteizugehörigkeit, sondern dank ihrer Verdienste 
_ r e ig ene n Gemeinden und Regionen, nach den üblichen 

ebräuchen und Gewohnheiten also, gewählt werden und 
n p 0mit dlC ^ eform der Staatsstruktur einläutcn sollen. 

HL Es läßt sich nicht leugnen, daß die seit 94 landesweit entste¬ 
hende indigene Frauenbewegung sich beständig im Span¬ 
nungsfeld zwischen der «nach außen» gerichteten Verteidigung 
i rer indigenen Gewohnheiten und Gebräuche bei zeitgleicher 
«nach innen gerichteter» grundlegender Infragestellung der 
sexistischen Implikationen eben jener «Traditionen» bewegt. 

uch ist offensichtlich, daß gerade die Frauen in den autonomen 
Gebieten diejenigen sind, welche dem «Krieg niedriger 
ntensität» am ungeschütztesten ausgesetzt sind und daß unter 
diesen Bedingungen ihre mühsam erkämpften Freiräume immer 
enger werden. Diese Widersprüche können jedoch den Erfolg 
leser Frauenbewegung, welche sich explizit im Kontext der 
gemischtgeschlechtlichen indigenen Autonomiebewegung 
verortet, nicht schmälern. 

Entwürfe zum Modell autonomer Regionen innerhalb des mexi- 
amschen Staates werden in Chiapas u.a. auch von der Frente 
Independieme de Indios (FIPI) oder dem Consejo General de 
as egjones Autönomas Pluriethnicas (CGRAP) vertreten. 
U . les ® . ntwür f e kann hier leider nicht näher cingegangen 
erden, bet allen Organisationen ist klar, daß sic die autonome 
, tor ^ anis ‘ erun 8 als notwendig dafür ansehen, sich endlich 
akenarrne n der allgegenwärtigen PRI zu lösen, die 
seit Jahren mit ihrer Strategieder «Integration oder Repression» 
jeden organisierten Widerstand der Campesinobcvölkerung zu 
zerstören wußte. 

, o . * st die Internationale Arbeitsorganisation der UN. 

• Auszugsweise Übersetzung aus dem «Guta de Aplicaciön del 
Conventonum. 169”. 169 de la OTT (ILO). Elaborado por 

T ^ Uela I 0mei y ^ Swepton, de la Oficina Intemacional de 
trabajo (Ginebra, julio de 1996). 

as Modell der «Volksbefragung» wurde seitens der EZLN 
ereits me mals praktiziert und bewirkte beim letzten Mal als, 
es arum ging, ob die EZLN sich zu einer politischen Kraft 
mwandeln solle stark mobilisierend. Überall im Land (und 
• . .. man eren Ländern)entstanden Komitees die Diskussionen 
initiierten und die Befragungen durchführtc. 


[8] SF 3/98 









Das Vampir-Projekt 

Wissenschaftler auf der Jagd nach den Genen der 

Ureinwohner 

von Claus Biegert 


in Schneesturm zwingt mich 
im Staat New York zur 
Schrittgeschwindigkeit. 
Südlich der Stadt Syracuse verlasse ich 
die Vereinigten Staaten von Amerika. 
Ich überquere eine Grenze, die kein 
Straßenatlas nennt und über die in 
Washington kaum ein Politiker so recht 
reden mag. Trotzdem werde ich auf 
dem Interstate Highway 81 darauf 
hingewiesen. Weiß auf dunkelgrün steht 
cs auf dem Schild neben der Straße, 
trotz des Schneetreibens sichtbar: 
Onondaga Nation Territory. 


Völkerbund: Mohawk, Cayuga, Oneida, 
Onondaga, Seneca und Tuscarora. Sie 
selbst sprechen von sich gemeinsam als 
Haudenosaunee - Menschen der langen 
Häuser. In der Mitte von Onondaga 
steht so ein langes Haus: Ort der 
Ratsitzungen, Feste und Zeremonien. 

Längst ist Iroquoia geschrumpft; 
verstreuteinsein im US-StaatNew York 
und in den kanadischen Provinzen On¬ 
tario und Quebec sind übrig geblieben. 
Treffen sich die Häuptlinge aller sechs 
Nationen zur Ratssitzung , dann reisen 
sie zum Langhaus von Onondaga. 


Noch immer werden hier die Häupt¬ 
linge von den Clan-Müttern ernannt, 
den ältesten Frauen des Stammes, seit 
800Jahrenre gelt das Große Gesetzdes 
Friedens als Verfassung das Zusam¬ 
menleben und die ..Beziehung zum 
weißen Amerika. Im 18. Jahrhundert 
studierte Benjamin Franklin diese Ver¬ 
fassung und sah in ihr ein Vorbild für 
die neuen Kolonien. 

Hier treffe ich Oren Lyons, Mitglied 
des Rats der Häuptlinge. Lyons ist Ma¬ 
ler, Professor für Native American Stu- 
dies an der University of Buffalo und 
Politiker. Es ist nicht selbstverständlich, 
ihn hier zu treffen, denn seine Tätigkeit 
führt in oft hinaus in die Welt: Moskau, 
Genf, Melbourne und Rio de Janeiro. 
Aus dieser Welt kommt der Gegenstand 
unserer Unterhaltung an diesem Don¬ 
nerstag im Januar. Oren Lyons ist in 
Sorge: das Volk der Onondaga ist in 
den Fokus wissenschaftlicher Interessen 
geraten. Das sogenannte «Human Ge¬ 
nome Diversity Project» will weltweit 
die Gene bedrohter Völker untersuchen. 
Eine Liste ist aufgetaucht mit 722 
Völkern - Onodaga ist eines davon. 




Onondaga ist das politische Zentrum 
von Iroquoia, dem Einzugsgebiet der 
Irokesen, jener indianischen Konföde¬ 
ration, deren Streitkräfte Mitte des 18. 
lahrhunderts die Engländer im Über¬ 
seekrieg gegen die Franzosen siegen 
ließ. Sechs Nationen umfaßt der 


Ähnlich dem Gallierdorf des Asterix im 
römisch-besetzten Gallien hat das klei¬ 
ne Volk der Onondaga bis heute gegen 
das Rom der neuen Welt, Washington 
D.C., stand gehalten. Die juristische 
Gewalt der USA reicht nicht hinein in 
die kleine Welt von Onondaga. 


“Laß Dir eines sagen: Wenn Du lesen 
mußt, daß Du zu denen gehörst, die 
zum Aussterben verdammt sind, dann 
verlangt das eine Erklärung von den 
Leuten, die dich auf ihre Liste gesetzt 
haben. Wir verlangen eine Erklärung 
für diese Kategorie, aber bis heute ist es 


SF 3/98 [9] 






uns nicht gelungen, zu den Urhebern 
vorzudringen. Immerhin steht dahinter 
ein langer Prozess, es gab sogar Hea¬ 
rings im US-Kongress, aber die Öffent¬ 
lichkeit hat davon nicht rechtzeitig er¬ 
fahren. Wir wollen wissen, wases damit 
auf sich hat, Völker, die vom Ausster¬ 
ben bedroht sind, noch schnell genetisch 
zu erfassen, bevor sie endgültig ver¬ 
schwunden sind. Man will unsere DNA. 
Man will unser Blut. Wir haben es also 
mit einer Rückkehr zu den anthropolo¬ 
gischen Studien des 19. Jahrhunderts 
zu tun. Blutproben, Hautproben, Haar¬ 
proben. Wir werden untersucht, ge¬ 
messen, katalogisiert. Aber vor allem 
stellt sich die Frage: Warum ist es 
notwendig, von diesen 722 bedrohten 
Völkern den genetischen Code zu er¬ 
fahren? Und wer hat diese Völker als 
bedroht eingestuft? 

Es ist komisch: Inden Vereinten Natio¬ 
nen sprechen sievonMenschenrechten, 
also individuellen Rechten, und so gut 
wie nie werden in der UNO die Rechte 
eingeborener Völker diskutiert, ihre 
Rechte als Gruppen, als Nationen. Und 
plötzlich, beim Human Genome Diver- 
sity Project, haben wir es mit Gruppen 
zu tun, mit indigenen Nationen, die 
ausdrücklich als solche ausgewiesen 
werden. Ist das nicht seltsam: Auf dem 
einen Forum ist es so verdammt schwie¬ 
rig, uns als Nationen anzuerkennen, 
und auf dem anderen Forum passiert es 
ohne unser Drängen. 


s 5 


£ 

3 ; 

? 



Wir müssen handeln und wir müssen 
es jetzt tun, denn dies ist ein g igantisches 
Unternehmen für Anthropologen, die 
sich einen Job suchen. Und auf einmal 
gibt es da dieses grandiose Projekt, das 
viele, viele Jobs verspricht. Und welche 
Summen hineingesteckt werden! Es 
taucht dann natürlich die Frage nach 
den Sponsoren auf. Wer finanziert das 
Ganze? Wie wir wissen, sind die Ver¬ 
einigten Staaten bereits dabei, Gene 
patentieren zu lassen. Sie haben bereits 
versucht, die Gene eines Menschen in 
Panama zu patentieren. In diesem spe¬ 
ziellen Fall hat sich das Land dagegen 
gewehrt: Panama istes gelungen, dieses 
Patent zu vereiteln. Aber dann gibt es 
diesen Mann aus Papua-Neuguinea, der 


bereits patentiert ist. Jetzt sagen die 
Gerichte, die Gewebe- und Blutproben 
sind im Labor modifiziert worden und 
gehören daher nicht mehr der Person, 
der sie entnommen wurden. 

Jetzt bewegen wir uns aber auf die 
Frage zu, wem was gehört. Es ist sehr 
raffiniert, dein Blut als nicht mehr dein 
Eigentum zu bezeichnen, nur weil es 
durch einen Laborprozess gegangen ist. 
Hier stellen sich grundsätzliche ethische 
Fragen; nicht rechtliche Fragen, denn 

dieGesetzesindjadazugemacht, solche 

Dinge überhaupt zu ermöglichen, wie 
Gesetze ja schon immer geschrieben 
wurden, um ungerechte Handlungen zu 
sanktionieren. Wir brauchen jetzt also 
keine juristische Diskussion, sondern 


eine ethische Diskussion. Das hier ist 
eine moralische Frage. Wenn diese mo¬ 
ralischen Prinzipien künftig über Bord 
geworfen werden, welche Zukunft 
haben wir dann überhaupt noch? 

Ein Buch fällt mir ein, das ein Freund 
von mir geschrieben hat, Jerry Mander. 
Das Buch heißt: «ln the Absence of the 
Sacred », also: In der Abwesenheit des 
Heiligen. Hinter diesem Titel kommen 
drei Punkte. Weitergeführt muß es 
heißen: In the Absence of the Sacrcd, 
Anything goes - In der Abwesenheit 
des Heiligen, ist alles möglich. Wenn 
das Heilige fehlt, steht kein Hindernis 
mehr im Weg.” 

Ich solle mich bei den Slammes- 
völkem der Welt umhören, hatte mir 










HUGO 


Oren Lyons, der Häuptling der Onon- 
daga geraten. Ich befolge seinen Rat 
und mache mich auf die Reise. Ich 
treffe Menschen aus den USA, Mexiko, 
Kolumbien, Peru, Hawaii und den Phi¬ 
lipinen. Sie heißen: Lahe naf Gay, 
Alejandro Argumedo, Victoria TaulL 
Corpuz. 

Lahenai Gay 

“Das Vampir-Projekt hat in einer 
menschlichen Gesellschaft keine Da¬ 
seinsberechtigung. Menschlichkeit ist 
ein wertvolles Element unserer Kultur, 
das uns aber immer mehr abhanden 
kommt. Der Verlust geht immer schnel¬ 
ler vonstatten. Es ist unentschuldbar, in 
Gemeinschaften indigener Völker ein¬ 
zudringen und Blutproben für wissen¬ 
schaftliche Recherchen zu nehmen, 
ohne die Bewohner darüber aufzu¬ 
klären, was mit ihrem Blut geschieht. 
Jedes menschliche Wesen auf diesem 
Planeten hat das Recht, zu wissen, was 
mit Teilen seines Körpers geschieht, 
die man ihnen entnommen hat. 

Die Patentierung der Gene indigener 
Völker ist - mir fehlen die Worte - es ist 
erschreckend, es ist unentschuldbar, es 
ist schmachvoll, es ist obszön. Die ge¬ 
netische Identität gehört dem Menschen. 
Wenn uns irgendwas noch gehört, dann 
ist es das.” 


Alejandro Argumedo, 
Aimara (Peru) 

Man könnte es als moderne Variante 
der Sklaverei bezeichnen, vielleicht so- 
S ar als moderne Form des Kanniba¬ 
lismus. Derzeit werden die indigenen 
Völker von einem Schwarm von For¬ 
schem heimgesucht. Sie kommen von 
Universitäten und privaten Firmen. Sie 
haben offenbar erkannt, daß unsere 
Isolation für sie ein gutes Geschäft be- 



HUGO steht für das Human Genome Projeet. Dahinter verbirgt sich ein interna¬ 
tionales Geflecht von Forschern und Instituten, die sich zum Ziel gesetzt haben, 
bis zum Jahr 2005 die gesamte Erbinformation des Menschen zu entschlüsseln. 
Der Kopf des Ganzen ist der Nobelpreisträger D. Watson; 199Ö’rief er die Wis¬ 
senschaftswelt auf, sich an einem Humanen Genomprojekt zu beteiligen. 

Sogenannte Sequenzier-Roboter entziffern heute das Erbgut des Menschen. 
Derzeit gelten nahezu 8000 Gene als entschlüsselt. Immer noch ein Bruchteil, 
wenn man bedenkt, daß allein im Gehirn über 50 000 Gene im Lauf eines Lebens 
aktiv sind. Ist die Identifizierung abgeschlossen, folgt als nächste Etappe das 
Zusammenwirken der Gene. Mit diesem Wissen über Erbanlagen wollen die 
Molekularmediziner die Ursachen von Krankheiten erforschen. Maßgeschnei¬ 
derte Gentherapien sollen im 21. Jahrhundert die Medizin revolutionieren. 

Zwei Jahre nach HUGOs Start meldete sich eine Gruppe von Wissenschaftlern 
der Stanford University in San Francisco und kritisierte, HUGO würde die zum 
Teil isoliert lebenden eingeborenen, diesogenanten indigenen Völker ignorieren 
und damitnichtderVielfaltdermenschlichenRasseRechnungtragen. Wortführer 
der Gruppe war derltaltenerLuigiCavalli-Sforza. Der Einwand der Wissenschaftler 
führte schließlich zur Gründung des Human Genome Diversity Projeet. Das 
Tochterprojekt von HUGO begann im Geheimen. Als die ersten Ureinwohner, es 
waren die Maori Neuseelands, vom Human Genome Diversity Projeet erfuhren, 
gaben sie ihm einen neuen Namen: Das Vampir-Projekt! 


deuten kann. Das reicht vom Human 
Genome Diversity Projeet bis hin zu 
Gen-Banken der US-Armee. Es ge¬ 
schieht rund um die Welt: Sie holen 
sich Blut und Haare und lagern sie bei 
sich im Norden, für Forschungszwecke 
die, wie sie sagen, der ganzen Mensch¬ 
heit dienen werden. Aber die Proben 
enden dann in Privatbesitz. Und dafür 
gibt es vorsorglich ein System: zum 
Beispiel GATT, das Generalabkommen 
für Handel und Verkehr; in diesem Ab¬ 
kommen gibt es Klauseln über Handel 
mit und Besitz von geistigem Eigentum. 
Dazu kommt ein Patentsystem, das er¬ 
laubt, wertvoll erscheindende Gene und 
DNA-Sequenzen zu patentieren. Damit 
gerät man in den Besitz einer Firma. 
Deshalb nenne ich es eine moderne 
Form der Sklaverei. 

Wir haben die Gesetze studiert, aber 
keine Richtlinien gefunden, die. uns 




W©rM 


African Peoples 



schützen. DieUS-ArmeesammeliGen- 
Proben rund um die Welt, vor allem von 
jenen, die sie als «isolierte Populatio¬ 
nen» bezeichnen. Sie bewahren ihre 
Proben in Fort Dittrich auf, dem US- 
Zentrum für biologische Kriegsführung. 
Diese Materialien werden verwaltet von 
einer Firma namens SAIC, in deren 
Vorstand Leute sitzen, die widerum mit 
dem CIA und dem National Defence 
Council verbunden sind. Zum einen 
kommen die Gen-Proben also vom Mi- 
litär,zum anderen von eineröffentlichen 
Einrichtung, dem National Institute of 
Health, und beide arbeiten zusammen. 
Und es gibt keine Richtlinie, die besagt: 
Eine Probe darf nur für diese bestimmte 
Art von Forsch ung verwendet werden. ” 


Lahenar Gay 

“Und was wird in den Labors unter¬ 
sucht? Hier offenbart sich die Verwund¬ 
barkeit dieser Leute. Das ist ein furcht¬ 
bares Potential des Projekts. Wer ist 
genetisch gegen Krankheiten gewapp¬ 
net und wer nicht? Lassen sich gar 
unsichtbare Gifte entwickeln, die bei 
einer Gruppe angewendet werden, die 
ein Problem darstellt, die womöglich 
einer wirtschaftlichen Entwicklung im 
Wege steht. Diese Problemgruppe läßt 


3/98 [11] 






sich nicht umsiedeln, das käme viel zu 
teuer. Da die Gruppe genetisch erfaßt 
ist, wird ein neuer Weg beschritten. 
Man weiß, daß Gen 246 und Gen 347 
gegen bestimmte Gifte empfindlich ist. 
Diese Gruppe hatdieseGene, und später 
wird es heißen, sie seien alle durch eine 
unbekannte Seuche gestorben.” 

Victoria Tauli-Corpuz, 
Kankanaey - Igorot 
(Philipinen) 

“Es ist, als würden sie das Leben aus 
den indigenen Völkern heraus holen. 
Vor drei Jahren kamen sie und wollten 
die Gene der Aitas, eine der indigenen 
Gruppen auf den Phillipinen. Hoff- 
mannLaRoche hörte von einem Doktor 
in Aloha auf Hawaii, der mit einem 
Ärzteteam in die Region eines Vulkan¬ 
ausbruchs gehen wollte, genau die Re¬ 
gion, in der die Aitas leben. Hoffmann 
LaRoche wollte wissen, ob sie eigene 
Wissenschaftler schicken könnten, um 
das Hilfsteam zu den Aitas zu begleiten, 
um auf diesem Weg genetisches Mate¬ 
rial der Aitas zu gewinnen. Wir hatten 
Glück: der Arzt in Hawaii, der den 
Brief erhielt, ist ein Freund von uns und 
schickte uns eine Kopie des Schreibens. 
Das war für mich der Gipfel der Ge¬ 
fühllosigkeit: Man geht in ein Katastro¬ 
phengebiet und sammelt Gene, verbor¬ 
gen unter dem Mantel der Hilfeleistung. 
In einem Katatrophenfali tun ja die Leute 
auch alles. 

Mein Volk, die Igorot, gehört auch 
den über 700 Völkern, von denen gene¬ 
tisches Material gesammelt werden 
soll.” 

Der Protest gegen die Blutentnahme 
ohne volles Wissen, verbunden mit der 
Möglichkeit späterer Patentierung der 
Gene lassen den Widerstand unter den 
Ureinwohnern weltweit anwachsen. 
Hinzu kommt aber auch eine Angst: die 
Angst, das Forschungsprojekt HUGO 
samt seinem Sproß «Human Genome 
Diversity Project» könnten bei zuneh¬ 
menden Fortschritten in der Moleku¬ 
larbiologie zu einem Wiederaufleben 
der Eugenik führen. 

Während meiner Recherchen suche 
ich in der offiziellen Berichterstattung 
vergeblich nach dem Vampir-Projekt. 
Was immer ich lese, steht in kleinen 



South American 




Mexico 

Central 

America 






vaiaer 


Frederick H- k e< 

People Center i 


aus der Feder indigener Aktivisten oder 
kritischer Wissenschaftler. Mit einer 
Ausnahme: Der britische 

Fernsehsender «Chanel 4» hatte einen 
Dokumentarfilm in Auftrag gegeben 
Der Film «Gene Hunters , Gen Jäger 
- ist bis heute konkurrenzlos. Die Filmer 
begleiteten ein Team von Ärzten und 
Biochemikern zu isolierten Stammes¬ 
gruppen im Regenwald Kolumbiens. 
Bei den Vereinten Nationen in Genf 
treffe ich Luke Holland, den Produ¬ 
zenten des Films. Aus «Gen Hunters» 
stammen die folgenden Zitate der Wis¬ 
senschaftler. 

DrJanietle Noble ist Mitarbeiterin 


des Pharmakonzerns Hoffman LaRoche 
und dessen Tochterfirma, dem For¬ 
schungslabor Roche Molecular Sys¬ 
tems. Sie gehörte zu der Expedition in 
den Regenwald Kolumbiens, die vom 
Filmteam begleitet wurde. 


Dr. Janielle Noble, Roche 
Molecular Systems Inc., 
California 

Ich denke, daß der Wert des Human 
Genome Diversity Project unschätzbar 



E$§drü0 s 


© Northwest Coast Indians Zd> 


Gallery 77 

Special Exhibitions 


Haini* 11 



[12] SF 3/98 






hoch ist. Wir müssen Zugang haben zu 
diesen Proben, um untersuchen zu 
können, wie sich Gene in isolierten 
Bevölkerungen entwickelt haben. Wir 
müssen es tun, solange sie noch eini¬ 
germaßen isoliert sind. Wir können bei 
Völkern wie hier, die sich noch nicht 
vermischt haben, zu Erkenntnissen 
gelangen, die wiran unserer gemischten 
Gesellschaft anwenden können. 

Auf Grund unserer Arbeit mit Ko¬ 
lumbianern haben wir den Zugriff auf 
Proben, die in Kolumbien gesammelt 
wurden. Damit sind wir in der Lage, für 
das Human Genome Diversity Project 
einen wertvollen Beitrag zu leisten. Den 
Nutzen, den der Stamm dadurch hat, ist 
der, daß wir mit einem Ärzteteam hier¬ 
her kommen und medizinische Vorsor¬ 
ge bieten können; oft ist auch ein Zahn¬ 
arzt im Expeditionsteam, damitkönnen 
wir dann Untersuchungen anbieten, auf 
die sie sonst verzichten müßten. 

Es hatkeinen Sinn, ihnen zu erklären, 
was wir mit der DNA anfangen, denn 
sie würden es doch nicht verstehen. 
Aber ich denke, sie verstehen es, so gut 
sie können und geben dann ihr Einver¬ 
ständnis. Meine idealistische Seite als 
Wissenschaftlerin sagt mir, daß dies 

heit geschieht. 

Diese Blutproben aus Kolumbien sind 
eine Goldgrube; ohne sie hätten wir 
nicht die Möglichkeit, diese Unter¬ 
suchungen zu machen.” 

Während die Wissenschaftler ihrer 
Wissenschaft nachgehen , interessieren 
s ich die Pharmakonzerne als auch das 
National Institute of Health - ein staat¬ 
liches Forschungsinstitut in den USA - 
für die Patente. Zu den prominentesten 
Opfern der Patentierung gehört der 
Amerikaner John Moore. Er hatte in 
den Siebziger Jahren Leukämie und 
wurde geheilt. Für seinen Arzt ein guter 
Grund, sich etwas Gewebe seiner Milz 
zu reservieren und Moores genetischen 
Aufbau unter die Lupe zu nehmen. 

Als eine Patentanmeldung vorlag K flog 
der geheime Deal auf und Moore ging 
vor Gericht. Der Oberste Gerichtshof 
von Kalifornien ließ ihm 1990 zwar ein 
großzügiges Schmerzensgeld zukom- 
tnen, doch blieb ansonsten hart: Seine 
Zellen, so wurde ihm beschieden, seien, 


sobald sie nicht mehr Teil seines 
Körpers seien , nicht mehr sein Eigen¬ 
tum. Ein Grundsatzurteil, das wie kein 
anders den Lauf der Dinge seitdem be¬ 
einflußt. John Moore. Wahrscheinlich 
hätte über allem noch lange ein Mantel 
des Schweigens gelegen, gäbe es nicht 
RA.F.I. in Kanada. Ausgeschrieben 
heißt die Organisation «Rural Ad- 
vancement Foundation International». 
RAFI-Gründer Pat Mooney und sein 
Kollege Cary Fowler sind Träger des 
Alternativen Nobelpreises. In den acht¬ 
ziger Jahren deckten sie die Methoden 
der Saat-Multis auf, die systematisch 
lokale Getreidesorten und lokale 
Farmwirtschaft weltweit zerstören. 
R.A.F.I. versorgt heute die kleinen 
Völker im Visier der Gentechnik mit 
den nötigen Informationen, vor allem 
über das Internet. In North Carolina 
spreche ich mit EdwardHammond, den 
Leiter des US-Büros von RAFI. 

Edward Hammond, 
R.A.F.I. 

“Es ist uns gelungen, dem Ganzen eine 
Dollarperspektive zu verpassen: 428 
Millionen Dollar beträgt derzeit der 
Jahresumsatz in menschlichen Proben. 
Wir haben es mit einer Industrie zu tun, 
die im Wachsen begriffen ist, nach Ein¬ 
schätzung von Experten mit einer 
jährlichen Wachstumsrate von 13 Pro¬ 
zent. Mit Beginn des nächsten Jahrhun¬ 
derts ist mit einem Jahresumsatz von 
einer Milliarde Dollar zu rechnen. So¬ 
bald diese Organ- und Körperteil- 
Industrie aus den Kinderschuhen heraus 
ist, wird nach Meinung der Experten, 
mit einem Jahresumsatz von 80 Milli¬ 
arden zu rechnen sein. Wir haben es 
also mit viel Geld zu tun, wenn wir die 
Patentierung und den weltweiten Handel 
mit Bestandteilen des menschlichen 
Körpers betrachten. 

Was als besorgniserregender Faktor 
noch hinzu kommt, ist die Verquickung 
von Industrie und Militär. Wissen¬ 
schaftler beider Bereiche sammeln und 
untersuchen gemeinsam Proben 
menschlicher Vielfalt. Wir haben heraus 
gefunden, daß eine Vertragsfirma des 
US-Verteidigungsministeriums,Scien¬ 
ce Application International , auf das 


FALLING DOWN 
RECORDS 

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Sammeln genetischen Materials spe- 
zialisert ist und sonst für das US-Ge¬ 
sundheitsministerium arbeitet. Die 
Firma entwickelt auch Verfahren zur 
genetischen Sequenzierung.” 

Bestätigt wird R.A.F.I. von zwei 
Zeitgenossen, die wissen, woher der 
Windin der Finanzwelt weht: Bül Gates 
und Paul Allen, die Gründer von Mic¬ 
rosoft ; 1994 investierten sie 10 Mil¬ 
lionen US-Dollar in die Gentechnik- 
Firma Darwin Molecular Technologies 
Inc. 

Es hat durchaus etwas Verschwö¬ 
rerisches, als ich mich mit Dr. Tony 
Socci im Restaurant des Hotels «Vier 
Jahreszeiten» in Washington treffe. Er 
hat den Ort vorgeschlagen. Ihm ist es 
wichtig, ungestört zu sein. Denn Tony 
Socci arbeitetfür die US-Regierung: er 
gehört zum «U.S.Global Change Re- 
searchProgram»,einemTeam,dasden 
Präsidenten in ökologischen Fragen 
berät. Mit dem Human Genome Di- 
versiiyProject hatte er nie etwas zu tun, 
bis er den Onondaga-Häuptling Oren 
Lyons kennen lernte. Dr. Socci recher¬ 
chierte, auf Grund seiner persönlichen 
Empörung, und stieß auf Fragen, die, 
wie er sagt, auf Antworten warten. 
Seitdem hat er etwas mit dem Human 
Genome Diversity Project zu tun. 


Tony Socci, Washington 

“Nehmen wir zum Vergleich die 
Weltklimakonvention, bei der eine be¬ 
stimmte Anzahl von S taaten gemeinsam 
ein internationales Abkommen erar¬ 
beiten, um Klimaveränderungen vorzu¬ 
beugen und den globalen Ausstoß von 
Treibhausgasen zu verringern. Wenn 
bei einem solchen Prozess die Kritiker 
der Klimapolitik ausgeschlossen wor¬ 
den wären, wäre das ganze Unterneh¬ 
men entgleist, und es hätte Jahrzehnte 
gedauert, um einen neuen Prozess in 
Gang zu setzen, der die nötige Glaub¬ 
würdigkeit und Unterstützung hätte. 

Die fehlende Mitwirkung, die feh¬ 
lende Einladung zur Teilnahme, die 
ganze Art, wie das Projekt durchge¬ 
zogen wurde, ist für mich kolonia- 
listisch. Ich kann deutlich sehen, warum 
aus den Kreisen indigener Völker der 
Vorwurf des Kolonialismuskommt. Die 



lorial Guggeah 
«f Hall of 
is t Minerals 


iü 


Mollusks Humaa 
and Our Blology 
World aml||jg 

I Evoiidron 


Theater, 


Harold F. 

Linder 

Theater 


Mitarbeiter versuchen, Proben von je¬ 
nen, vom Aussterben bedrohten Kul¬ 
turen zu bekommen, solange jene noch 
existieren. Ich persönlich habe damit 
ein ethisches Problem. Es ist interessant, 
daß Anthropologen es als Ziel ihrer 
Arbeiterachten, das genetische Material 
indigener Völker zu retten, aber nichts 
unternehmen, um die Kulturen selbst 
zu retten. 


Alamos untersteht heule dem US- 
Energieministerium - und kümmert sich 
um die Gene der Menschen. 

Greg Mello, Santa Fe 

“Der Skeptiker muß sich die Frage stel¬ 
len: Warum ausgerechnet Los Alamos? 
Warum passiert das Ganze nicht an 


NachLos Alamos zufahren, hatteich 
eigentlich nicht vor. Hier, im Atomfor- 
schungszentrum der USA waren in den 
vierziger Jahren jene Bomben entwik- 
kelt worden, die später die japanischen 
Städte Hiroshima und Nagasaki zer¬ 
störten. Doch dann treffe ich Greg Mello 
in Santa Fe. 

Im Auftrag der Umweltschutzbehörde 
der Regierung von New Mexico kam 
der Ingenieur und Hydrologe Greg 
M ello in den Siebziger Jahren nach Los 
Alamos, Nachdem Mello, nicht ohne 
Widerstand der Wissenschaftler, hinter 
die Kulissen des gigantischen Labors 
geblickt und die Verseuchung rund um 
Los Alamos erkannt hatte, wechselte er 
das Lager. Heute leitet er die «Los Ala¬ 
mos Study Group», eine Bürgerinitiative 
in Santa Fe, die regelmäßig berichtet, 
was in Los Alamos vorgeht, aber von 
den Medien verschwiegen wird. Los 


V'UKan uuenuiüuen un, zum 
an einer Universität? Ist es die Com¬ 
puter-Kapazität? Aber die Computer 
von Los Alamos können ja auch von 
außen benutzt werden. Also bleibt die 
Frage nach der Verbindung des Human 
Genome Project zu der Informations¬ 
auswertung, die in Los Alamos be¬ 
trieben wird? Mit Sicherheit werden 
sich die die Methoden der Kriegsfüh¬ 
rung in Zukunft ändern; ein Wandel ist 
bereits im Gange. In den US A hat dieser 
Wandel bereits einen Namen: Revo¬ 
lution in militärischen Angelegenheiten 

- Revolution in Military Affairs, abge- 
kürztRMI. In diesem Programm werden 
neue Waffensysteme entwickelt, die 
äußerlich nicht sofort als solche zn 
erkennen sind, sondern mehr wie wis¬ 
senschaftliche Software ausschen. 

Ich persönlich bin noch mehr über 
den Gebrauchswert besorgt, der sich i m 
Umfeld der Gentechnik herauszuschä- 


[14] SF 3/98 





' Charles A 



len beginnt: In der Nuklearindustrie 
gibt es diverse Aufgaben, bei denen es 
unvermeidlich ist, sich radioaktiver 
Strahlung auszusetzen: zum Beispiel 
Schwcißarbcitcn an einem undichten 
Reaktor. Im Raum New York City und 
New Jersey kann es durchaus Vorkom¬ 
men, daß auch der letzte zugelassenen 
Schweißer nicht mehr zur Verfügung 
steht, da er, wie alle seine Kollegen, 
bereits die offiziell zugclasscne Strah¬ 
lendosis erhallen hat. Es wäre daher 
nützlich, über Personen zu verfügen, 
die gegenüber radioaktiver Strahlung 
eine gewisse Resistenz zeigen. Es gab 
uueh schon diesbezügliche Tests.” . 

Nach dem Gespräch mit Greg Mello 
ist es klar, wo die nächste Station meiner 
Reise sein wird. In Los Alamos treffe 
ich Gary Klever. Gary Klever ist ein 
junger Wissenschaftsjournalist und 
einer der 15 Public Relations-Beamte 
des Atomlabors. Wir haben uns im 
Science Museum verabredet. Als ich 
dasMuseumbetrete, traueich, wie man 
so schön sagt, meinen Augen nicht: In 
hiesigen Lettern lese ich «The Human 
Genome Projecl» und «Life Sciences». 
1995, als hier das 50. Jahr des Atom- 
Zeitalters zelebriert wurde, gab es kein 
einziges Indiz für die Mitarbeit am 


Genome-Projekt. Hatte das Ziel der 
Forschungen gewechselt? War man von 
den Waffen zu den Genen gewechselt? 

Gary Klever, Los Alamos 

“Warum Los Alamos? Los Alamos war 
immer schon mit Strahlenversuchen 
befaßt; einfach schon bedingt durch 
seinen ursprünglichen Auftrag. Und da 
radioaktive Strahlung auf der Mole¬ 
kularebene starke Veränderungen her¬ 
vorruft, ist es eine logische Konsequenz, 
daß sich Los Alamos jetzt der Erfor¬ 
schung des menschlichen Genoms zu¬ 
wendet. 

Man denkt bei uns unwillkürlich an 
Waffenentwicklung, und es stimmt 
auch: Livermore und Los Alamos sind 
die führenden Labore für Waffenent¬ 
wicklung in den USA. Es entbehrt sich 
nicht einer gewissen Ironie, daß wir als 
Waffenexperten ausgerechnet am 
Human Genome Project mitarbeiten, 
aber die Grundlagenforschung hat in 
beiden Fällen die gleiche Geburtsstätte, 
bedingt einmal durch eine extreme 
Computer-Power, danndie besten Wis¬ 
senschaftler der Welt und schließlich 
Methoden. Alle Labors des Energiemi¬ 
nisteriums haben in der Vergangenheit 
weit mehr geleistet, als nur Waffen¬ 
forschung. 

An Los Alamos führt kein Weg vor¬ 
bei, egal um welche naturwissenschaft¬ 
liche Disziplin es sich handelt.” 

Zurück in Europa. Hier werde ich 
endlichLuigi Cavalli-Sforza treffen,den 
zu sprechen, mir in den USA nie gelun¬ 
gen ist. Der geistige Vater des Human 
Genome Diversity Project pendelt zwi¬ 
schen Italien und Kalifornien. In Mai¬ 
land öffnet mir ein weißhaariger 
Gelehrter die Tür. Professor Cavalli- 
Sforza entspricht dem Bild des Labor¬ 
professors, auch wenn er keinen La¬ 
bormantel trägt und mich, italienisch 
gut gekleidet, zum Espresso an den 
Wohnzimmertisch bittet. Das also ist 
der böse Mann, der Genjäger, dessen 
Name in der Welt der Stammesvölker 
nur verächtlich ausgesprochen wird. 
Der Vater des Vampir-Projekts. Als ich 
R.A.F.I. erwähne wird er wütend, in 
Pal Mooney, dem Gründer der Orga¬ 
nisation, sieht er fast einenpersönlichen 
Feind. In jedem Fall einen Feind der 
Wissenschaft. Und Professor Cavalli- 



Sforza ist Wissenschaftler mit jeder 
Faser, Patentierungen sind nicht sein 
Streben. Ihn interessieren die Wan¬ 
derungen der Völker, die Wege, die die 
Spezies Mensch bei ihrer Ausbreitung 
über den Erdball gewählt hat. Diese 
Forschungen haben* ihm bisher auch 
einen guten Ruf eingetragen: Konnte er 
doch nachweisen, daß Rassismus keine 
genetische Grundlage hat, da es nur 
eine Rasse gibt, und die heißt Mensch. 
Seine Arbeiten decken auf, daß der 
genetische Unterschied innerhalb der 
Engländer größer sein kann, als 
zwischen einem Schotten und einem 
Japaner. 

Ich erzähle Luigi Cavalli-Sforza von 
meinen Gesprächen mit seinen Geg¬ 
nern, und ich nenne deren Vorwürfe. 
Die hört er nicht zum ersten Mal. 

Professor Luigi Cavalli- 
Sforza 

“Indigene Völker sind Völker derWelt. 
Wir fragen auch nicht die Europäer als 
Gruppe, ob sie einverstanden sind, an 
einer wissenschaftlichen Untersuchung 
teilzunehmen. Es ist unmöglich, alle 
Völker aufzusuchen. Trotzdem haben 
wir sogar so einen Versuch unternom¬ 
men. Es gab ein Treffen in Guatemala, 
wo unsere Vertreter nicht zu Wort 
kamen, denn die indigenen Vertreter 
haben sich sehr unzivilisiert verhalten. 
Es war ein Treffen, für das die UNO 
geworben hatte. Aber indigene Völker 
sind von Natur aus sehr unorganisiert 
und können sich nicht auf Repräsen¬ 
tanten einigen. Was brächte es daher, 
wenn wir sie aufsuchen würden? Man 
würde uns womöglich genauso be¬ 
handeln wie damals in Guatemala, man 
ließe uns nicht zu Wort kommen und 
wir könnten die Dinge nicht erklären. 
Sie würden uns die gleichen Lügen 
auftischen, die ihnen RAFI erzählt hat. 
RAFI hat ihre Köpfe mitLügen gefüllt. 
Wir haben es jedenfalls nicht nötig, 
indigene Organisationen zu konsul¬ 
tieren. 

Es ist natürlich möglich, daß es zu 
Mißbrauch kommt. Aber kann sich 
überhaupt jemand gegen Mißbrauch 
schützen? Kann man verhindern, daß 
die Ergebnisse der eigenen Arbeit von 
anderen mißbraucht werden? Wir je¬ 
denfallstun alles, um dies zu vermeiden. 
Wir dringen immer darauf, daß Men- 


SF 3/98 [15] 





sehen die Proben nehmen und dies im 
Namen einer Regierung tun oder damit 
kommerzielle Ziele verfolgen, sich fair 
verhalten. Mit den Gruppen, die sich 
für Blutproben zur Verfügung stellen, 
muß vertraglich beschlossen werden, 
daß ein Anteil der Gewinne an sie 
zurückfließt. Was die Sache schwierig 
macht, ist oft die Korruption der Re¬ 
gierungen. Medikamente, die gratis in 
die Entwicklungsländer gehen, werden 
ja auch oft von den Politikern kassiert 
und dann im Land verkauft. Ich weiß, 
daß das passiert und immer passieren 
wird. 

Man muß realistisch sein und die 
echten Gefahren des Mißbrauchs 
erkennen. Wir haben es hier mit einer 
enormen Übertreibung zu tun. Ich 
vermute, daß die Gegener des Human 
Genome Diversity Project ihre Gelder 
hauptsächlich dafür benutzen, sich 
selbstdarzustellen. R AFI ist die einzige 
Organisation, die alles daran setzt, 
indigene Völker vor uns zu warnen. Sie 
sagen, wir hätten 722 Stämme ausge¬ 
sucht für unsere Recherchen. Ich weiß, 
daß diese Meldung von RAFI in die 
Welt gesetzt wurde. Diese Liste mit den 
722 Völkern gibt einen Überblick über 
jene Völker, die für Untersuchungen in 
Frage kommen könnten. Die Idee da¬ 
hinter war folgende: Angenommen wir 
haben das Geld, 500 Gruppen aufzu¬ 
suchen, zu welchen würden wir gehen? 
Das war die Frage. Und dann wurden 
daraus halt 722. 

Es ist im Grunde lächerlich, denn ich 
kann Vertreter der meisten Völker auch 
anderswo treffen. Allein in San Fran¬ 
cisco findet man Angehörige der meis¬ 
ten Völker. Wir haben bereits viele 
Ethnien in San Francisco untersucht. 
Pygmäen gibt es dort natürlich nicht - 
dazu muß man nach Afrika. Philipinos 
würde ich gerne in ihrer Heimat unter¬ 
suchen, aber es geht auch in San 
Francisco. Wenn die Menschen auf den 
Philipinen nicht wollen, was kann ich 
da schon tun?” 


«Kein Patent auf Leben» heißt eine 
Initiative in München. Ihr Gründer ist 
der Tiermediziner und grüne Politiker 
Dr ■ Christoph Then. Er gehört zu einer 
europaweitenBewegung , die sich gegen 
eine Entscheidung wehrt, die am Ho¬ 
rizont der Europäischen Union in dro¬ 
henden Umrissen bereits zu erkennen 
ist. Im Zuge der Globalisierung soll das 
europäische Patenrecht künftig auch 
die Patentierung von Saatgut, Tieren 
und menschlichen Genen erlauben. 
Während in den USA Gene längst ohne 
Beschreibung irgendeiner Anwendung 
patentiert werden - und dies zu tausen¬ 
den - muß in Europa mit dem Patent¬ 
antrag eine Anwendung vorgelegt wer¬ 
den. Doch selbst wenn das europäische 
Patentrecht künftig weiterhin diese 
Forderung stellen sollte, so wird dies, 
global gesehen, keinen Unterschied 
machen. Denn eine Beschreibung be¬ 
sagt nicht, ob der Plan in der Realität 
auchfunktioniert: Werden zJB. die Gene, 
die für Zellteilung verantwortlich sind, 
tatsächlich zu einer Krebstherapie füh¬ 
ren? Und letztlich wird die Anwen¬ 
dungsbeschreibung nichts anders sein, 
als ein ausgeklügelter Kontext, der das 
Gen in den Besitz des Antragstellers 
übergehen läßt . Gefunden ist erfunden 
sagen sie, und die, die das sagen, haben 
das Sagen. Christoph Then und seine 
MitStreiter werden noch lange nicht zur 
Ruhe kommen. 


Christoph Then 

Ein Beispiel, das zeigt, wie wenig diese 
Patente mit einer Erfindung im her¬ 
kömmlichen Sinn zu tun haben, ist ein 
Patent, das kürzlich erteilt worden ist, 
1995. Dabei geht es um Blut aus der 
Nabelschnur von neugeborenen Kin¬ 
dern, also von Babies. Hier liegt der 
Patentanmeldung nichts anderes zu¬ 
grunde, als daß die Anmelder gezeigt 
haben, man kann das Blut aus der Nabel¬ 
schnur entnehmen und man kann es 


tiefkühlen. Und diese Entnahme des 
Blutes und das Ticfkühlen des Blutes 
machen diese Zellen, diese Blutzellen, 
die da verwendet werden für verschie¬ 
dene therapeutische Zwecke zu einer 
Erfindung dieser Firma. Auf Grund 
dieser ganz einfachen technischen Vor¬ 
gänge ist tatsächlich ein Patent erteilt 
worden, also das Tiefkühlen der Zellen, 
und das die Zellen selber in das Patent 
miteinschließt. Die Zellen des Blutes 
von der Nabelschnur derNeugeborenen 
sind in diesem Zusammenhang durch 
ein Patent «geschützt». 

In Deutschland Befürworter des Hu¬ 
man Genome Diversity Projekts zu tref¬ 
fen, scheint beim ersten Anlauf nicht so 
einfach sein. Ein Mitarbeiter des Pro- 

iallof 

SicHliversIty 



jekts, der in München lehrende Gene¬ 
tiker Svante Pääbo, ist zu beschäftigt, 
um ein Interview zu geben. Nach acht 
Monaten immer wieder neuer Anfragen 
gebe ich auf. Beim Europäischen Pa¬ 
tentamt hat man Schwierigkeiten, den 
richtigen Interviewpartner für mein 
Thema zu finden. Er wird nicht gefun¬ 
den, dochich werde an dasMax-Planck- 
InstitutfürPatentrecht verwiesen. Dort 
sitzt Professor Josef Straus , und der ist 
sofort zu einem Gespräch bereit. In 
seinem Büro in München-Bogenhausen 
erzähle ichihm von meinen Recherchen. 
Als ich den Namen RA.F.I. erwähne, 
ist die Reaktion nicht anders als in 
Mailand bei Cavalli-Sforca. R.A.F.I. 
ist ein rotes Tuch. Ich zitiere verschie¬ 
dene indigene Spreclwr und deren Vor¬ 
würfe des Kolonialismus und des Dieb¬ 
stahls. Professor Straus teilt die Vor¬ 
würfe nicht. 

Patentierung ist in den Augen von Pro¬ 
fessor Straus kein Mißbrauch, sondern 
Schutz. 





Überarbeitung eines Radiobehrages von Claus 

Artikel wurde gekürzt Da 11 ® a ^ ischen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Der 
Ufde ßekÜrZt - Das vollstand ige Manuskript Hegt der Redaktion vor. 









I 


Prof. Dr. Josef Straus 


u Ich bin dafür, daß deren Rechte, 
auch was diekommerzielie Seite angeht, 
gewahrt sind. Daß es im Leben, wie 
überall, auch auf diesem Gebiet zu 
Mißbräuchen kommen könnte, das kann 
keiner ausschließen, aber das können 
Sie auf keinem Gebiet ausschließen. 
Man sollte aber aus der Gesamtinteres¬ 
senlage immer erkennen, daß es immer 
weniger Urbevölkerung gibt, wie es 
auch immer wenigergenetische Vielfalt 
gibt, daß es also wirklich ein gemeinsa¬ 
mes Interesse der Menschheit gibt, so¬ 
viel wie möglich zu retten, zu konser¬ 
vieren für die künftigen Generationen, 
aber auch, und wenn ich jetzt auf die 
Zell-Linien oder besondere geneüsche 
Eigenschaften, die möglicherweise bei 
bestimmten Urbevölkerungen (aus wel¬ 
chem Grund auch immer) vorhanden 
sind - es ist im Interesse der Menschheit, 
auch Nutzen daraus zu ziehen. Und 
zwar nicht nur jetzt, um der Firma Merck 
oder B ay er Leverkusen oder S m i thKlein 
Beecham zu Gewinnen zu verhelfen. 
Denn diese Gewinne machen die ja 
auch nur, wenn sie was Vernünftiges 
auf den Markt gebracht haben. Und was 
Vemünftiges auf den Markt zu bringen 
heißt: Wenn mit Hilfe dieses HTLV, 
das man bei den Papua-Neuguinea Ha- 
gaii gefunden hat, tatsächlich ein gegen 
Aids oder eine andere Erkrankung wirk¬ 
sames Medikament hergestellt werden 
kann, wenn man das bezahlt, wenn der 
Stamm nichts verliert, da wird ja nichts 
abgeholzt, da ist nichts verloren gegan¬ 
gen, also so wie wenn Sie Blut spenden, 
v erlieren Sie auch nichts - da kann nur 
jeder gewinnen. 

Man sollte nur darauf achten, daß 
nicht nur einer gewinnt, und die anderen, 
die Quelle sind, die immer weiter 
versiegt, daß sie sozusagen draufgehen. 
Aber sie gehen nicht deshalb drauf, das 
hat damit absolut nichts zu tun, und es 
ist eher eine Chance, ich will jetzt nicht 


sagen, daß man sie dann vermehrt, das 
klingt absolut absurd, nur: Man würde 
vielleicht auch bei uns erkennen, wie 
wichtig es ist, daß es diese Vielfalt gibt, 
und daß man davon gegenseitig Nutzen 
ziehen kann.” 

Was bleibt dem Reporter nach der 
Recherche? Erfühlt sichmachtlos,denn 
er kann nur dokumentieren. Er doku¬ 
mentiert die Kluft zwischen den Kulturen 
und sieht, wie die Wege beider Gesell¬ 
schaften auseinander führen. Eine glo¬ 
bale Profitgesellschaft kann keine Kom¬ 
promisse eingehen, da sie sich sonst 
ihrem Ziel der Gewinnmaximierung 
entgegenstellt. Stammesgesellschaften 
setzen auf Bewahrung statt auf die 
Entwicklung immer neuer Märkte. 
Nachhaltiges Handeln im Umgang mit 
den Resourcen dieses Planeten und 
Respekt gegenüber allen Lebewesen 
müssen Illusion bleiben in einer Zivi¬ 
lisation, deren Fundament der stetige 
Wachstum ist. Die Wachstumsgesell¬ 
schaft verweigert langfristiges Voraus¬ 
denken und bereitet damit ihr Ende 
selbst vor. 

Eine Gesellschaft, der das Leben 
heilig ist, kann einer Gesellschaft, die 
Leben patentiert, nicht entgegen kom¬ 
men. Raub, Diebstahl und Sklaverei 
sagen die einen, wir nehmen ja gar 
nichts weg, sagen die anderen. Die 
Patentgesellschaft bestimmt den Lauf 
der Dinge; nicht , weil sie durch bessere 
Argumente überzeugen kann, sondern 
weil sie die Macht hat. Sie hat die Macht, 
doch sie verweigert die Verantwortung , 
die Macht mit sich bringt. 

Die Verantwortungslosigkeit erfährt 
zudem ihre gesetzliche Regelung. Unter 
Ausschluß der Öffentlichkeit entsteht 
derzeit ein Abkommen , das unseren 
Planeten zu einer freien Produktions¬ 
zone erklärt . Die Rede ist von MAL., 
dem «Multilateral Agreement on In¬ 
vestment», für das die 29 Mitglieds¬ 
staaten der OECD, der Organisation 

fürwirtschafilicheZusammenarbeit und 


Entwicklung, verantwortlich zeichnen. 
Angeführt wird die, in Paris tagende 
Runde von den USA. Dieser , im Ge¬ 
heimen beschlossene Investitionsver¬ 
trag enthält in seinem ersten Entwurf 
Klauseln , die Konzerne davor schützen, 
daß sie von Regierungen zur Rechen¬ 
schaft gezogen werden , wenn sie Ar- 
beits- und Umweltgesetze und Men¬ 
schenrechte in einem Unterzeich¬ 
nerland verletzen - solange kein direkter 
Verstoß gegen internationales Recht 
vorliegt. 

Die kleinen Völker indessen sind 
weiterhin ohne juristische Handhabe - 
und keine UNO-Konvention schützt sie. 
Was sagte OrenLyonszuBeginnmeiner 
Reise? «In the absence of the sacred - 
anything goes». Wenn das Heilige 
verschwunden ist, dann geht alles. 

Das letzte Wort hat Lahe nai Gay aus 
Hawaii: 

Lahe naf Gay 

“Wir können niemanden schuldig 
sprechen. Wir sind alle miteinander 
verantwortlich. Wir sind so abhängig 
geworden, daß wir vergessen haben, 
wer wir sind. Wir müssen erkennen, 
wie wei t wir es zulassen haben, daß sich 
die Dinge überhaupt so entwickeln 
konnten. Doch was wir geschaffen ha¬ 
ben, können wir auch wieder abschaffen 
und neu erschaffen und zwar auf eine 
Weise, die das Leben bejaht. Diesen 
neuen Weg können wir dann beschreiten 
und tief durchatmen als menschliche 
Wesen mit Bewußtsein. Denn sobald 
wir unsere Menschlichkeit verloren 
haben, verschwindet auch das Bewußt¬ 
sein. Und wenn wir unser Bewußtsein 
verloren haben, dann verlieren wir auch 
unser Wissen. Eines Tages werden wir 
dann aufwachen und uns wundem, was 
geschehen ist. Aber wenn es erst so weit 
gekommen ist, werden wir nicht mehr 
wissen, wo der Weg zurück führt.” 



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Foto: Jan Jacob Hofmann 



e in Blick zurück auf die Anti¬ 
rassistischen FrauenLesben 
Aktionstage an der deutsch¬ 
polnischen Grenze (30.6 bis 5.7.98), 
von einer Teilnehmerin. Das Interview 
führte, direkt im Anschluß an das Camp, 
Radio Dreyeckland. Es wurde dort in, 
der Reihe FrauenLesben-Info gesendet. | 

Wieviele FrauenLesben sind denn da 
gewesen? 

Es waren ca. 150 frauen und lesben aus 
der ganzen bundesrepublik und aus 
polen angemeldet. Zwischendurch 
wurden dann aber 200 teilnehmerinnen 
gezählt und freitag, samstag waren wir 
230 bis 250. 

Woher kamen die Frauen und was für 
Frauen waren das? 

Die überwiegende mehrzahl waren 
weiße aus verschiedenen Städten 
deutschlands, dazu kamen frauen aus 
polen, aus der Schweiz und Österreich 
und sogar aus finnland - wenige mig- 
rantinnen. 

Es ist ja ein antirassistisches Camp 
gewesen. Wieso waren dann so wenige 
Migrantinnen da? Sind die nicht ar.ge- 
sprochen worden? 

Also ich denke einerseits, düß es in 
erster linie Sache der deutschen frauen 
und lesben ist, gegen den rassism us hier 
vorzugehen und nicht die sache der 
migrantinnen in deutschland. Ande¬ 
rerseits wäre wohl doch mehr interesse 
da gewesen und ich habe das gefühl, 
daß doch zu wenige migrantinnen an¬ 
gesprochen worden sind. 


[18] SF 3/98 


Welche Aktivitäten, Aktionen gab es 
auf dem Frauenlesbencamp? 

Ich war überrascht von der guten, de¬ 
zentralen Vorbereitung der aktionen. Es 

wurden von frauengruppen aus ver¬ 
schiedenen Städten ganz viele ideen für 
aktionen mitgebracht, diezum teil schon 
I wirklich ausgereift und mit material 
? usw. vorbereitet waren. Wir haben 20 I 
bis 25 aktionen gesammelt, die dann 
auch alle durchgeführt wurden. 

Sagst Du einmal Beispiele? 

Viele aktionen, die offiziell gelaufen 
sind... waren auftritte von so etwas wie 
theatergruppen in der stadt. Da gab es 
z.b. das stück «was hat der bgs mit 
gartenzwergen zu tun?», es gab einen 
chor und einen «grenzrap» von zwei 
frauengruppen und dann dieeinweihung 
eines denkmals für den unbekannten 
denunzianten/die unbekannte denun- 
ziantiu. Das waren so die hauptsäch¬ 
lichen aktionen. die offengemacht wur¬ 
den und auf aufklärung und Vermittlung 
zielten. 

Die Sache mit dem «Unbekannten 
Denunzianten» t das war ja sehr um¬ 
stritten. Wie sah das dann konkret aus? 
Ich war da auch sehr zwiegespalten, 
was ich von so einem denkmal halten 
sollte. Das war ja ein angriff gegen die 
bevölkerung und ich war gespannt, wie 
das dort ankommen würde. Merk¬ 
würdigerweiseblieb die installation von 
freitag bis sonntag unbeschadet stehen 
und wurde nicht entfernt. Das fand ich 
doch sehr erstaunlich. Und diese in¬ 
stallation war einfach so toll gemacht, 


daß sie auf die vorbcilaufenden, glaube 

ich, schon ziemlich irritierend gewirkt 
haben muß. Soll ich nochmal näher 
beschreiben, wie das aussah? 

Ja, und auch Reaktionen von Leuten. 
In eine telefonzelie am marienplatz - 
ein platz mitten in görlitz - wurde eine 
lebensgroße, weibliche puppe gesetzt. 
In anspielung auf dieses «bürgertele- 
fon», das es iri görlitz und anderen deut¬ 
schen grenzstädten gibt und das offenbar 
reichlich genutzt wird, hatte diese puppe 
einen telefonhörer in der hand - offen¬ 
sichtlich eine denunziantin, die gerade 
mildem bgs telefoniert. Die telefonzelie 
war dann rundherum mit einer Kette 
verschlossen und davor lag ein grüner 
läufer, ein «empfangsteppich». Zur 
aufklärung der bevölkerung gab es noch 
einige Sätze, die von innen an die 
scheiben geklebt waren. 

Es sollte ja bei dem Camp wenige 
um aufklärerische Aktionen gehen, als 
um Irritation und Störung. Gab es da 
auch etwas, worüber du erzählen 
kannst? 

Ja, ich kann natürlich nicht sämtliche 
Aktionen hier offenlegen, es waren auch 
nächtliche, nichttransparente aktionen 
dabei...vielleicht eine aküon vom sams- 
lag, die, wie ich den Eindruck hatte, die 
meisten frauenlesben sehr gut fanden. 
Das war eine bootsaktion auf der neiße» 
deutschland, der durch die geteilte stadt 
görlitz fließt. Auf diesem fluß wurden 
zwei Schlauchboote von einer seite zur 
anderen gefahren. Es wurde ein trans¬ 
parent über den fluß gespannt, auf dem 


i 
















in vier sprachen «grenzen auf für alle!» 
stand und das dann auch einige zeit dort 
hängen blieb. Noch während die frauen 
in den booten auf dem wasser waren 
kam der bgs. Das war eine aktion, bei 
der der bgs ziemlich schnell reagiert hat 
und am ende auch versucht hat, die 
frauen abzugreifen. Es war dann aber 
eine sehr starke solidarische gemein- 
schaft von frauenlesben, die sich gegen 
den ankommenden bgs gestellt haben, 
so daß - auf deutscher seite - nicht 
einmal personenkontrollen gemacht 
wurden. Es wurde auch noch ein floß zu 
wasser gebracht, mit plakaten und einem 
kassettenrecorder, der antirassistische 
Slogans und lieder spielte, wie z.B. «um 
europa keine mauer, bleiberecht für alle 
und auf dauer!». Die aktion dauerte 
vielleicht zehn, fünfzehn minuten, bis 
sie vom bgs beendet wurde. Auf der 
polnischen seite wurden dann allerdings 
Personenkontrollen duichgeführt und 
acht frauen für einige stunden festgesetzt 
- die sollten, obwohl sie nur Zuschau¬ 
erinnen gewesen waren, wegen illegalen 
grenzübertritts angeklagt werden. 

Diese bootsaktion fanden viele gut. 
Von seiten der bevölkerung gab es aller¬ 
dings keine resonanz. Die Sache war als 
theateraktion geplant und angekündigt 
gewesen («why isn't there a stage on 
water?»), aber es kam niemand, fast 
niemand, zum ufer 'runter. Zuschau¬ 
erinnen gab es wenige und eigentlich 
nur vom frauenlesbencamp, weshalb 
die frauen, die die aktion gemacht haben 
auch etwas frustriert waren. Aber es hat 
sich eben ganz deutlich gezeigt, daß 
diese aktion zwar zum einen auf¬ 
klärerischen Charakter haben sollte, aber 
zum anderen eben auch den hier, wie 
bei vielen anderen aktionen beabsich¬ 
tigten und geplanten stör-charakter. 
Letzten endes sind wir mit den auf¬ 
klärerischen aktionen kaum auf reso¬ 
nanz von seiten der bevölkerung ge¬ 
stoßen - das wäre auch eine kritik an 
diesen aktionstagen. 

Heißt das auch perspektivisch etwas 
für weitere Camps? 

Also ich persönlich - und ich glaube 
ich spreche da für viele frauen und 
lesben - würde mir doch widerständigere 
aktionen wünschen und nochmal ein 
anderes konzept. Das heißt insbeson¬ 
dere, nicht so sehr auf Vermittlung zu 
setzen, sondern stärkerauf tatsächliche 
störungen/irritationen an der grenze. 


Mich würde noch interessieren, ob es 
Kontakte zufrauenLesbengruppen aus 
der Region gab und auch aus dem Ost - 
West-Verhältnis heraus? 

Es gab im vorfeld einige bemühungen 
von frauenlesbengruppen, frauengrup- 
pen in der region zu kontaktieren. Das 
gestaltete sich recht schwierig, weil es 
dort wenige frauengruppen gibt. In 
görlitz gibt es z.b. ein frauenzentrum, 
das aber eher dem bürgerlichen Spek¬ 
trum zuzuordnen ist. Zwar gab es da 
organisatorische Unterstützung - die 
haben uns z.b. fahrräder geliehen, die 
wir dringend brauchten aber eine 
inhaltliche Zusammenarbeit gab es 
überhaupt nicht. Meines Wissens tauch¬ 
ten während der aktionen auch keine 
frauen aus görlitz auf, was ich ziemlich 
schade fand. In der 30/40 kilometer 
entfernten stadt zittau hatten wir am 
donnerstag ein gespräch mit frauen von 
dort (eine frau aus görltiz war dabei). 
Da ging es um das ost-west-Verhältnis, 
also wie kommen wirhierals westfrauen 
in diese ehemalige ddr-region, was 
wollen wir hier und was halten die 
frauen von dort von unseren aktions¬ 
tagen? Es gab eine gute und spannende 
diskussion über drei stunden. - 

Und wie empfanden es die Frauen 
dort? 

Ja, sie kritikisierten vor allem unsere 
aktionsformen, bzw. das, was auf pla¬ 
katen und in aufrufen vorher ange¬ 
kündigt worden war - speziell die 
«militanz». Also unsere Aktionen waren 
ihnen zu militant oder unsere spräche 
war ihnen zu militant - das war nicht 
genau herauszukriegen. Ich fand unsere 
aktionen eigentlich nicht militant, die 
angekündigten jedenfalls nicht. Ich 
glaube, die kritik hat sich vorwiegend 
an der spräche festgemacht und zwar 
mit dem hintergrund, daß die frauen 
dort meinten, in der region müßten sie 
eigentlich mit der bevölkerungin dialog 
treten und könnten da nicht nur gegen- 
positionen beziehen. 

Das waren dann ja sehr konträre 
Positionen? 

Ja, allerdings, aber ich fand, wir haben 
doch eine recht gute diskussion hinge¬ 
kriegt. So daß die frauen von dort am 
ende unsere ziele verstanden haben. Sie 
wollten auch darüber nachdenken, selbst 
in irgendeiner form aktionen zu machen 
und eben auch noch was anderes zu 


machen, als einen dialog mit teilen der 
bevölkerung zu führen. 

Wird es weiter Kontakt zu diesen 
Frauen geben? 

Ich glaube schon. Es sah so aus, als 
wollten etliche frauenlesben oder auch 
frauenlesbengruppen den Kontakt wei¬ 
ter ausbauen. 

Es gab in FrauenLesbenkreisen im 
Vorfeld viele Diskussionen um das an¬ 
tirassistische FrauenLesbencamp. Jetzt 
gibt es natürlich noch keine Auswer¬ 
tung . Deshalb frage i ch dich nach deiner 
persönlichen Einschätzung: Wie siehst 
du im Rücblick das Camp, was fandest 
du gut , woran hast du Kritik? 

Daß es keine Auswertung gab, ist für 
mich der erste Kritikpunkt. Während 
der ganzen aktionstage war im gründe 
keine zeit zu inhaltlichen diskussionen, 
obwohl das sehr nötig gewesen wäre 
und obwohl viele frauen es gefordert 
haben. Wir waren einfach so sehr mit 
Organisation beschäftigt, dafl die täg¬ 
lichen plena hauptsächlich davon aus¬ 
gefüllt waren und für inhaltliche dis¬ 
kussionen keine zeit mehr blieb. Und so 
verlief sich das camp auch am letzten 
tag, ohne ein abschließendes plenum, 
was ich sehr schade fand. Sehr positiv 
waren die Organisation, die sehr gute 
Vorbereitung und das verantwortungs¬ 
volle handeln aller beteiligten dort - 
was bei einer menge von 200 bis 250 
frauen und lesben wirklich nicht 
selbstverständlich war. Wir sind z.B. 
auch sehr gut betreut, bekocht worden 
von unserer kochgruppe - das möchte 
ich hier nochmal ausdrücklich erwäh¬ 
nen. Es war wirklich phantastisch. Die 
haben dafür so viele frauen gekocht und 
waren immer lustvoll dabei. Schwierig 
fand ich insgesamt schon, daß das kon¬ 
zept von irritation und Störung eigentlich 
nicht wie geplant aufgegangen ist. Ich 
denke, das ist ein punkt, über den wir 
auf jeden fall nochmal reden müssen. 
Es gibt ja auch ein nachtreffen hier in 
freiburg, anfang august, wo dieserpunkt 
hoffentlich diskutiert wird, eben auch 
im hinblick auf weitere camps... ins¬ 
gesamt aber hat mir persönlich dieses 
camp sehr gut gefallen. Es war für mich 
das erste mal, daß ich auf ein frauen¬ 
lesbencamp gefahren bin. Ich fand die 
Stimmung insgesamt sehr gut und das 
haben auch viele frauen gesagt, mit 
denen ich geredet habe. 










Der Libertäre Kommunalismus 


Teil 1: 

Die Erschaffung des Bürgerwesens 


von Jo net Bieh! 


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dem Buch JanctBichls. 
























Foto: Vladimir Zotov 



Eine der wichtigsten Theorien der re¬ 
präsentativen Staatsraison ist der Libe¬ 
ralismus. Er hat als irreduzibles Grund¬ 
element das selbstbestimmte Indivi¬ 
duum definiert, welches im Moment 
höchster Souveränität seinen autono¬ 
men Willen dadurch ausübt, dass es 
sich in der Wahlkabine zwischen ver¬ 
schiedenen Optionen entscheidet. Diese 
individualistische Vision wird in unserer 
Gesellschaft sehr ernst genommen, be¬ 
lohnt diese doch diejenigen, die als sou¬ 
veräne Ichs ihr Eigeninteresse möglichst 
rücksichtslos maximieren. Von solchen 
Menschen heißt es, sie genössen Frei¬ 
heiten - wozu auch die Freiheit von 
jeglicher Beschränkung ihres Gewinn¬ 
strebens zählt. Freiheit mündet ja über¬ 
haupt im ideologischen Denken der 
USA meist in einen heroischen Indivi¬ 
dualismus, in Unabhängigkeit und 
Autonomie, nicht zu vergessen das freie 
Unternehmertum. 

In Wirklichkeit ist dieses hochgelobte 
autonome Individuum nichts weiter als 
eine Fiktion. Denn die Bindungen an 
die Gesellschaft erlauben niemandem 
Autonomie oder Unabhängigkeit, weder 
im Bereich des Privaten noch in dem 
des Gemeinschaftslebens. Freiheit kann 
sich auch nicht ausschließlich über 
Autonomie oder Unabhängigkeit de¬ 
finieren - zwei eigentlich negative Auf¬ 
fassungen einer “Freiheit von etwas”, 
eines Frci-Seins der Person anstelle 
einer Freiheit der Gesellschaft. Auto¬ 
nomie stärkt die gesellschaftliche und 
pol i ti sehe Freihei t des Ei nzelnen gerade 
nicht, sondern untergräbt sie. Indem die 
Autonomie die gegenseitigen Abhän¬ 
gigkeiten und das Beziehungsnetz zer¬ 
reißt, zerstört sie die gesamte bürger¬ 
liche und gesellschaftliche Grundlage 
der Freiheit und stellt somit deren finale 
Negation dar. 

Es erscheint paradox: Die Individua¬ 
lität gewinnt - anders als der Individua¬ 
lismus- ihr Fleisch und Blut nicht in der 
Unabhängigkeit, sondern in der gesell¬ 
schaftlichen Interdependenz. Schlie߬ 
lich handelt jeder einzelne im Kontext 
der solidarischen Unterstützung durch 
die Gemeinschaft. So schreibt Max 
Horkheimer: 

“Die am höchsten geschätzten per¬ 
sönlichen Qualitäten, wieUnabhängig- 
keit, Wille zur Freiheit, Sympathie und 
der Sinn für Gerechügkeit, sind ebenso 
gesellschaftliche wie individuelle Tu¬ 
genden. Das vollentwickelte Indivi¬ 


duum ist die Vollendung einer vollent¬ 
wickelten Gesellschaft. Die Emanzipa¬ 
tion des Individuums ist keine Emanzi¬ 
pation von der Gesellschaft, sondern 
die Erlösung der Gesellschaft von der 
Atomisierung, eine Atomisierung, die 
in Perioden der Kollektivierung und 
Massenkultur ihren Höhepunkt errei¬ 
chen kann .”) 1 

Das aktive, gereifte Bürgerwesen, 
dessen eine direkte Demokratie bedarf, 
hat gerade von einer derartig atomi- 
sierten Gesellschaft absolut nichts zu 
erwarten. Wie wir wissen, weist die 
moderne Massengesellschaft den 
Bürgern nur die Rollen “Stimmbürger” 
und “Steuerzahler” zu. Staat und Kapi¬ 
talismus vermitteln dem Citoyen keine 
Fähigkeiten, sondern wirken infanti- 
lisierend. Der Staat, als selbsternannter 
Paterfamilias, managt das politische 
Leben der Menschen als ihr Sachwalter 
und angeblich zu ihrem eigenen Besten. 
So aber nimmt die Abhängigkeit und 
Unterordnung kein Ende. Der Kapita¬ 
lismus wiederum kennt keine Hem¬ 
mungen in seinem Bestreben, aus ihnen 
hilflos-unersättliche Konsumenten zu 
machen, die statt nach der Macht nur 
noch nach Schnäppchen greifen. Es ist 
diese passive Unterwerfung der Bürger 
unter die von Staat gesetzten Bedin¬ 
gungen, die sie gegenüber mächtigen 
Einzelnen oder Institutionen schutzlos 
jeglicher Manipulation aussetzt. 

MassenhafteSdmmabgabeim Schutz 
der Wahlkabine ist nur der schwache 
Abglanz eines aktiven politischen Le¬ 
bens. Quasi als Marktanalyse werden 
die persönlichen Urteile über die 
Kandidaten registriert, tabelliert, 
quantifiziert und schließlich ausgewer¬ 
tet, doch nur mit dem Ziel einer effek¬ 
tiveren Strategie für die Vermarktung 
der nächsten Kandidatenrunde. 

Es hat zwar Vorschläge für mehr 
Demokratie und größere Bürgerbe¬ 
teiligung gegeben, etwa die Forderung, 
das Referendum - alsodie Abstimmung 
über eine bestimmte Streitfrage - zu 
“demokratisieren”. Doch bei Referen¬ 
den stehen die Optionen schon vorher 
fest; weder kollektive Vorschläge noch 
eine breitere Palette von Optionen dür¬ 
fen ausgearbeitet werden. Es ist nicht 
besser als bei der Wahl von Kandidaten: 
In einem Massenreferendum dege¬ 
neriert die politische Partizipaüon zum 
bloßen Registrieren von Präferenzen, 
degenerieren die Citoyens zu Konsu¬ 


menten, die großen Ideale zu privaten 
Geschmacksrichtungen, die politischen 
Ideen zu Prozentzahlen. 

Nichts entspricht dem liberalen Ideal 
des selbstbestimmten autonomen Indi¬ 
viduums, also des Menschen, der Herr 
seiner selbst und seines Umfeldes ist, 
weniger als der passive Konsument 
staatspatemalistischerOptionen, wie er 
uns im wirklichen Leben gegenübertritt. 
Gleichwohl wird die IdeoIogiederMas- 
sengesellschaft unserer Tage vor allem 
vom Ideal der Autonomie bestimmt - 
einer Gesellschaft, die so sehr unter 
dem Staat, der Verstädterung, der Hie¬ 
rarchie und dem Kapitalismus leidet. 
Eine solche Ideologie ist nicht einmal 
Betrug - sie ist ein schlechter Witz. 


Das Leben als Citoyen 

Für uns Libertäre Kommunalisten liegt 
das Endziel der politischen Existenz 
der Menschen eben nicht in passiver 
Abhängigkeit von einem elitären Staat. 
Auf sie wartet, so glauben wir, eine 
aktivere Lebensweise, schon weil ihre 
Eigenschaften sie als soziale Wesen 
ausweisen. Die Menschen besitzen Ver¬ 
nunft, sie leben in Abhängigkeit von¬ 
einander, und sie bedürfen der Soli¬ 
darität. Die psychologische und mora¬ 
lische Grün dlage des Lebens als Citoyen 
kann vor allem in dieser gegenseiügen 
Abhängigkeit und Solidarität gesehen 
werden, und dies gilt auch für die Wie¬ 
derherstellung des Reichs der wahren 
Politik und der direkten kommunalen 
Demokratie. 

Wenn wir eine libertär-kommuna- 
listische Gesellschaftsordnung errich¬ 
ten wollen, müssen wir die Beziehungen 
innerhalb der Gesellschaft verändern. 
An die Stelle von Staat, Verstädterung, 
Hierarchie und Kapitalismus müssen 
wir kooperative Institutionen einer 
direkten Demokratie, eines Reichs der 
kommunalistischen Poliük setzen. Der 
Erfolg dieser Bemühungen wird aber 
auch von den charakterlichen Qualitäten 
derjenigen abhängigen, die diese Ge¬ 
sellschaft aufbauen. 

Diese Qualitäten dürfen in unserer 
neuen Gesellschaft nicht diejenigen 
sein, die den passiven Steuerzahler und 
Stimmbürger kennzeichnen. Denn die 
innovativen Akteure im Reich der Poli¬ 
tik werden Charakterzüge entwickeln, 


SF 3/98 [21] 









CHWARZE 

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Feminismus 

Enthält einen ausführlichen Einstiegs¬ 
artikel zu den vielfältigen Beziehungen 
zwischen Feminismus und Anarchismus, 
ein interview von Dorothea Schütze mit 
der Brasilianerin Maria da Cruz zu ihren 
Erfahrungen mit dem alltäglichen deut¬ 
schen Rassismus; einen Beitrag von 
Maria Mies zum Thema Subsistenz: 
Frauen, Nahrung und globaler Handel; 
einen Artikel von Jane Meyerding zu 
Gender: Die Welt wie sie gelebt wird 
und Rosselia di Leos überarbeiteten 
Beitrag zur Patriarchatskritik: Ort der 
Differenz; dazu als Reprint: L. Susan 
Browns Auseinandersetzung mit Naomi 
Wolfs Powerfeminismus aus anarcha- 
feministischer Sicht; Ariane Gransacs 
Kongreß-Beitrag: Der Anarchafeminismus 
und die Gemeinschaftsküche Kropotkins. 
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die von Stärke, Bürgertugend und Ver¬ 
antwortung für das Ganze bestimmt 
sind, und solche Züge sind heutzutage 
nicht vorhanden oder werden jedenfalls 
nicht gerade hervorgekehrt. Sie aber 
sind es, die den gereiften, zur demokra¬ 
tischen Teilhabe am politischen Leben 
befähigten Citoyen kennzeichnen. 

Die wichtigsten Tugenden sind Soli¬ 
darität und Vernunft, hängt doch die 
Existenz der gesamten Gemeinschaft 
davon ab, ob es ihr gelingt, ihre Zukunft 
auf die Solidarität und Rationalität jedes 
Einzelnen zu bauen. 

Wie auch immer man den Bürger de¬ 
finieren mag - stets muss er dem Ge¬ 
meinwohl, also der Solidarität ver¬ 
pflichtet sein. Ganz im Gegensatz zu 
dem heute verbreiteten Zynismus wird 
den reifen und aktiven Citoyens klar 
sein, dass ihre politische Gemeinschaft 
ohne aktive Unterstützung und Teil¬ 
nahme nicht überdauern kann. Sie 
wissen, dass sie ihrer Gemeinschaft ge¬ 
wisse Pflichten schulden, und kommen 
diesen in dem Bewusstsein nach, dass 
dies für alle gilt. Ihnen ist auch klar, 
dass allein ihr gemeinsames Bemühen, 
ihre gemeinsame Verantwortung die 
Gemeinschaft überhaupt ermöglichen. 

Eine direkte Demokratie bedarf aber 
auch unbedingt der - heute so ge¬ 
schmähten - Vernunft. Logisches Den¬ 
ken ist lebenswichtig, wenn die Bürger 
abwägen wollen, wie die Gemeinschaft 
mit einem gegebenen Problem am be¬ 
sten fertig werden kann. Bei Beratungen 
über eine Streitfrage ist konstruktive 
Vernunft besser als emotionsgeladene 
Parteinahme aus dem Bauch heraus. 
Gerade um trotz persönlicher Animosi¬ 
täten, wie sie unter Menschen ja durch¬ 
aus Vorkommen können, grundsätzlich 
großherzige Fairness walten zu lassen, 
bedarf es der Vernunft. Man könnte ja 
mit dem Versuch rechnen, das Privat¬ 
eigentum und den profithungrigen Un¬ 
ternehmergeist wiederzubeleben. In 
einem solchen Fall, bei dem die Leute 
noch dazu intensiven emotionalen Ap¬ 
pellen an ihr Eigeninteresse ausgesetzt 
sein werden, kann ihnen einzig ihre 
Vernunft sagen, warum sie hier nicht 
nachgeben dürfen. Sie werden über¬ 
haupt nur dank ihrer Vernunft stark 
genug sein, das Gemeinwohl zu be¬ 
wahren, und sie müssen ebenso über 
Vernunft verfügen wie über starke Cha¬ 
raktere und Persönlichkeiten. 

Das soll nun natürlich nicht heißen, 


dass die Menschen sich unter dem 
Libertären Kommunalismus nur noch 
aufopfem und dem Kollektiv unterord¬ 
nen müssen. Vielmehr hätten alle ihren 
jeweils persönlichen Lebensbereich - 
Familie, Freunde, Arbeitskollegen. 
Überhaupt werden in der bereicherten 
kommunalistischen Gemeinschaft die 
persönlichen Beziehungen unter den 
Menschen viel tiefer sein als heute, da 
sich selbst Nachbarn kaum noch kennen 
und der Einzelne im Notfall nicht mehr 
auf Großfamilie und Gemeinschaft, son¬ 
dern nur noch auf seine isolierte Kern' 
familie zählen kann. Gerade die gegen¬ 
seitigen Abhängigkeiten erzwingen ein 
ausgewogenes Geben und Nehmen un¬ 
ter den Menschen. Alle gemeinsam sind 
Teil eines kühnen Experiments und 
verlassen sich in dieser Verantwortung 
auch aufeinander. Verlässlichkeit aber 
schafft Vertrauen. 

Individualität und Gemeinschaft 
entstehen in einem Prozess gegensei' 
tiger Wechselwirkung. Von den Ent¬ 
scheidungen der Bürger im kommu¬ 
nalen Bereich hängt auch ihr gesell¬ 
schaftliches Umfeld ab. Das Politische 
wertet das Private auf, und das Private 
bereichert die Politik - eine wechselsei¬ 
tige Stärkung des Individuums und des 
Kollektivs, nicht die Unterordnung des 
einen unter das andere. 

Im antiken Athen gab es zahllose 
Differenzen unter den Menschen, doch 
in einem waren sich alle einig: Das Le¬ 
ben als Bürger empfanden sie keines¬ 
wegs als Last, als aufgezwungene 
Selbstverleugnung, sondern als die au¬ 
thentischste Art der Selbstverwirkli¬ 
chung. Nach ihrer Überzeugung war 
der Mensch vonNaturaus ein politisches 
Wesen und für die aktive Mitwirkung 
in der Politik geschaffen. Wer seine 
Privatinteressen über das Gemeinwohl 
stellte, erregte allgemeine Missbil¬ 
ligung. Dieses kollektive Pflicht- und 

Verantwortungsbewusstsein wiederum 

konnte sich auf ein kollektives Solida¬ 
ritätsgefühl wie auch auf eine tragende 
Rolle der Vernunft stützen. Noch nach 
mehr als zweitausend Jahren sollte die 
Erste Internationale dieses Lebensge¬ 
fühl in die Losung fassen: “Keine Rechte 
ohne Pflichten, keine Pflichten ohne 
Rechte” - eine, die auch für Marxisten 
und Sozialanarchisten eine der ethischen 
Grundlagen ihresrevolutionären Sozia¬ 
lismus bildete. 


[22] SF 3/98 






Paideia 

Während die Autorität des Staates auf 
der Unterstellung beruht,“Bürger” seien 
von Natur aus unfähig und unvernünftig, 
also so unreif, dass sie ihre Angelegen¬ 
heiten von professionellen Köpfen re¬ 
geln lassen müssen, geht der Libertäre 
Kommunalismus gerade vom Gegenteil 
aus. Für ihn trägt jeder Bürger ein Ver¬ 
nunft- und Kompetenzpotential in sich, 
das ihn zur direkten Teilhabe am poli¬ 
tischen Leben befähigt. Ebenso wird 
jedem Bürger zugetraut, dass er, einmal 
darin geschult und geübt, über alles 
verhandeln, in Ruhe zu einer Entschei¬ 
dung gelangen und diese verantwortlich 
umsetzen kann. Für den Libertären 
Kommunalismus ist die Politik zu 
wichtig, um sie den Profis zu überlassen. 
Sie muss vielmehr ein Feld für Laien 
sein, eben für jedermann und jedefrau. 

Wie ich schon sagte, war diese Orien¬ 
tierung am Laien in der athenischen 
Polis durchgängig. Amtsinhaber wur¬ 
den fast ausnahmslos nicht gewählt, 
sondern durch Losentscheid bestimmt. 
Dieses Zufallsprinzip beruhte auf der 


Überzeugung, dass jeder Bürger für fast 
jedes Amt die nötige politische Kom¬ 
petenz schon mitbringen würde. 

Gemäß dieser Politik von und für 
Laien haben also die Bürger ein so 
hohes Niveau an politischer Reife 
erlangt, dass sie unmöglich einer “Spe¬ 
zialistenelite” die Regierungsverant¬ 
wortung übertragen können. Nur: Die 
Gewohnheiten und Tugenden, die ein 
Citoyen dafür benötigt, sind im mensch¬ 
lichen Geist nicht ex ovo vorhanden, 
sondern müssen wie jedes andere zivi¬ 
lisierte Verhalten sorgfältig antrainiert 
werden. Manches davon lernen Kinder 
in der Familie. Den Kleinen bringt man 
bei, dass zum Nehmen auch das Geben 
und das Teilen gehören; die Älteren 
lernen Selbstvertrauen und kritisches 
Denken. Doch ein Großteil der spezi¬ 
fischen Bürgertugenden und -kompe- 
tenzen muss ganz gezielt in einem 
speziellen politischen und charakter¬ 
lichen Biidungsprozess vermittelt wer¬ 
den. 

Für diesen Formierungsprozess - die 
Herausbildung der für das Leben als 
Bürger benötigten menschlichen und 


ethischen Eigenschaften - hatten die 
Athenerden Begriff paideia geprägt. Es 
waren Eigenschaften, die nicht nur 
ethische Überzeugungen umfassten, 
sondern auch eine reife Identifikation 
mit der Gemeinschaft und ihren Werten 
ebenso wie ein Verantwortungsgefühl 
für diese Gemeinschaft. Die paideia 
vermittelte den vemunftgesteuerten, 
zurückhaltenden Anstand, dessen es 
bedarf, damit Bürgerversammlungen 
geordnet, tolerant, funktionsfähig und 
kreativ ablaufen können. Es ist eben 
dieserProzessder“Zivilisierung”(civis 
= Bürger), der aus einer beliebigen 
Menge von ihr jeweiliges Eigeninteresse 
verfolgenden Individuen ein diskus¬ 
sionsfähiges, rationales, ethisches Ge¬ 
meinwesen macht. 

Wie - und wo - läuft paideia ab? Da 
ein quasi akademischer Schulunterricht 
nicht ausreicht und die Massenmedien 
sie nicht etwa fördern, sondern allenfalls 
hintertreiben können, kann nur das 
Reich der Politik selbst die Stätte sein, 
woGeistund Charakter der Bürgerinnen 
und Bürger gebildet werden können. 
Zu Citoyens werden die Menschen, in¬ 
dem sie an einer demokratischen Politik 


SF 3/98 [ 23 ] 


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Foto: Paolo Brenzini 















teilhaben - in einer Welt der Diskus¬ 
sionen und Interaktionen, aus der Wis¬ 
sen, Übung, Erfahrung und Vernunft 
erwachsen. Erst indem sie. selbst Ent¬ 
scheidungen fällen, bilden sich Bürger 
-als Individuen undalspolitischeWesen 
- heraus; Citoyen wird man nur durch 
eigenes politisches Handeln. Somit ist 
die Politik die Schule der Politik. 

Doch als Citoyen zu leben, sollte 
nicht nur ein Bildungsgut sein, sondern 
eine Kunst - das ist das Fernziel. Ästhe¬ 
tische Mittel, Institutionen - alles kann 
eingesetzt werden, um die verborgenen 
Fähigkeiten der Menschen sichtbare 
Wirklichkeit werden zu lassen. Das 
Leben in Gesellschaft und Politik muss 
ganz bewusst so ausgestaltet werden, 
dass die Menschen einen Sinn für die 
Vielgestaltigkeit des Lebens en twickeln 
und dennoch, wenn nötig, über die da¬ 
raus resultierenden Differenzen leiden¬ 
schaftlich streiten können. Gesell¬ 
schaftsfähigkeit und Interdependenz 
drücken sich dann in Kooperation und 
Bürgerverantwortung aus. 


Die Bürger von heute 

Es wird zu den wichtigsten Aufgaben 
der jetzt entstehenden libertär-kommu- 
nalistischen Bewegung gehören, die 
ethischen Bürgertraditionen wieder zum 
Leben zu erwecken, sie wachsen zu las¬ 
sen und für die Behandlung öffentlicher 
Angelegenheiten einen Raum zu schaf¬ 
fen, in dem sie den Menschen wie mit 
der Muttermilch eingeflößt werden. Ge¬ 
wiss eine gewal üge Aufgabe, denkt man 
an den Wertverlust und Egoismus, die 
unsere Zeit prägen. Vielen Menschen 
sind die Tugenden und Verhaltenswei¬ 
sen eines Citoyen fremd geworden. Es 
herrschteinallgemeinerZynismusüber 
“die Politik”, und wer meint, man solle 
doch vielleicht “das Gemein wohl” dem 
Eigeninteresse - oder gar den Interessen 
der Familie - voranstellen, wird kaum 
mehr als Spott ernten. Misstrauen ge¬ 
genüber jeglicher “Politik”, ja feind¬ 
selige Ablehnung sind tief verwurzelt. 

Doch schaut man genauer hin, dann 
gilt diese allgemeine Ablehnung we¬ 
niger der Politik als vielmehr dem Staat. 
Diese Verweigerungshaltung ist aber 
legitim und gesund, vertritt doch der 
Staat nur eine Herrschergruppe, also 
gerade nicht das Gemeinwohl. Leider 
werden Politik und Staatsraison von 


vielen als Einheit gesehen, und infolge¬ 
dessen vergiftet die Ablehnung des 
Staates die Einstellung zur Poliük. So 
verabscheuen die Menschen aus-ge- 
rechnet das, wodurch sie Macht erlangen 
könnten, was ihnen Gemeinschaft statt 
Anomie bietet und ihre schwache Posi¬ 
tion in der Gesellschaft stärken könnte. 

Gleichwohl trügt der erste Eindruck. 
Die Hürden, die einer Wiederbelebung 
bürgerlicher Ethik entgegenstehen, 
müssen nicht unüberwindlich sein. 
Denn es gibt etwas, das gerade für den 
ProzesseinerStärkungderBürgermacht 
und der Errichtung einer libertär-kom- 
munalistischen Gesellschaft Rücken¬ 
wind erhoffen lässt. Ich meine den weit¬ 
verbreiteten Hunger nach Lebenssinn, 
der hierdurch gestillt werden könnte. 
Diese Menschen, deren Leben scheinbar. 
zwecklos und auf sich gestellt dahin¬ 
treibt, sähen wieder ein Ziel jenseits der 
reinen Selbstbefriedigung vor Augen. 
Sie könnten ihre Stärken, ihre Talente 
mobilisieren und wüchsen so in unge¬ 
ahntem Maße über sich selbst hinaus. 
Und ihren Kindern würde der Erfolg 
derBewegung eine bessere Gesellschaft 
bescheren, ein schöpferisches, solida¬ 
risches Leben anstelle von Angst, Pas¬ 
sivität und Resignation. 

Daher muss die Bewegung mehr tun, 
als nur sich in einer Wahlplattform der 
Verstädterung und dem Naüonalstaat 
entgegen zu stellen. Sie muss ein ethi¬ 
sches Ideal anbieten - ein Ideal, das 
über eine Verurteilung der gegenwär¬ 
tigen Missstände hinaus die Bürgertu¬ 
genden ins Licht rückt; das anstelle der 
Entleerung und Trivialität ihres Lebens 
den Menschen Solidarität und Freiheit 
und - ebenso wie im letzten Jahrhundert 
die großen sozialistischen Manifeste - 
die Forderung nach materiellen und 
moralischen Veränderungen sowie nach 
einem für beide geltenden Ethos vor¬ 
bringt. 

Die paideia und somit die Ausfor¬ 
mung des Citoyen sind fortdauernde 
integrale Elemente der libertär-kom- 
munalistischen Bewegung, angefangen 
von der Arbeitsgruppe über die Bürger¬ 
versammlung bis zur schließlichen Fö- 
deraüon. Schon in den ersten Diskus¬ 
sionsgruppen und Vortragsreihen muss 
dieser Prozess einsetzen, um sich fort¬ 
zusetzen, wo immer Menschen Zusam¬ 
menkommen, ob in Kneipengesprächen 
oder am Familienüsch. Vor allem aber 
muss er in der Bewegung selbst und in 
ihren Versammlungen stattfinden. Dort 


können politisch ungeschulte Menschen 
lernen, ihre Meinung in Gegenwart ihrer 
Nachbarn offen auszusprechen und ra¬ 
tional darüber zu debattieren. Auf den 
Bürgerversammlungen, wo poliüsche 
Fragen in Verantwortung und Solidarität 
behandelt werden, nimmt die paideia, 
wenn auch formaler geregelt, ihrenFort- 
gang. 

Da nun diese Erziehung zum Citoyen 
im direkten Kontakt unter den Men¬ 
schen abläuft, wird sie Interaktion und 
Vertrauen zur Folge haben, also die 
Solidarität, ohne die eine B ürgergesell- 
schaft nicht existieren kann. Indem die 
Menschen ernsthaft, nichtnur gelegent¬ 
lich, einbezogen werden, entwickeln 
sie ein Gefühl für ihre Abhängigkeit 
untereinander; Kooperation entsteht, 
Vorurteile und Engstirnigkeit ver¬ 
schwinden. Als Bürgerinnen und Bür¬ 
ger werden die Menschen lernen oder 
sich erinnern, was zwischenmensch¬ 
liche Loyalität bedeutet. Indem sie für 
den Erfolg ihrer Sache arbeiten, wächst 
ihr Mut und weitet sich ihr Geist. 

In dem Maße, wie die Gemeindever¬ 
sammlungen immer mehr Bürger an- 
ziehen, wie ihnen immer mehr Macht 
zuwächst und sie immer weitere Ver¬ 
breitung genießen, wird sich diese - 
partizipatorisch unterstützte - paideia 
intensivieren. Und doch ist all dies erst 

der Anfang. Der Kampf für eine Neu¬ 
gestaltung der Gesellschaft bildet und 
stärkt alle, die sich dafür engagieren. 
Wenn er vorüber ist, werden selbst die¬ 
jenigen, die von Anfang an dabei waren, 
politisch gereift sein. 

1. Max Horkheimer, Zur Kritik der instru¬ 
menteilen Vernunft (Frankfurt a.M. 
1967) S.130 


[24] SF 3/98 









VOGELFRAI! 



Zur Geschichte der 
Wagenburgbewegung 

von Bernd Drücke 

»EineneuereSumpfblütedieserGesell- 
Schaft und der fehlenden freien Lebens¬ 
räume ist die Bewegung der Wagen¬ 
burgen. Ausgestattet mit phantasievol- 
ten Namen wie ‘Rollheimer’, ‘Wilder 
Süden’, ‘Schwarzer Kanal’, ‘Kunter¬ 
bunt’, ‘KlabautAburg’, (...) geben sie 
einem Lebensgefühl Ausdruck, das sich 
uus der Enge der Wohnungen und der 

Wohnungslosigkeitaufdieeigenenvier 

Reifen macht und ausgediente Bauwa¬ 
gen, Wohnmobile, Zirkus wagen, LKWs 
und alles andere, was sich zum rollbaren 
Heim umbauen läßt, zu Gebilden zu¬ 
sammenwachsen läßt, die urplötzlich 
aus dem fast Nichts der Baulücken 
wuchern.« 1 

Seit hunderten von Jahren ziehen 
Menschen im Wagen von Ort zu Ort. 
Nicht selten wurden sie als schwer 
kontrollierbare, ungeliebte, unverstan¬ 
dene Minderheit beschimpft als »Zigeu- 
n er«, »Vogelfreie«, »Asoziale« oder 


»Illegale« durch Regierungen, Behör¬ 
den und deren Gesetze kriminalisiert, 
verfolgt und vertrieben. 

Höhepunkt dieser Politik war die 
Ermordung Tausender Sinti und Roma 
in den Vernichtungslagern der National¬ 
sozialisten. 

Das Leben auf Rädern in Deutschland 
ist aber nicht nur die Geschichte der 
Sinti und Roma. 

Die Geschichte von Menschen, die 
sich im immer mehr industrialisierten 
und verwalteten Deutschland selbst 
Wohnraum schafften und versuchten, 
ihren Alltag gemeinsam zu organisieren, 
begann - soweitaus historischen Quellen 
ersichtlich - um 1872. Damals zogen im 
Arbeit und Hoffnung versprechenden 
Berlin viele Menschen am Stadtrand 
zusammen, bauten Holzhütten oder 
machten sich alte Fuhrwerke zur Unter¬ 
kunft. 2 

In den zwanziger Jahren gründeten 
Arbeits- und Obdachlose die Lauben¬ 
kolonie Kuhle Wampe. Dort wurde zu¬ 
sammen gewohnt, die Menschen be¬ 
gannen, die Versorgung in die eigenen 
Hände zu nehmen, sich auszutauschen 
und einander bei Arbeitssuche oder an¬ 
deren Problemen gegenseitige Hilfe zu 


leisten. Es entstanden dörfliche Struk¬ 
turen. 3 Ähnliche Entwicklungen gab es 
in den fünfziger Jahren in Hamburg 
(über 1000 Wagen) und anderen infolge 
des Krieges weitgehend zerstörten 
Städten. 

»In fast allen Fällen wurden die Hüt¬ 
ten- und Wagensiedlungen irgendwann 
kriminalisiert und mitpolizeilicher Hilfe 
zerschlagen.« 4 

In den siebziger Jahren tauchten erst¬ 
mals wieder mehrere Menschen auf, 
die in unkonventioneller Weise zusam¬ 
menwohnen wollten: in Wagen, alten 
Bussen, LKWs oder in Tipis. In der 
Bundesrepublik waren die Rollheimer 
in Westberlin die erste große Ansamm¬ 
lung von Wagenbewohnerinnen. Vom 
Grundstückseigentümer geduldet 
wohnten auf dem gleichen Gelände fast 
zehn Jahre lang 40 Menschen, darunter 
sieben Kinder. Die Vielfalt der Bewoh¬ 
nerinnen reichte vom arbeitslosen Leh¬ 
rer über Schauspielerinnen, Handwer¬ 
kerinnen, Cafebesitzer bis zu Arbeits¬ 
losen und Automechanikern. 5 

Heute leben mehrere tausend Men¬ 
schen in der Bundesrepublik in Bau-, 
Zirkus-oderWohnwagen. 6 Bedingtu.a. 
durch Wohnungsnot, die Räumung be- 


SF 3/98 [25] 


Foto: Lyalya Kuznetsova 





setzter Häuser und das Bedürfnis ge¬ 
meinschaftlich und selbstbestimmt mit 
anderen Menschen zusammenzuleben, 
entstand in den achtziger und neunziger 
Jahren in der Bundesrepublik neben der 
Hausbesetzerinneribewegung eine zu 
großen Teilen libertär ausgerichtete 
Wagenburgbewegung. Viele Menschen 
gingen und gehen bis heute dazu über, 
in Bau- und Zirkuswagen auf gepachte¬ 
ten öder besetzten Grundstücken zu le¬ 
ben. Dabei sind die Wagenburgen für 
ihre Bewohnerinnen meist mehr als nur 
notdürftig geschaffener Wohnraum. Sie 
verstehen diese kollektive Wohnweise 
als Form des Miteinanderlebens, die 
bewußt im Gegensatz zu in dieser Ge¬ 
sellschaft vorherrschenden Verhältnis¬ 
sen steht. 7 

»Burg kommt ja bekanntlich von ber¬ 
gen im Sinne von geborgen sein. Auch 
das Wort Bürger leitet sich daher ab. 
Wagenburgen assoziiert mensch auch 
mit Wildem Westen, siedeln, Verteidi¬ 
gungsstellung. All dies spielt auch bei 
den modernen Nachfahr(er)Innen mit. 
Die Möglichkeit, sich in eine kollektive 
Wohnform einzuklinken, bzw. diese zu 
schaffen, bietet den Vorteil, ein Höchst¬ 
maß an Individualität mit den positiven 
Seiten des Zusammenlebens zu verbin¬ 
den. Dies auch mehr als beispielsweise 
in einem besetzten Haus, (...). Kommen 
unlösbare Konflikte auf, verliert mensch 
nicht gleich das Dach über dem Kopf, 
denn es kann mitrollen.« 8 

Im Dezember 1990 fand in Hamburg 
im Rahmen der Internationalen Häuser¬ 
tage (ein Kongreß von Hausbesetzer- 
Innen und Wagenburgbewohnerinnen) 
das 1. internationaleWagenburgtreffen 
statt. Dort konkretisierte sich die Idee 
eine internationale - vorerst auf die Bun¬ 
desrepublik und die Schweiz begrenzte 
- Wagenburgzeitschrift zu machen, die 
als »Infoaustausch, Diskussionsinfo, 
Tauschbörse« genutzt werden sollte. 9 

VOGELFRAI 

ImFebruar 1991 erschien dieerste Aus¬ 
gabe der VOGELFRAI. 10 Als »Fach¬ 
schrift für Wagenwesen« (Untertitel) 
wurde sie von mehreren Wagenburg¬ 
gruppen aus verschiedenen Städten 
während des 2. internationalen Wagen¬ 
burgtreffens in Wiesbaden produziert. 

»Wichtig für uns ist der Infoaustausch, 
um kontinuierlich voneinander zu hö¬ 
ren, sich aufeinander zu beziehen, zu 

[ 26 ] SF 3/98 


agieren, auf Sachen, die uns alle an- 
gehen, zu reagieren (z. B. Räumung).« 11 


VOGELFRAI. Quelle: BD-Archiv, Münster 

Mit dem Ziel, andere Plätze und Leute 
kennenzulemen, sich zu vernetzen, fan¬ 
den von nun an etwa alle drei bis sechs 
Monate jeweils auf einem anderen 
Wagenburgplatz bzw. in einer anderen 
Stadt, u.a. in Hannover, Kassel, Bremen, 
Cuxhaven, Heidelberg, Berlin, Münster 
und Tübingen die Wagenburgtreffen 
statt. Die VOGELFR AI diente und dient 
dabei zur Vor- und Nachbereitung der 
Treffen, aber vor allem dem allgemeinen 
Informationsaustausch. 

Die nicht immer numerierte Bewe¬ 
gungszeitschrifterscheint bis heute mit 
einem Umfang von 60 bis 68 DIN A4 
Seiten, zum Teil mit handschrifüich 
verfaßten Texten, mit Presseartikeln, 
vielen Zeichnungen und kopierten Fotos 
aus den Wagenburgen. 

»Der Duft von Freiheit und Aben¬ 
teuer« (Untertitel Nr. 4, Jan. 1992) legte 
sich seitdem über das Land und die 
V OGELFR AI publizierte und publiziert 
bis heute zahlreiche »Beiträge zur Theo¬ 
rie und Präxis des Wagenlebens« (Un¬ 
tertitel Nr. 5, April 1992). Hier wurde 
über Räumungen berichtet und zu 
Demonstrationen gegen drohende Räu¬ 
mungen mobilisiert, hier wurden prak¬ 
tische Tips dokumentiert, etwa zur 
»Krankheitsbehandlung mitätherischen 
Ölen« (Nr. 5, S. 9), zum Bau von 
»Plumsklos«, zu technischen und juri¬ 
stischen Problemen oder wie und wo 
Bauwägen oderTraktoren zu beschaffen 
sind. Vor allem stellten und stellen sich 
hier die verschiedenen Wagenburgen 
selbst vor. So zum Beispiel die Mün- 
steraner Wagenburg: 

»Irgendwie fing alles im April ’91 an. 
Im jugendlichen Leichtsinn übernah¬ 
men fünf Leute eineBundesbahnwiese 
zur Pacht und legten sich Wagen zu. 
Nach heftigem Ausbau und drei Wochen 
sahen wir uns jedoch Hundefänger, 
Ordnungsamt, Bullizei und Bahncops 
gegenüber, die meinten, das es jetzt 
aber genug sei und Flächennutzungs¬ 
plan, artgerechte Tierhaltung und über¬ 
haupt. Unwissend und blauäugig wie 
wir waren, sind wir eine Woche nach 
Räumungstermin zehn Kilometer wei¬ 
tergezogen.« 12 

In jeder VOGELFRAI wurde ein 


ständig aktualisierter Adressteil ver- 
öffenüicht, in dem z. T. über 100 unter¬ 
einander vernetzte Wagenburgen in 
Städten und Dörfern im In- und Ausland 
auszumachen sind. 

VOGELFRAI dokumenüertbis heute 
ein Stück »gelebte Utopie«. Sie ist ein 
Sprachrohr, mit dem sich »die Ge¬ 
schwister vom frei rollenden Reifen an 
die innere und äußere Öffentlichkeit 
wenden, und das A in FR AI steht sicher 
nicht zufällig im Kreis.« 13 

Anmerkungen 

Bei diesem Artikel handelt cs sich um einen 
Auszug aus der von der Philosophischen 
Fakultät der Universität Münster ange¬ 
nommenen Dissertation von Bernd 
Drücke, die voraussichtlich im Aug./ 
Sept. 1998 unter dem Titel »Zwischen 
Schreibtisch und Straßenschlacht? 
Anarchismus und libertäre Presse in 
Ost- und Westdeutschland« im Ulmcr 
Verlag Klemm & Oelschläger 
erscheinen wird, ca. 640 S., 59,80 DM, 
ISBN: 3-932577-05-1. 

1 VOGELFRAI - Spaß dabei, in: Ralf G. 
Landmesser (Hrsg.), Kalcnda Anar¬ 
chistischer Taschenkalender 1993, 
Schwarzrotbuchverlag Berlin, 1992, 
ohne Paginierung. 

2 Vgl. Leben auf Rädern, Auszug aus der 
Diplomarbeit von Heike Kleinke (1993) 
für den Fachbereich Sozialpädagogik in 
Frankfurt/Main, in: Klaus Bischoff, 
Georg Knoll: Tanz aus der Wohnhaft - 
Leben in Bau wägen, Packpapier Verlag, 
Osnabrück 1996, S. 6 ff. 

3 Ebd. 

4 Ebd. 

5 Ebd. 

6 Ebd. 

7 Vgl. Wagenburg Duisburg, Vogelfrai 
wollen wir sein!, in: VOGELFRAI nicht 
numeriert, o. O., Januar 1994, S. 30 

8 Ebd. 

9 Vgl. Vorwort, in: VOGELFRAI Nr. 0, 
Wiesbaden, Stuttgartu.a., Feb. 1991, S. 
2 . 

10 Vgl. VOGELFRAI, in : na warte! Nr. 3, 
Münster, Mai 1991, S. 22. 

11 Vorwort, in: VOGELFRAI Nr. 0 

12 Wagenburg Münster, in: VOGELFRAI 
Nr. 4, Kassel, Jan. 1992, S. 12. 

14 VOGELFRAI - Spaß dabei, o.S. 




Staatsschutzermittlungen in 

Tübingen 


In der Ermittlungsakte gegen die 18 
Tübingerlnnen konstruiert das BKA 
einen direkten Zusammenhang zwi¬ 
schen der Gründung des bundesweiten 
Treffens antirassistischer Gruppen im 
Herbst 92 und dem ersten Anschlag auf 

das Tübinger Regierungspräsidium am 

l.März 93 sowie anderer Anschläge 
und militanter Aktionen in anderen 
Städten (Berlin,Göttingen, Bonn...)aus 
dieser Zeit. DieTeilnehmerlnnen dieses 
Treffens hätten “unter Führung des 
Antirassismus-Büro Bremen” diese 
“Anschlagserie” gemeinsam geplant. 
Der Tübinger Anschlag sei der bundes¬ 
weite Auftakt der “Anschlagserie” und 
der damaligen “An ti-Lager-Kampagne” 

gewesen. 

Diese skandalöse Verknüpfung zwi¬ 
schen öffentlicher Organisierung gegen 

den staatlichen Rassismus und mili¬ 
tanten Aktionen ist in Tübingen eine 
Grundlage fürdie Konstruktion der Ver¬ 
dächtigung von allen Mitgliedern ver¬ 
schiedener-in der Öffentlichkeit arbei¬ 
tender Gruppen. 


Staatsschutz - 
Ermittlungen in Tübingen. 
Die X-te Episode 

Was ist passiert? 

Am 14.7.97 wurde ein Brandanschlag 
auf Fahrzeuge des Tübinger Regie¬ 
rungspräsidiums verübt. Bei der Lan¬ 
despolizeidirektion Tübingen wurde da¬ 
raufhin eine Sonderkomission einge¬ 
richtet. Etwa 14 Tage später gab es in 
diesem Zusammenhang eine Haus¬ 
durchsuchung bei X, einem 35 -jährigen 
Tübinger. 

Gefunden wurde nichts, das Verfah¬ 
ren wurde einige Zeit später eingestellt. 

Auf beharrliches Drängen seines 
Anwalts wurde die Akte zum Ermitt¬ 
lungsverfahren gegen X widerwillig 
ausgehändigt. 

Aus den Akten ergibt sich, daß die 
Sonderkomission zunächst gegen 280 
Personen ermittelte, die sie wohl alle 
dem linken Spektrum in Tübingen/ 
Reutlingen zuordnet. Aus diesen 280 
Personen wurden mittels eines Rasters 
18 Personen herausgefiltert, von denen 

die Sonderkommision behauptet“...Bei 


der verbliebenen Zielgruppe muß es 
sich um die Tätergruppe handeln ”(vgl. 
Schwäbisches Tagblatt vom 2.5.98). 
Der einzige aus den Akten hervorgeh¬ 
ende Anhaltspunkt für die Erstellung 
des Rasters war das Bekennerinnen¬ 
schreiben: Aus der politischen Argu¬ 
mentationsweise und aus der verwen¬ 
deten Sprache wurden “Täter- und 
Täterinnen”-Merkmale abgeleitet, so 
z.B., daß die “Täter bzw. Täterinnen” in 
den 50er,bzw. 60er Jahre geboren sein 
müssen. Die Spurenauswertung war 
noch nicht abgeschlossen, als die Son¬ 
derkomission wenige Tage nach dem 
Anschlag eine Hausdurchsuchung bei 
den 18 Personen aus Tübingen und 
Reutlingen durchführen wollte. Unter 
den 18 Personen befinden sich auch die 
Anwälte Franz Spindler und Axel Os¬ 
wald. Axel ist der Anwalt von X. Be¬ 
gründet wurden die Ermittlungen gegen 
die Rechtsanwälte unter anderem damit, 
daß sie sich im Asylrecht engagieren. 
Bei ihren eigenen Vorgesetzten bei der 
S taatsan waltschaft erhielten die Sonder¬ 
ermittler eine Abfuhr. Oberstaatsanwalt 
Weller weigerte sich, beim Amtsgericht 
eine Hausdurchsuchung bei den 18 Per¬ 
sonen zu beantragen. 

Offensichtlich war selbst ihm das 
polizeiliche Verdachtskonstrukt zu 
diffus und unhaltbar. 


Die angebliche 
“Täter/innengruppe” 

Zu den als tatverdächtig eingestuften 
18 Personen gibt es jeweils 1 bis 1,5- 
seitige Kurzdossiers. In ihnen sind fast 
ausschließlich öffentliche Veranstal¬ 
tungsbesuche und Demo-Beteiligungen 
sowie in einzelnen Fällen geringfügige 
“Straftaten” aufgelistet, die zum Teil 
10 und mehr Jahre zurückliegen. 

Weiter wird in der Akte ein Zusam¬ 
menhang zwischen der “Tat” und der 
Mitarbeit in bestimmten öffentlich ar¬ 
beitenden politischen Gruppen nahe¬ 
gelegt, nämlich dem “Komitee gegen 

die Bezirksstelle”(KGB), dem “Projekt 
Zuflucht”, der “Initiative für die Freiheit 
der politischen Gefangenen” und dem 
* ‘B ündn is gegen Absch iebehaft”. Al ter- 
nativ zur angeblichen oder tatsächlichen 
Mitarbeit in einer der genannten Grup¬ 


pen wird auf ziemlich beliebige Weise 
das Engagement in den “szenety¬ 
pischen” Politikfeldem als Verdachts¬ 
moment genannt: Hausbesetzer/innen- 
bewegung, Anti-Atom-Bewegung, 
Antifa,Kurdistansolidarität, Wagen¬ 
burg und Kontakt zu politischen Gefan¬ 
genen. 

Höchst interessant fanden wir auch 
die Behauptung, die 18 Personen bil¬ 
deten ihrerseits eine feste Gruppe und 
hätten den Anschlag gemeinsam vor¬ 
bereitet und durchgeführt. Zitat: “Bei 
der verbliebenen Zielgruppe muß es 
sich um die Tätergruppe handeln, der 
Tatbeitrag der einzelnen Personen ist 
beim jetzigen Stand der Ermittlungen 
nicht einzuschätzen.” Macht nichts, 
denn “es dürfte sich jedoch um eine 
gemeinsam geplante und von allen sub¬ 
jektiv getragene Tat gehandelt haben”. 
Nachdem die obengenannten Kurzdos¬ 



siers bereits verfaßt waren, holte die 
Tübinger Sonderkomission vom Ver¬ 
fassungsschutz sowie vom Bundeskri¬ 
minalamt (BKA) bewertende Stellung¬ 
nahmen ein. 

Der Verfassungsschutz kam dabei zu 
der “Erkenntnis”, daß der “Täter/ 
innenkreis” zumindest teilweise in der 
“Initiative für die Freiheitder politischen 
Gefangenen” zu suchen sei. Zur Begrün¬ 
dung wird angeführt, daß ein Abschnitt 
im Bekennerschreiben, der eingeleitet 
wird mit “Ein paar Anmerkungen zum 
Schluß” und sich inhaltlich auf RAF, 
bewaffneter Kampf und militante Linke 
bezieht, mehr als die Hälfte des Textes 
ausmache. So einfach ist das. Das BKA 
stellt in seinem Gutachten demgegen¬ 
über die These auf, daß Mitglieder des 
Komitee gegen die Bezirksstelle für 
den Anschlag verantwortlich seien. Auf- 


SF 3/98 [27] 


Foto: Marrie Bot 






grund der Tatsache, daß sich das “KGB” 
seit 1992 in einem bundesweiten Zu¬ 
sammenschluß antirassistischer Grup¬ 
pen organisiert, schlußfolgert das BKA 
messerscharf eine Tatbeteiligung von 
KGB-Mitgliedem am ersten Anschlag 
auf Dienstfahrzeuge des Regierungs- 
präsidumsTübingen vom l.März 1993 
und somit auch eine Beteiligung im Juli 
1997. So einfach ist das. 

In den Akten werden weiter das Cafe 
Nepomuk, die Schellingstraße/Infocafe 
und der Provenceweg/Verein für ge¬ 
meinschaftliche Wohn- und Lebens¬ 
formen als Szenetreffpunkte erwähnt 
Über die Schellingstraße gibt es einen 
detaillierten Plan in den Akten über die 
Zu- und Abfahrtswege und die Räum¬ 
lichkeiten im Haus. 

(Ein paar Kostproben aus der Staats¬ 
schutzkartei: 

28.10.1983: Teilnahme an einer Protest¬ 
kundgebung und Demonstration gegen 
die US-Invasion auf Grenada. 

1987 wurde PKW von Frau X. bei Ver¬ 
anstaltungsreihe “Profan*’ (“für eine Ge¬ 
sellschaft ohne Knaste“) im Raum Tü¬ 
bingen/Reutlingen festgestellt. 

- 14.4.89: Beendigung der Stiftskirchen¬ 
besetzung in Tübingen am Holzmarkt 
mit anschl. Kundgebung zum Thema 
“Hungerstreik“. Unter den Teilnehmern 
dieser Veranstaltung war auch X. 

- 9.3.90: Teilnehmer einer Demonstration 
“Freiheit für Günther Sonnenberg und 
andere haftunfähige Gefangene, 

19.5.90: X. war Teilnehmer der Demon¬ 
stration gegen das neue Ausländer¬ 
gesetz. 

1995: X. nahm mehrfach an Demon¬ 
strationen und Aktionen der autonomen 
Szene vor der “NPD-Villa“ in Eningen 
teil. 

15.7.95: Teilnahme an der Demon¬ 
stration “Bundesweite Aktionswoche 
gegen die- Abschiebemaschinerie - 
Schließung des Abschiebeknastes“ in 
Rottenburg. 

1996/97: Leserzuschriften zur Asyl - und 
Abschiebepraxis “Projekt Zuflucht“ 

- 25.2.97: Fahrzeug der Mutter von X. 
wird im Zusammenhang mit Aktionen 
gegen Castortransport festgestellt. 

-15.7.97: (einen Tag nach der Tat) Abmel¬ 
dung nach Stuttgart 

- X. wohnt in unmittelbarer Tatortnähe, 
(das waren einzelne Ausschnitte aus den 

“Kurzdossiers“ über die 18 Personen.) 


Wir, 

die 18 sogenannten ‘Tatverdächtigen”, 
stellen zu diesen Vorgängen fest: 


Tatsächlich sind wir alle geboren, 
und ein Teil sogar in den 50er bzw. 60er 
Jahren. Die Mehrheit von uns arbeitet 
seit mehr als 10 Jahren kontinuierlich in 
verschiedenen politischen Gruppen in 
Tübingen und/oder Reutlingen. Einige 
auch in den Gruppen, die in den Akten 
erwähnt sind. Andere wiederum stehen 
mit diesen Gruppen in keinem Zusam¬ 
menhang, oder sind schon seit Jahren 
nicht mehr aktiv. Manche sind später 
dazugekommen. Manche von uns ken¬ 
nen sich nicht einmal persönlich! So 
stimmt die Zusammensetzung der 
“Gruppe von Hauptverdächtigen” noch 
nicht einmal mit den von der Sonder- 
komission selbst aufgestellten Raster¬ 
kriterien überein, dennoch gehen wir 
nicht von Zufälligkeiten bei ihrer Zu¬ 
sammenstellung aus. 

Aus der Geschichte politischer Er¬ 
mittlungsverfahren gegen Linke ist 
bekannt, wie Verfolgungsbehörden 
Gruppen, sprich “kriminelle Ver¬ 
einigungen”, konstruieren. Der Kon¬ 
struktion einer solchen Gruppe liegen 
so gut wie nie juristische Beweise oder 
Indizien, sondern in den meisten Fällen 
politische Überlegungen zugrunde. Ziel 
dabei ist es, linke Politikansätze, Zu¬ 
sammenhänge oder Strukturen zu be¬ 
kämpfen, zu schwächen, zu lähmen. Je 
größer das Spektrum derer, die m it Kri- 
minalisierung bedroht und in einen 
nichtexistierenden Gruppenzusam¬ 
menhang gepreßt werden, desto gene¬ 
reller die Abschreckung einerseits und 
desto schwieriger, so das zugrundelie¬ 
gende Kalkül, die gemeinsame Gegen¬ 
wehr anderersei ts. Mi t der Wirkl ic hkei t 

haben diese Gruppenkonstruktionen 
nichts zu tun. Dies gilt auch für unseren 
Fall. 

Auch wenn es sich in unserem Fall 
erstmal “nur” um eine beantragte Haus¬ 
durchsuchung geht: Die Drohung, die 
mit diesem Ermittlungsverfahren aus¬ 
gesprochen wird, ist eindeutig. Es pas¬ 
siert irgend etwas irgendwo in Tübingen 
und alle oder Teile der 18 Personen sind 
“dran”. Und mit ihnen sollen die Grup¬ 
pen, in denen sie arbeiten, unter Druck 
gesetzt und ein Klima der Einschüch¬ 
terung produziert werden. Die Gruppen¬ 
arbeit soll durch den Zwang, der Repres¬ 
sion entgegenzutreten, gelähmt werden. 
Die politische Basisarbeit könnte so 
zerstört werden, lokal in Tübingen/Reut¬ 
lingen momentan diejenige gegen den 
Abschiebeknast in Rottenburg, die staat¬ 
liche Flüchtlingspolitik, die Castor- 


transporte,...- um nur einige Beispiele 
zu nennen. 

Als weiteres Motiv für das Ermitt¬ 
lungsverfahren sehen wir den Erfolgs¬ 
druck der Fahndungsbehörden. In den 
vergangenen zwei Jahrzehnten sind 
viele militante Aktionen in der Region 
gelaufen, die bis heute nicht aufgeklärt 
werden konnten. Immer gab es auch die 
Auseinandersetzung um verschiedenste 
Widerstandsformen und um bewaffnet/ 
militant kämpfende Gruppen. Nicht 
zuletzt deshalb waren inTübingen 1991/ 
92 zwei verdeckte Ermittler eingesetzt 
worden. Der damalige Einsatz endete 
für die Verantwortlichen juristisch und 
politisch mit einem Schlag ins Wasser. 
Aber wie ’92 bereits von den Betroffe¬ 
nen vermutet, stellen die dabei völlig 
unkontrolliert angehäuften Datenberge 
für einige von uns, die damals schon 
Zielpersonendes Verdeckten-Ermittler- 
Einsatzes waren, heute eine neuerliche 
Bedrohung dar. 

Und darin liegt allgemein wohl das 
dritte Motiv der Staatsschützer: Sam¬ 
meln, sammeln, konstruieren, irgend¬ 
wann wird’s schon mal passen. Der 
völlig unbewiesene Verdacht von heute 
wird so zum ersten Ermittlungsansatz 
Jahre später. 


Was tun? 

Wir alle werden Antrag auf Aktenein¬ 
sicht stellen. Außerdem werden wir an 
die Presse gehen und die Öffentlichkeit 
informieren. 

Diejenigen von uns, die politisch orga¬ 
nisiert sind, werden ihre Politik weiter¬ 
führen. 

Wir lassen uns weder bedrohen, noch 
lassen wir uns den Mund verbieten, 
noch hören wirauf, uns da zu engagieren 
wo wir es für notwendig halten. 

Was vordergründig uns gilt, gilt in 
zweiter Linie allen zur Abschreckung. 

Macht euch Gedanken darüber, wie 
ihr euch im Falle einer Hausdurch¬ 
suchung oder Zeugen-/Zeuginnenvorla- 

düng verhalten wollt. Wir wollen den 
Teufel nicht an die Wand malen; aber 
cs ist immer besser, sich grundsätzlich 
Gedanken über diese Fragen zu machen 

und nicht zu warten, bisderStaatsanwalt 

vor der Türe steht. 

V.i.S.dP.: TÜV 
(Tübinger übliche 
Verdächtige), 
im Datenspeicher 1, 


[28] SF 3/98 









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italienische 
Blues nimmt 
kein Ende 




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von Jochen Knoblauch 

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»Liebe Genossinnen, 
dass der Prozess in Rom gegen zahl¬ 
reiche Anarchistinnen kein Prozess ge¬ 
gen die Ideen ist, von dem überzeugt 
uns die Staatsanwaltschaft Ionta & Co. 
immer mehr. 

Als letztes Beweismittel dafür wurde 
uns ein neues juristisches Konstrukt 
vorgelegt, das dieses Mal sogar Fami¬ 
lienangehörige und Lebenspartner¬ 
innen von Gefangenen miteinbezogen 
sieht. Diese werden schön in Reih und 
Glied, neben inhaftieren und (noch) 
nicht inhaftierte Anarchistinnen gestellt 
Eine Neuigkeit kommt jedenfalls 
hinzu: dieses Mal wurde ein Ermitt¬ 
lungsverfahren nicht (nur) gegen die 


SF 3/98 [29] 


„ In Italien drohen neue 
Verhaftungen 

Seit dem 26. 6. 1998 ‘‘kursiert” eine 
Liste mit sechs Namen, gegen die ein 
Ermittlungsverfahren in Italien wegen 
“Beteiligung an einer bewaffneten 
Bande” sowie einer “subversiven Ver¬ 
einigung mit terroristischen Ziel” 
eingelcitet worden ist. 

In Deutschland weitgehend ignoriert 
ist diese staatsan waltschaftliche Aktion 
nun ein erneuter Versuch Anarchist¬ 
innen zu kriminalisieren. Unsere Be¬ 
fürchtungen, daß auch die deutschen 
hochgerüsteten Anti-Terroreinheiten 
sich neue Arbeitsfelder suchen könnten, 
scheinen sich zu bestätigen. Es ist nur 
noch eine Frage der Zeit, wann die 
Deutschen hier in das Geschehen ein- 
greifen. Eine der sechs Betroffenen, ge¬ 
gen die jetzt in Italien ermittelt wird ist 
eine gebürtige Deutsche, die lange in 
Italien lebte, und somit sind nun auch 
;j wir in dieses Spektakel der italienischen 

Justiz involviert, wobei niemand weiß» 
was denen nicht noch alles einfällt. 


Ein kurzer Blick zurück 

Seil September 1996,woca.300Beamte 

der ROS (Sondereinheit der römischen 

Carabinierri) in ganzltalien Hausdurch¬ 
suchungen und zahlreiche Verhaftungen 
durchführten, versuchen der Richter 
Marini und die Staatsanwälte Ionta und 
V'gna militante Anarchisten zu krimi¬ 
nalisieren, sie als “terroristische Ver¬ 
einigung” (wofür es nicht einmal einen 
Namen gibt) u.ä. hinter Gitter zu brin¬ 


gen. Weder Waffen noch größere Men¬ 
gen von Geld oder Erklärungen/Beken¬ 
nerschreiben etc. wurden je gefunden. 

Dazu kommt eine psychisch-labile 
Ex-Freundin eines Angeklagten, die sich 
als Kronzeugin in Widersprüche 
verstrickt 

Im Juli 1997 taucht bei dem unab- 
hängigenRadio“Blackout” ein internes 
Papier der ROS auf, in dem ziemlich 
detailiert dargestellt wird, wie diese 
Sondereinheit die anarchistische Szene 
in Italien zu kriminalisieren gedenkt. 
Die Polizei erklärt dieses Papier als ge¬ 
fälscht, die Untersuchungen darüber 
übernehmen dieselben Beamten, die in 

dem Papier dieStrategiegegendie Anar¬ 
chistinnen entworfen haben. 

Anfang November 97 werden Alfredo 
Bonanno und Emma Sassosi aus der U- 
Haft entlassen, später auch Jean Weir. 
Der Justiz gehen langsam die Beweise 
aus. Dafür erfolgt nun die neuerliche 
Offensive. Konstrukte ohne Hand und 
Fuss, aber mit dem scheinbaren Erfolg 
die militante Szene in Italien zu 
verunsichert!, zu spalten. 


Zur aktuellen Situation 

Abgesehen von der Tatsache, daß immer 
noch Leute im Gefängnis sitzen, der 
Prozeß immer noch läuft, und, obwohl 
einige zwischenzeitlich entlassen wur¬ 
den, aber weiterhin mit Repressionen 
rechnen müssen, wurden nun gegen 
sechs Leute Ermittlungsverfahren ein¬ 
geleitet. Die betroffenen sind Prozeß- 
beobachterlnnen sowie Freundinnen 
und Verwandte der Angeklagten. Diese 
Tatsache scheintder italienischen Justiz 


Ein offener Brief einer 
Betroffenen 


zu genügen, um auch gegen sie zu er¬ 
mitteln. Hier sollen die Freundinnen, 3 1 

Verwandten und Unterstützerinnen P. 

kriminalisiert werden um jede Form - gj 
und sei sie noch so gering - von Soli- § 
daritätsarbeit zu unterbinden. Die mei- ^ 
sten der Betroffenen wußten gar nichts g. 
davon. fy 

Aus der bisher abgelaufenen Farce 
und den abenteuerlichen Konstrukten, 
die, wenn sie nicht so verheerend für 
die Betroffenen wären, könnten Stoff 
für einen schlechten Krimi abgegeben, 
muß das Schlimmste befürchtet werden. 

Die Hysterie der italienischen Justiz 
nimmt an Gefährlichkeit zu. 

Die anarchistische Öffentlichkeit in 
Deutschland schweigt bisher zu all die¬ 
sen Vorfällen, und spielt somit der ita¬ 
lienischen Justiz in die Hände. Wir soll¬ 
ten nicht wieder darauf warten, bis wir 
persönlich betroffen sind. 













Ideen der Anarchistinnen eingeleitet, 
sondern auch gegen die Gefühle. Wie 
wirja alle wissen, ändern sich die Zeiten. 
Dies auch in einem Land wie Italien, 
das für Leute wie mich,die aus nor¬ 
discher Mentalitaet stammen, “das” 

Land darstellte, in dem der familiäre 
Zusammenhalt an erster Stelle stand 
und oftselbstvom Gesetz gerechtfertigt 
wurde (man denke dabei an das juri¬ 
stische Verständnis bei Delikten die im 
Zusammenhang der sogenannten Fami¬ 
lienehre stehen, wie das der Fall bei 
Delikten der Eifersucht usw. ist). Ein¬ 
zelne deutschsprachige Genossinnen 
würden mich vielleicht darauf hinwei- 
sen wollen, dass Italien ein Land ist, in 
dem das Patriarchat vorwiegend herr- 
schtund daher der Mann sowieso immer 
im Recht ist. Diese Meinung habe ich 
jedoch noch nie geteilt, und werde sie 
auch weiterhin nicht teilen. 

Nun wie gesagt, die Zeiten ändern 
sich auch in Ländern wie Italien. So 
entdeckt man, dass es zum Delikt wird, 
oder zumindest sehr verdächtig ist, wenn 
eine Schwester ihrem Bruder aktiv ihre 
Liebe zeigt. Wie kommt die gute Frau 
darauf, ihrem inhaftiertem Bruder mora¬ 
lisch beizustehen? Was für eine Frech¬ 
heit sie sich dabei herausnimmt! Im üb¬ 
rigen, anstatt ihren Bruder dafür zube¬ 
strafen, dass er zu so “bösen” Ideen 
neigt, fällt ihr auch nichts Besseres ein, 
als im Gerichtsaal ein paar Worte mit 
den Leuten zu reden die den Prozessen 
ihres Bruders beiwohnen, und zu gleich¬ 
wertig “bösen” Ideen neigen könnten 
wie er. 

Ein Liebesverhältnis zu einer Person 
mitanarchistischer Identitätzu haben,ist 
das Delikt an sich. Eine Anarchistin 
oder einen Anarchisten zu lieben be¬ 
deutet die Teilnahme an Delikten wie 
das einer (obendrein nichtexistierenden) 
bewaffneten Bande, wusstet ihr das 
nicht? Der Staatsanwalt Ionta, belehrt 
uns darüber. 

Was die drei Anarchistinnen betrifft, 
die sich zusammen mit Familienange- 
hoerigen und Liebesbeziehungen ein¬ 
zelner Gefangenen mit einem Ermitt¬ 
lungsverfahren wegen “subversiver 
Vereinigung mit terroristischem Ziel” - 
“Bewaffneter Bande” und anderen 
Delikten konfrontiert sehen, kann nur 
das wiederholt werden, was wir seit 
Jahren in alle Windrichtungen schreien: 
eine Anarchistin oder Anarchist, ist zu 
bestrafen alleine für die Tatsache, dass 


sie oder er Anarchistin ist. Naja, dass 
das nicht ganz so ist, das wissen wir. Es 
gibt nämlich die “guten” und die “bö¬ 
sen” Anarchistinnen. Die “Guten” sind 
diejenigen, die sich darauf begrenzen 
derheldenreichenVergangenheitnach- 

zutrauem, diejenigen die ganz bewusst 
die aktuelle (auch repressive) Situation 
ignorieren, diejenigen die sich am 
Wochenenden auf einen Drink treffen, 
um über die überholte Vergangenheit 
zu theoretisieren. Die “Bösen” hin¬ 
gegen, sind diejenigen diedie Frechheit 
besitzen die aktuellen Schweinereien 
des Staates publik zu machen. Es sind 
diejenigen, die den Prozessen gegen 
die “Bösen” beiwohnen und die es tat¬ 
sächlich auch noch wagen eine Besuchs¬ 
erlaubnis mit diesen einzuholen... 

Für Leutedie geistig so armselig sind, 
wie die Staatsdienerinnen, gibt es nur 
zwei Gründe warum man daran inter¬ 
essiert sein könnte, eine Genossin oder 
einen Genossen im Gefängnis zu be¬ 
suchen. Der eine Grund ist, dass die 
beiden Individuen wegen der gleichen 
subversiven Ideen verbunden sind und 
daher, wer weiss was für “Geheim¬ 
nisse” austauschen wollen, daher müs¬ 
sen sie erst belauscht und dann bestraft 
werden. Sollten die beiden Individuen 
den verdrehten und fantomatischen Er¬ 
wartungen nicht entsprechen, dann 
könnte der andere Grund nur der sein, 
dass sie eine Gefühlsbeziehung haben 
und gehören somit auch bestraft, wie 
oben schon dargestellt. In diesem Falle 
muss ihnen das Leben schwer gemacht 
werden, dies in der Hoffnung, dass aus- 
senstehende Probleme jegliche affekü ve 
Vitalität töten. Dies müsste, mehr oder 
weniger, den miserablen Ideen der Er- 
mittlerlnnen entsprechen. 

Es gibt jedoch noch einen dritten 
Grund, den ich hier sicherlich nicht er¬ 
klären werde, bewusst darüber, dass 
jegliche Genossin oder jeglicher Ge¬ 
nosse, der über Wuerde und Mut ver¬ 
fügt, ihn selbst kennt und daher weiss, 
dass es keine Worte dafür gibt für etwas, 
was nur den Anarchistinnen und Revo- 
lutionaerlnnen angehört. Ein etwas, dass 
auf der Suche nach Definitionen nur ge¬ 
tötet würde. 

Die Bekanntmachung eines Ermitt¬ 
lungsverfahrens als solches, ist an sich 
nichts, was zur Panik führen muss oder 
dramatisiert zu werden braucht. Interes¬ 
sant hingegen ist der Aspekt der die 
Effekte betrifft, die von so einem Ver¬ 
fahren ausgelöst werden. Nicht mehr in 


ein Land oder eine Stadt gehen zu kön¬ 
nen, in denen man ein soziales Umfeld 
und affektive Beziehungen hat, ist eine 
“andere Form” der Gefangenschaft. Die 
“Formen” des Gefängnisses Europa, 
sind nun um einiges subtiler als vorher. 
Es gibt keine Mauern mehr die sich ab- 
reissen oder sprengen lassen. Heute sind 
die Grenzen, die auf den ersten Blick 
offen scheinen, nur weniger sichtbar, 
nicht berührbar und treffen an erster 
Stellediejenigendie zur Revolte neigen; 
dies unabhängig davon, wie bewusst 
revoltiert wird oder inwiefern sie aus 
den immer schwierigeren Lebensbe¬ 
dingungen des einzelnen ausgeschlos¬ 
senen Subjekts entsteht und daher, 
spontan und emotionell, zu Stande 
kommt. Subjekte von Italien femzu- 
halten zeigt deutlich welchen grossen 
Störfaktor das Interesse und die Präsenz 
ausländischer Genossinnen dargestellt 
hat. Wiesehr es gestört hat, dass das 
juristische Konstrukt “Marini”, die An¬ 
gelegenheiten in Mailand, Turin und 
Spanien die jeweiligen Grenzen über¬ 
schritten hat... 

Ich würde mir wünschen, dass wir 
unsere Projekte nicht von der Repression 
und ihren Zeiten bestimmen lassen. Es 
ist mir bewusst, dass mir viele von euch 
Nahe stehen, also braucht es keine un¬ 
nötigen Worte. Das was zu sagen war, 
haben wir schon in tausend Sprachen 
und tausend Formen gesagt. Wer bis 
heute noch nichts verstanden hat, will 
einfach nicht verstehen. 

Daniela Carmignoni 
München, 27.06.98 


Solidarität jetzt! 

Infos über: 

Solidaritätskommitee Italien 
c/o LIZ 

Karolinenstr. 21 / Haus 2 
20357 Hamburg 

Zu den Vorfällen in Italien gibt es an 
Literatur: 

Die R.O.S. sind entblösst - Wie ein i ta ' 
lienisches SEK eine Anklage konstruiert 

48 Seiten / 4,—DM 

außerdem die Zeitschrift AUSBRUCH (er¬ 
hältlich über das Solidaritätskommitee 

Italien für 3, — DM plus Porto) 
und in gutsortierten Info- und Buchläden 
gibt es die Broschüre: Alfredo Bonanno, 
Die bewaffnete Freude. Kolkraben 
Edition / 44 S. / 6,—DM 


[ 30 ] SF 3/98 










Eigentum Ist Diebstahl meinteeinmal 
der französische Anarchist Proudhon, 
Johann Most beschäftigte sich mit dem 
Thema in seinem Artikel "Die Eigen¬ 
tumsbestie". Die anarchistische Tra¬ 
dition ist demnach recht eindeutig, 
trotzdem meinen nun ein paar von der 
US-Libertarian Party angesteckte 
sogenannte "Xnarcho-Kapitalisten", 
dass "Eigentum der Schlüssel der 
Freiheit" sei und gründeten ihre neue 
Zeitschrift "eigentümlich frei". Ein 
seltsames Blatt, das vom Anarchismus 
nur die Staatsgegenerschaft verstanden 
hat und keine Beachtung verdient, auch 
wenn es auf den SF hinweist und uns 
eine bezahlte Anzeige geschickt hat. 

woh 



Heinrich Friedetzky, Mitglied der 
Schwarzen Scharen im Widerstand 
gegen den Nationalsozialismus und 
anarchistischer Spanienkämpfer ist im 
Mai im Alter von 88 Jahren gestorben. 
Wir werden in einer der kommenden 
Ausgaben des SF Auszüge aus einem 
ausführlichen Interview mit ihm 
bringen. 

woh 



Bildungssyndikat der FAU/IAA wird 
vom 20.-22.11.98 in Berlin gegründet. 

woh 



FICEDL-Treffen in Paris: Anarchie 
und Film. Am 9.11.97 fand in Paris das 
letzte Treffen der anarchistischen Archi¬ 
ve und Dokumentationszentren statt. 
Einziges Archiv aus Deutschland ist 
leider das Anarchiv Horst Stowassers 
aus Neustadt (früher Wetzlar). Leider - 

weil gerade dieses Archiv seit fast 10 
Jahren nicht mehr funktioniert, da das 
gesamte Projekt falsch angegangen 
wude, Erst soll die ökonomische Basis 
stehen , dann könnte geöffnet werden. 
Eine Anspruch, der erst mit dem Projekt 
A formuliert wurde, da früher das Anar¬ 
chiv offen war und ab und an sich ein 
Genosse fand, der etwas systematisierte, 
andere das Vorhandene bereits nutzen 
konnten. 

Auch heute sind kleinere anarchi¬ 
stische Archiv in Berlin, Bielefeld und 
Köln ohne ökonomische Grundlage und 
ohne ein Angebot eines (oder meh¬ 
rerer) sicherer Arbeitsplätze wöchent¬ 
lich zugänglich. So auch im Ausland . 
Mit wenigen Ausnahmen krebsen alle 
Anarchive finanziell durch die Jahre, 
schaffen es aber, Brennpunkte mit rela¬ 
tiver Resonanz darzustellen. Brenn¬ 
punkte in der Hinsicht, dass einerseits 
Informationen, Zeitschriften, Bücher, 
nachlässe, Devotionalien jeglicher 
Ausprägung eingehen und andererseits 
Besucherinnen mit gefundenen Infor¬ 
mationen, Anregungen, Kontakten von 





dort wieder Weggehen. So nebensäch¬ 
lich anarchistische Bibliotheken schei¬ 
nen mögen, bilden sie doch mit die 
dauerhaftesten Infrastrukturpunkte im 
anarchistischen Blütenstand. 

Anarchie und Film war das Schwer¬ 
punktthema auf dem letzten Treffen. 

Ein Pariser Genosse berichtete über die 
Schwierigkeiten, Informationen über 
Filme bzw. die Filme selbst, die sich 
mit anarchistischen Inhalten oder 
Anarchistinnen auseinandersetzen, für 
das Archiv zu bekommen. Z.B. forderte 
SWF 3 DM 5000.- für das Recht, den 
Rudolf Rocker-Film für die Dauer von 
5 Jahren in französisch-sprachigen 
Ländern verbreiten zu dürfen. Auch 
ehemalige Medienwerkstätten gehören 
bisweilen - nach dem Austritt ihrer 
Gründungsmitglieder - zur Abzocker¬ 
branche. Wichtigstes Resümee der 
Tagung bleibt jedoch, dass alle Inte¬ 
ressierten aufgerufen sind, Informa¬ 
tionen zu Filmen, Videos etc., die sich 
explizit oder im weitesten mit Anarchie 
beschäftigen an einer der folgenden 
Adressen weiter geben: 

CIRA, Av. de Beaumont 24, CH-1012 
Hans Lausanne !f 

Publico, 145, Rue Ameiot, F-75011 Paris 
Hans Müller-Sewing 


Erich-Miihsam-Tagung in Malente. 
Vom 22.-24.5. fand die diesjährige 
Tagung der Erich-Mühsam-Gesell- 
schaft unter dem Stichwort Mühsam 
und die Boheme statt. 

Aus gesundheitlichen Gründen 
konnte derTraven-ForscherRolfReck- 
nagel (Leipzig) leider nicht an der Ta¬ 
gung teilnehmen. Ihn vertrat Wolfgang 
Kroeske (Berlin),der sich in seinem 
assoziativen Vortrag mit dem Ziegel¬ 
brenner, sprich Marut/Traven beschäf¬ 
tigte. Kurt Kreiler (München), beleuch¬ 
tete, begleitet von Chris Hirte (Berlin), 
dem Herausgeber der Mühsam-Tage- 
bücher Mühsams Bohemezeit. 

Wolfgang Haag (Grafenau) stellte 






Mühsams Zeitschrift KAIN inhaltlich 
wie in ihren politischen und finanziellen 
Rahmenbedingungen vor. Martin Lan- 
gner erzählte über Mühsams Freund¬ 
schaft zu Peter Hille und die gemein¬ 
samen Unternehmungen in und für das 
anspruchsvolle, künstlerische Cabarett. 
Das Abendprogramm bestritt Klaus E. 
Diedrich (Berlin) mit seiner satirischen 
Revue, die Erich Mühsam vorstellt und 
zitiert. Die Beiträge werden zusammen 
mit denjenigen des Vorjahres im kom¬ 
menden Heft der "Schriften der Erich- 
Mühsam-Gesellschaft" abgedruckt 
werden. In der 2.Auflage nachgdruckt 
wurde gerade Heft 3 mit Beiträgen von 
Hubert van den Berg zu Mühsam und 
die Frauenfrage und Wolfgang Haug zu 
Expressionismus und Anarchismus. 
Kontakt: EM-Gesellschaft, c/o Horst 
Krause, Am Brink 2,23564 Lübeck 

ac 



Seit Mai und bis September findet in 
München die Ausstellung " Schwabing 
- Kunst und Leben" im Münchner 
Stadtmuseum statt. Diese Ausstellung, 
aufgeteilt in zwei Bereiche des Stadt¬ 
museums stelltdas Leben der Münchner 
Boheme in der Kaiserzeit vor dem 
l.Weltkrieg dar, bezieht Ascona und 
anderes mit ein und gibt ein überaus 
lebendiges Bild vom damaligen Leben 
aller Aussenseiter, ob sie nun Künstle¬ 
rinnen, Zeichner, Fotografen, Schrift¬ 
steller, Maler, Modelle, Schauspiele¬ 
rinnen waren. Anhand von Insider¬ 
berichten, nämlich den Tagebüchern 
von Franziska von Reventlow und Erich 
Mühsam so wie dem Schwabing-Archiv 
des S implicissimus-Zeichners Rolf von 
Hoerschelmann wurde die Ausstellung 
aufgezogen. Man'spürt die Lust am Le¬ 
ben, vor der Ausstellung sollte mensch 
sich einige Seiten aus Mühsams Tage¬ 
buch aus den Jahren 1911 -13 zu Gemüte 
führen. Zur Erheiterung und aus Grün¬ 
den der Weltanschauung. 

woh 




Karawane für die Rechte der Flücht¬ 
linge und Migrantlnnen.Ein breites 
Bündnis von Flüchtlingsgruppen und 
antrassistischen Initiativen bereitet eine 
bundesweite Demonstration gegen den 
immer breiteren rassistischen Konsens 
in der Gesellschaft vor. Diese “Kara¬ 
wane” wird am 15.August in Bremen 
starten und bis zu ihrem Abschluß am 
20. September in Köln insgesamt 5 Wo¬ 
chen von Stadtzu Stadtziehen. Geplant 
sind bisher größere Aktionen in 28 Städ¬ 
ten: u.a. im August am 18. in Kiel,am 
19. in Lübeck, am 26. in Göttingen, am 
30. in Büren bei derbundesweiten Demo 
am Abschiebeknast; im September u.a, 
am 1. in Regensburg, am 3. in München , 
am 5. in Rottenburg am Abschiebeknast, 
am 6. in Straßbourg zusammen mit Sans 
Papiers, am 9./10. in Mainz und Wies¬ 
baden, am 11./12. in Frankfurt, Offen¬ 
bach (Abschiebeknast) und Hanau. Den 
Abschluß bildet vom 17.-20. September 
ein viertägiges Festival mit Aktionen, 
Kongreß und einer bundesweiten Demo 
in Köln. 

Infos über Verlauf, Termine, Beteili¬ 
gungen, Flugblätter etc. bei: interna - 
tionalerMenschenrechtsvereinBremen, 
Kornstr. 51,28101 Bremen, Tel 0421 - 
55 77 093 , Fax 55 77 094; e-mail: 
mail@humanrights.de; Internet: http:! 
Imvw.humanrights.de. 



Miet-Frey wohnen in Berlin - weil sie 
mit ihren Mietzahlungen nicht den 
DVU-Wahlkampf von Gerhard Frey 
mitfinanzieren wollen, ruft eine 
Initiative dazu auf, bis zur Bundestags¬ 
wahl die Miete in den Frey-Wohn- 
blöcken um 30% zu mindern. 


Exile - Kulturkoordinationvermittelt 
Kultur aus Ländern des Südens und 
Kultur bei uns lebender Migrantlnnen, 
darunter Musikgruppen, Tanzgruppen 
oddr Theaterstücke und Ausstellungen. 
Zwei Ausstellungen unseres Redakteurs 
Herby Sachs können über Exile orga¬ 
nisiert werden: 

Zum einen: Mexiko - Der lange Weg 
vom Schmerz zur Hoffnung. Fotos und 
texte zu Chiapas seit dem Aufstand der 
Zapatisten 1994 

zum anderen: Zwischen Würde, Land 
und Freiheit. Fotos und Texte zu Kultur 
und Widerstand der Maya heute. Foto¬ 
grafierte Augenblicke und authentische 
Texte erzählen vom Alltag und Wider¬ 
stand der Maya. Das Begleitheft zur 
Ausstellung kann gegen DM 8.- beim 
Trotzdem-Verlag, PF 1159, 71117 
Grafenau bezogen werden. Die Aus¬ 
stellungen bei: Exile, Friederikenstr.41 , 
45130 Essen 

woh 



ac 












Total Verweigerung. Die Situation der 
Totalen Kriegsdienstverweigerer 
scheint sich in der BRD wieder einmal 
zu verschärfen. Am 9Juli wurde der 
Totalverweigerer Torsten Froese nach 
16 Tagen Haft aus der J V A Weiterstadt 
entlassen, in die er im Verlauf seines 
Prozesses wegen der totalen Verwei¬ 
gerung gegen ihn gebracht worden war. 

Torsten Froese wurde bereits 1993 zu 
einer dreimonatigen Bewährungsstrafe 
wegen Total Verweigerung verurteilt. In 
der Folge erzwang das Bundesamt für 
Zivildienst per Gerichtsurteil gegen die 
Bedenken der Staatsanwaltschaft ein 
erneutes Verfahren. Die Staatsanwalt¬ 
schafthatteein weiteres Verfahren abge¬ 
lehnt, da Torsten Froese bereits einmal 
wegen seiner Gewissensentscheidung 
verurteilt wurde und es sich somit um 
eine, nach BRD-Gesetzen nicht zu¬ 
lässige, Doppelbestrafung handeln wür¬ 
de. Dieses gesetzliche Verbot der Dop¬ 
pelbestrafung wird aber bei Totalver- 
weigerem immerwieder umgangen. So 
letztendlich auch in diesem Fall. Bei 
seinem Prozeß am 23. Juni wollte sich 
Torsten Froese von zwei weiteren Total- 
verweigerem verteidigen lassen, was 
bereits im Vorfeld des Prozesses abge¬ 
lehnt wurde. Der Antrag, die beiden 
Totalverweigerem aus Braunschweig 
und Jenaals Verteidigerzuzulassen wur¬ 
de dann zu Prozeßbeginn wiederholt, 
aber von der Richterin emeutabgelehnt 
Daraufhin verließ Torsten Froese mit 
seinen beiden Verteidigern den Ge¬ 
richtssaal, um gegen die Richterin einen 
Befangenheitsantrag zu formulieren. 

Doch dazu sollte es nicht mehrkommen, 

du die Richterin ihn mit Gewalt in den 
Gerichtssaal zuriickholen lassen wollte 
und damit eine handgreifliche Ausein¬ 
andersetzung provozierte in deren Ver¬ 
lauf einer der Wahlverteidiger verletzt 
wurde. Als Konsequenz wurde Torsten 
Froese noch im Gerichtssaal verhaftet 

Dieser Haftbefehl ist inzwischen, da 
gesetzwidrig, aufgehoben worden und 
Torsten Froese wieder frei. 

Auf die Situation der Totalverwei- 
8 er er in der BRD wird im nächsten SF 
ausführlich eingegangen. Auch werden 
wir exemplarisch auf die V erweigerung 
Von Torsten Froese, seine Gründe und 
die Reaktion der Justiz darauf eingehen. 

Weitere Infos über: DFGIVK, 
Vogelsbergstr. 17, 60316 Frankfurt; 
069 - 4314 40, Fax 499 00 07; E-mail: 
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ven. Neben Fotos und Farben finden 
auch organische Materialien Verwen¬ 
dung. Motive für verschiedene Illustra¬ 
tionen sind vorhanden. Verkauf von 
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069-37108812 (Uwe Rausch) 

Postkarten gegen Rassismus, Euro¬ 
zentrismus und allgemeine Menschen¬ 
verachtung in den Medien und im Alltag 
(Beispiele aus der Reklame 1992-1997). 
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dieser Karten ist für Anti-Rassismus- 
undFlüchtlingsarbeitbestimmt. 12Mo- 
tive f. 10.-DM & 2,20 Porto; zu best, bei 
T. Boese, c/o Galions e.V., Brunnen- 
str.3,36323 Grebenau-Bieben 

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und linksradikalen Verlagen zu er¬ 
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von Anares-Medien-Köln, Anares- 
Nord in Sehnde und SF/Trotzdem-Ver¬ 
lag. Für Direktkundinnen portofreie 
Lieferung, für Wiederverkäufer und 
Buchläden ab 50.-DM Bestellwert 30% 
Rabatt. Anares, c/o SF-Redaktion, PF 
1159, 71117 Grafenau. Liste gegen 
1,10DM Rückporto. 

20 Jahre Trotzdem Verlag - wer sich 
für unser neues Verlagsprogramm inte¬ 
ressiert, mag es anfordem. Gesucht sind 
1998 auch wieder Einlagegeberlnnen, 
diemit lOOO.-DMdieArbeitdes Verlags 
unterstützen wollen und können und 
die dafür jedes unserer neuen Bücher 
als "Zins" erhalten. Nähere Informa¬ 
tionen bitte anfragen. 

Kontakt: Trotzdem-Verlag, PF 1159, 
71117 Grafenau/Württ. 

Übersetzungen & Transkriptionen 

Und noch ein Aufruf zur Mitarbeit: 
Der SFbraucht dringend Unterstützung 
bei der Abschrift von Tonbandinter¬ 


views und bei der Übersetzung von 
Texten aus dem Französischen, Spani¬ 
schen und Englischen. Bitte meldet 
Euch zahlreich bei der Redaktion!!! 


TRANVIA 

Nr. 49/Sommer ‘98: SPANIEN - 
EINE „NATION AUS NATIONEN“? 

Inhalt: Der Autonomiestaat: ein funktions¬ 
fähiges Dauerprovisorium?; Die Basken: 
ein Versuch über Forschungsreisende, 
Kochtöpfe, Dynamitmixer und Friedens¬ 
stifter; Katalonien: Nation oder Region?; 
Schreiben zwischen zwei Sprachen; Der 
gaiicische Nationalismus an der Schwelle 
des 21. Jahrhunderts; Die gaiicische Spra¬ 
che heute; Die autonome Region Castilla- 
La Mancha; Aranesisch, eine lebende 
Sprache; Europa verschlafen? Zum Um¬ 
gang mit der eigenen Geschichte in Ka¬ 
talonien; Nationalismus und Gewerk¬ 
schaften in den autonomen Regionen. - 
Weitere Themen: Ein Mythos Portugals 
auf der Kippe: zur Entdeckung des See¬ 
wegs nach Indien; Santeria, Kunst und 
Markt in Kuba; Religionen in Brasilien u.a. 

TRANVIA, die Zeitschrift zu Kultur und 
Gesellschaft Spaniens, Portugals und 
Lateinamerikas, erscheint alle drei Mona¬ 
te. Das Einzelheft kostet 9,- DM, das Jah- 
resabo (4 Hefte) 36,- DM (jew. zzgl/Porto) 

TRANVIA ■ Postfach 303626 • 10727 Berlin 


Zeitschrift für intellektuelle 




SCI 


"Die "Zwischenstufen” sind eine neue 
Zeitschrift für Kunst und Politik, die in 
Zukunft halbjährlich erscheint. Jedes Heft 
kostet 20,- DM. Heft 1/98 umfaßt 266 S. 
Das Thema des ersten Heftes lautet "Die 
Produktion und Tötung des Weiblichen 
in Bild und Schrift". 

Aus dem Inhalt: Die Erkenntnisse ... - ein 
kurzes Theaterstück - sie lebt dreckig in 
einem sauberen Haus - eine Novelle. Au¬ 
ßerdem ein Gespräch mit GerburgTreu- 
sch-Dieter und ein "Gespräch unter Wei¬ 
bern", die Vorstellung eines "Schauge- 
schäfts", eine kleine Geschichte der hyste¬ 
rischen Weltvcrnunft und die Auferste¬ 
hung des Weiblichen im Artefakt mit 
theoretischer Hilfe. Dazu: Fotografien, 
.Zeichnungen und Collagen. 


Kunst 

Kultur Kommunikation c.V. 

BethJehcmstr. 15 - 30451 Hannover -Tel. 0511 / 31 72 13 


SF 3/98 [33] 














QEsar 


- Allstar-Projekt mit Punkveteranen 


„bas ist der Sinn der Band, daß die verschiedenen Einflüsse irgendwie Zusammenkommen. “ [D.J-J 


Bei jedem Deutschpunknos+algiker dürfte das Line-Up der Church 
Of Independent Asshofes fur leuch+ene Augen sorgen; D.J. (Sänger 
^ von Slime), Marco (Frontmann von Heiter bis wolkigX Elf (Abwärts, 


Slime, Destination, Targets und Elf), Minne (Chaos Inferno, Anar¬ 
chie, Posers, Rubbermaids), John (Blue Stories, Mopeds In New 
" Delphi; The Itch) und Olli (Stunde X, Abstürzende Brieftauben). 
Als Gastmusiker sind beim Debütalbum Codename: Freibeuter'der 
Deutschpunkveteranen noch Axel (Wizo) und Bela B. (Die Ärzte) 
dabei, um ihre Vision vom 'König von Deutschland' zum besten zu 
geben. „Der Ansatz dieses Songs war ein Tribut an Rio Reiser. Es 
. war klär, daß wir mit verschiedenen Sängern arbeiten werden und, 

[ sich jeder in seiner Strophe austoben kann. Dann haben wir halt 
Axel und Bela gefragt, die gesagt haben „Klar, machen wir". Dann: 
sind die halt ohne Text ins Studio gekommen und haben eine Stunde 
Brainstorming gemacht.. Und dieser Irrsinn ist halt dabei herausge- 
II kommen", erklärt D.J., und Marco fügt hinzu: „Mit Axel war das 
^ Ding, daß wir zuletzt Ende 1994 zusammengespielt hatten. Danach 
haben wir uns in Stuttgart getroffen und haben gesagt: ‘Wir 
müssen unbedingt mal was zusammen aufnehmen." Und das ist dabei 
herausgekommen. 11 Dazwischen finden sich außerdem noch eine 
l, Coverversion von Elvis Presley (Tn the Ghetto) und die Fußball¬ 
hymne ' Fiefds of Athenry'. 



Insgesamt klingt das Album für mich beim ersten Hören jedoch 
ziemlich enttäuschend - statt des Punkstils, den man von den ge¬ 
nannten Bands erwartet, ist es stark deutschrocklastig. „Klingt 
alles etwas rockig. Elf setzt ein Gegengewicht und komprimiert das 
ganze ein bißchen ...klassisch rock'n'rollig", beschreibt D.J. die 
iMusik von C.I.A. Marko mischt sich in die Diskussion ein: „Ja klar, 
es ist kein Politpunk. Elf ist zur Zeit auf einem Rock'hRoll-Trip, 
\chuck Berry und so. Der meint, das hat so richtig Soul." Dann über- 
I nimmt D.J. wieder das Wort: „Ja, und den alten Blues, den richtig 
I alten... Das RockWroliige kommt auch durch den Einfluß von Minne. 
Das ist doch Rock’n'Roll-Punk." Es wird sich zeigen, wie das Publikum 
**• darauf reagieren wird. Zum Zeitpunkt des Interviews hatte die 
Band ganze zwei Auftritte hinter sich, in noch unvollständiger Be- 
\%t Setzung während der Pokomm zusammen mit Heiter bis wolkig und 
mit dem jetzigen Line-Up in einer Dorf kneipe - „Der Gasthof war 
am wackeln" (D.J.). C.I.A. wird auch kein Kurzzeitprojekt bleiben, 
i wie man vielleicht vermuten könnte. Es sollen mindestens 3 CDs 
herausgebracht werden. 
rA Während draußen die Sonne scheint, sitze ich im Büro von Modern 
Music und unterhalte mich mit Marco und D.J., die gerade aus dem 
Hotel gekommen sind. Zu den Bands, in denen die beiden gespielt 
haben bzw. spielen, muß auch noch etwas gesagt werden: Häufig 
K wird der Hardcore-Comedy-Gruppe Heiter bis wolkig der Vorwurf 
W* gemacht, daß sie zu dem Vergewaltigungsvorwurf, der gegen ein 
* Bandmitglied die Runde macht, keine Stellung bezogen haben. 


Marco erklärt daraufhin: „Das haben wir, nur hat keiner Notiz 


r | davon genommen.€s ist die dämlichste Geschichte, die in den letz¬ 
ten: Jahren aufgeköcht worden ist. Die Vorwürfe sind in jeder 
* Beziehung total banal und hat mit dem, was wir machen, überhaupt 

R | nichts zu tun." Das nächste HBW- Al bum soll im Oktober oder 
November erscheinen. 

l|j Weiter zu D.J.: Für mich persönlich war an 5/we der Titel ihres 
^ vorletzten Studioalbums Viva la MuerteP lange Zeit ein Rätsel. Der 
] Songtitel ist identisch mit dem Schlachtruf der Mauren, die 
Während des Spanischen Bürgerkrieges auf Seite der Faschisten 
[ gekämpft hatten. D.J. entgegnet darauf; „Das war auch der 
r i Schlachtruf der Anarcho-Syndikalisten. (CN. T./F.A.I. - Anm. a. 
r Autors). Das ist eine zwiespältige Geschichte, die uns auch bekannt 
ist. Das ganze war ja schon fast ein Könzeptalbum zum Abgefeiere 
i von 500 Jahren Columbus. Das ist das beherrschende Thema, und 
' so sind wir dann zwangsläufig auf einen spanischen Titel gekommen. 
Wir haben aber auch erst hinterher erfahren, daß es auch der 
Schlachtruf der Faschisten war, was ich nicht so schlimm finde. Ich 


* 


meine, da kann man ja irgendwie die Kurve kriegen..." An dieser 


Stelle unterbricht Marco und erklärt seine Meinung zum Thema, 


bevor D.J. noch mal weitermacht: 
Wir wußten 

¥ 


Um es hpch ^rhäl aufzpgreifem 
es vorher nicht, und haben es im Studio vom ietziqen 

~ ' ST *' - 


^ ßasser der virzfe erfahren. Rod [der Mixer bei der letzten Slime- w 

* ,° Ur r L ^ er produziert hat, ist ja Schwede und hat i 

„ er. ezuq zum Spanischer.. Wir haben darüber diskutiert und r 
S waren ziemlich schnell einig, daß wir den Titel belassen." 

y ?um Thema Auflösung von Shnie erklärt D.J. an anderer Stelle'-Es 
. war genau der richtige Zeitpunkt. Musiker und Fußballer müssen 

* e ' ne .uT , 5enSlbilität für den Zeitpunkt des Aufhörens haben, 

. sonst behältst du sie in schlechter statt in guter Erinnerung - siehe 

Lothar Matthäus, wobei seine Pässe ous'm Stand... Wir sind - wenn 
w r n J a ’ u° m üvca;bum absieht - mit der besten Platte 'Schwein* 

Z h C bSt cb S etr cten. Das war der absolut richtige Zeitpunkt." 

lif f§l§., w ' r j QU f das Thema Rio Reiser zu sprechen kommen. 

»i fP be '^ en Clne Weile ab und erzählen lustige Anekdoten 

Macken ^d kopflose Hühner. Über £Z/f. im allgemeinen 
'* \ l, V' noch fest; '-Die Band bietet auch mal den Rahmen und 

> der. Platz, um über Gefühle zu singen, während wir bei S/ime dieses J 
r - mema immer ausgeklammert haben. Polit Polit Polit - Slime war j 
^ e <t>iese Band ist eine Möglichkeit, auch mal über Liebe, Ficken, ' 
schmerz, Leid und nicht nur über Politik zu singen." Das ist 

* . u' 9 o nS d ' e Wahre Hamburger Schule - nicht so'ne /Abiturienten- 
I lilllllpl Toco tronic. Viele Texte drehen sich bei C.I.A. um See¬ 
mannsthemen - Startebecker, Klabautermänner... 

D.J.s große Fußballbegeisterung für die Vereine St. Pauli und Celtic 
Glasgow durfte ebenfalls bekannt sein. Stolz erzählt er, daß das 
» d; V °l ^ Pauk we 'testgehend hool- und nazifrei sei. Bereits 
, als Zehnjähriger wallte er Fußballreporter werden. Von Anfang bis 
^ h^u + nde WQr eP be ' dem St ' Paal'-Fanzine Müllabfuhr dabei. 1980 
c e er eine zeitlang das fanjine Brandstifter heraus, in dem 

auch eine Anleitung zum Bauen von Molotow-Cocktails abgedruckt 

\ WQr ' D l qs e| aschneidendste Ereignis für die beiden älteren Herren 

* war aber der Aufenthalt auf dem Grundstück in der Nähe der 
. dänischen Grenze, wo Rio Reiser gestorben ist und seine Asche ver- 
y graben wurde. Begeistert erzählen die beiden von dem Flügel, an I 

* h, em e 'Ser spiehe und daß er in diesem Haus allgegenwärtig ist - i 

* hC ?"w “ ß * der ( Scherben auf die einzelnen Bandmitglieder ist» 

ur ic unterschiedlich. Für D.J. und Marco ist er sehr groß. D.J- 
?T Qrt ' dc f. er durch die Scherben zum ersten Mal dieses 
Lebensgefuhl vertont hörte; „Bei mir war es klassisch. Tch bin auf- 
‘ ^ P nden ' h T e dle ‘ Keme Macht für Niemand ' aufgelegt und 
t *™ ppel und Helm geputzt.“ Marco pflichtet dem bei und ergänzt, 
daß er es schade findet, daß Rio immer nur auf die politische Ebene 
I ® m 9® en 9t wird. Er nennt zudem die Homosexualität als Triebfeder 
für Rio Reiser und erzählt, wie er Rio Reiser und Marianne Rosem 
berg auf einem ..Rock gegen Rechts"-Konzert sah wie sie zusammen 
das Traumhed’ sangen. Zum Abschluß des Gesprächs kommen w r 
noch auf die Sch lump f-Technofassung des S/ime- Klassikers 'Bullen 
) sprechen, und D.J. erzählte, daß sie gerne mal mit der 

oand zusammenspielen würden. 

Chaos Maurin 


< 





















Anläßlich der ■ Veröffentlichung ihres neuen Albums ‘ Rappelkistenkinder waren. 
Anarchist Academy auf Tour, Gleich am zweiten Tag kehrten sie ins Berliner Tacheles 
sin. Das folgende Interview entstand im Tourbus kurz vor dem Soundcheck, während 
der Fahrer in Seelenruhe seine Schuhe putzte. Begeistert und ungläubig lasen die 
Bandmitgliederdas Interview mit Hannes im Wahrschauer #21. 

Die Geschichte der anarchistischen' Akademie beginnt im März 1992, als Hannes, der 
für das Konkret einmal einen Artikel über Sexismus in der HipHop-Szene geschrieben 
hat,; und Bomber Zusammentreffen. Bereits nach dem ersten Konzert bekommt die 
Band für Lüdenscheidt ein Auftrittsverbot, was der CDU Jugendstadtrat mit 
jugendgefährdenden Texten begründet. Deadly T und Baback sind von dieser Frage 
nach dem Verbot ziemlich gestreßt - „Vielleicht sollten wir es samplen“, kommentierte 
Deadly, und Baback erzählte: „Wir wollten schon einen einstellen, der für uns die 

Geschichte erzählt . 11 


Na, Anarchismus hat für mich auch was mit Selbstverwaltung zu tun. Bei einem 
Label hast du immer den Druck. 

Baback: a) Es kommt drauf an, auf welchem Label du bist wegen dem Druck, und b) 
kannst du immer noch selbstverwaitei arbeiten, je nachdem, was du für einen'Vertrag 
hast, und das hat nichts mit anarchistisch oder nicht anarchistisch zu tun. c) Wir 
bewegen uns eh in einem Kommerz-Pop-Feld, weil wir Musik machen und die 
verkaufen wollen und die an den Mann bringen wollen. Wir sind eh in einem Geschäft, 
und sprich: die Platte wird vermarktet, und du findest auch ein Vermarktungskonzept... 
Wieso habt ihr überhaupt das Label gewechselt? 

Baback: Wie gesagt, das erste Album ist auf dem Punklabel Wolverine rausgekommen. 
Dann hatten wir vor, eine weitere Platte rauszubringen, und da hatten wir ein besseres 
Angebot von Tribehaus. 




Kritisch ist, « er kritisch ist zu dem, worin er st ehf 


Für die Texte nennt die Band zwei Haupteinflüsse: den linken Liedermacher Franz 
Josef Deggenhardt; von dem der Titel ‘Spiel nicht mit den Schmuddeikmdern stammt, 
und Ton Steine Scherben, Moses Z vom ZAP bezeichnete die Band in seiner Kritik zum 
ersten Demotape als „Slime des HipHops", und die taz machte später aus Anarchist 
Academy „Hausbesetzer-Rapper 11 . Auf dem noch jungen Düsseldorfer Punklabel 
Wolverine erschien das Debütaibum, und es folgten Konzerte mit Bands aus allen 
Bereichen, darunter viele Punkbands wie Slime, Chumbawamba (Clubtour), D.O.A. u.ä. 
Die Academy wechselte in der Zwischenzeit das. Label und ist bei 
Community/Tribehaus gelandet, wo auch zwischendurch das Soloalbum Die Hyänen 
lechen solange, bis der Löwe erwacht’ von Rapper Deadly T. erschien. Die erste 
Veröffentlichung der Band auf diesem Label war die Maxi ‘Solingen...Willkommen im 
Jehre 4', die prompt vom BGS wegen des „Verdachtes auf volksverhetzende Texte an 
der Grenze zur Tschechei zurückgehalten wurde. 

Das Publikum der Band ist sehr gemischt: Es reicht von HipHop-Kids über Punks bis 
hin zu Normalos. Den Anspruch, Politik in ihren Texten zu transportieren, stellt sich die 
Band selber nicht, doch es geschieht nach Babaks Meinung dadurch, daß sie fünf 
politische Menschen sind. In erster Linie wollen sie Musik machen. 



ßevor wir endlich zum Interview kamen, betrat ein Bandmitglied meckernd den 
Bandbus: „Hier schnorren die dich sogar um Dope an!“ Nachdem dann noch ge a_ 
WUf de, wie es mit dem Soundcheck läuft, unterhielt ich mich mit Baback (Organisation) 
und Deadly T (V 0Cal $, Co-Produzänt) über das Tacheles und die Kommerzialisierung 
D es Clubs. „Wir sind mittlerweile auch eine Kommerzband geworden. Das is as 
Business, das harte Überleben in Deutschland. Uns in ein PC-Licht zu stellen, ist okay , 
^zählte Baback, bevor wir erneut unterbrochen wurden - -Wo, ist--denn die 
Fernbedienung?“, fragte sich ein weiteres Bandmitglied, das ich namentlich nicht zuord- 
häng kann ' Bel der ErzählLin 9 der Bandgeschichte blieben wir beim Thema Label 

Wahrschauer: Ist es denn anarchistisch, bei einem Label unterzukommen?^ 
eback: Inwiefern nicht? ■ 


Rausgerissen aus Wahrschauer, 



Deadly T: Bei Wofverine haben ein paar Sachen halt nicht geklappt - nicht so geklappt, 
wie wir es wollten. Da sind Sachen gelaufen, von denen wir gar nichts wußten. Das hat 
mich auch gestört. Dann kam halt das Angebot von Tribehaus/Community. 

Baback: Wir wollen natürlich gute Musik machen - gut produzierte. Das Angebot war 
einfach besser - es war nicht lukrativer in Sachen Millionenvertrag. Die Möglichkeiten 
waren größer. Wir konnten Maxis herausbringen, wie wir wollten - mehr 
Selbstbestimmung, wenn du es so haben willst. Vom Artwork bis zur Musikproduktion 
haben wir größere Möglichkeiten gehabt. Von daher der Wechsel. 

Ihr wurdet auch mal als ,JSIime des Raps“ bezeichnet. 

Deadly T: Ziemlich fälschlicherweise. 

Baback: Wir hatten damals ein Demotape fertig gehabt. Damit sind wir beim Punklabel 
gelandet. Weil wir großen Zuspruch im Hardcoremagazin ZAP hatten, waren wir auch 
in der Hardcoreszene sehr angesagt. Da kamen halt gleich die Vergleiche: Slime des 
Raps, Public Enemy meets Slime, was insofern Schwachsinn ist, da wir uns textlich 
auch schon damals von Slime - von Slime s Einfachheit - unterschieden. Unser Ding 
war zwar auch sehr parolengeprägt und extrem, aber technisch schon etwas anderes. 
Bei uns war es etwas fundierter. 

Deadly T: Damals hat der Vergleich ein bißchen gepaßt, aber heute nicht mehr. 

Auf einer Homepage habe ich gelesen, daß sich die Fantastischen 4 mal 
geweigert haben, mit euch zu spielen. 

Baback: Das war noch ganz am Anfang. 

Deadly T: Das war unser vierter Auftritt bei uns irgendwo in ‘ner Kuhdisko. Fantas 
haben halt gespielt. Der, der das organisiert hat,, hat auch uns gefragt, aber der 
Manager von den Fantas hat dann gesagt: Nee, nee, nicht! 

Auf dem neuen Album ist ein Track drauf, der heißt ‘Grün-Groß-Deutschtand’. 
Was soll das sein? 

Baback: Es gibt dafür verschiedene Interpretationen. Es hängt davon ab, wie die Leute 
darauf reagieren und was sie sich rausnehmen: daß Großdeutschland jetzt auch mit 
den Grünen möglich ist, ' Grün-Groß-Deutschland ’ wegen Bullenstaat oder ein 
wachsendes Großdeutschland. J 

Deadly T: Daß Großdeutschland im Frühling steht. 

Baback: Es gibt es einige Interpretationen. Unsere eigentliche Idee war, daß 
Großdeutschland auch mit den Grünen möglich ist. Aber die anderen passen sowohl 
textlich als auch begrifflich hinein. 

In einem Lied heißt es „..wie das letzte Hippieschwein“. Ihr scheint ja nicht 
gerade viel von Hippies zu halten. 

Baback: Hippies sind halt Hippies. 

[..J 

Wer ist Degenhardt? 

Baback: Das.ist eigentlich ein ziemlich bekannter Liedermacher - ein politischer 
Liedermacher aus den 60ern -, ist extrem geil. Der ist jetzt inzwischen 65 und immer 
noch aktiv. Da kamen wir auf die Idee, ihn zu sampeln. Dann haben wir, Kontakt 
aufgenommen, um die Erlaubnis zu bekommen, haben ihn kennengelernt, haben uns 
zusammengesetzt, die Erlaubnis erhalten, ihn zu sampeln - hat ihm ganz gut gefallen, 
hat uns eingeladen, bei seinem Geburtagskonzert zu spielen. Der Kontakt ist geblieben! 
Wie steht es mit den anarchistischen Theoretikern - Bakunin, Kropotkin 
beschäftigt ihr euch damit? 

Baback: Das ist eine Sache, die mit Vorsicht zu genießen ist - dieser Anspruch, der an 
die Band gestellt wird, weil wir auch nicht aufgepaßt haben. Wir sind fünf 
unterschiedliche Leute, die extrem unterschiedlich politisiert sind, sich unterschiedlich 
stark für Politik interessieren und nicht gleich politisch-theoretisch in der Materie drin 
sind. Hannes zum Beispiel setzt sich extrem mit der Theorie auseinander. 

Die Band plant bereits das nächste Album, das sie mit befreundeten Bands, wie zum 
Beispiel Fischmob, einspieien will. 

Chaos Maurice 


















In den 80er Jahren setzte eine tief¬ 
greifende Umstrukturierung des kapita¬ 
listischen Weltsystems ein, in dessen 
Verlauf sich der Neoliberalismus als 
neues hegemoniales Projekt und welt¬ 
weites Paradigma herauskristallisierte. 
Bemerkenswert ist, daß der Neolibe¬ 
ralismus zwar theoretisch in den USA 
entwickelt wurde, seinen Siegeszug 
jedoch in einem Land der Peripherie 
antrat. Damit wurde erstmals ein Land 
der Peripherie zu einem weltweiten 
Modell - auch für die kapitalistischen 
Zentren. 

Am 11. September 1973 putschten 
die chilenischen Militärs mit der Unter¬ 
stützung der USA gegen die soziali¬ 
stische Regierung Salvador Aliendes 
und errichteten eine 17 Jahreandauemde 
Militärdiktatur. Im Gegensatz zu an¬ 
deren Militärdiktaturen setzte die 
chilenische Junta jedoch nicht auf die 
Wiederherstellung der alten Verhält¬ 
nisse, sondern sie führte eine kapita¬ 
listische Revolution durch . Mittels bru¬ 
talster Repression, Terror, dem Verbot 
von Ge werkschaften und der Ausschal- 
tungjeglicher demokratischer Prozesse 
schufen die Militäjrs den Ökonominnen 
der Chicagoer-Schule um Milton Frie¬ 
dman quasi-sterile Laborbedingungen 
zur Durchführung des ersten neo-libe¬ 
ralen Großxperimentes. 

Ab 1975 verordneten die sogenannten 
“Chicago-Boys” Chile ein Schockpro¬ 
gramm, welches tiefgreifende Struk¬ 
turveränderungen in der chilenischen 
Gesellschaft einleitete, die bis heute 
ihre Gültigkeit besitzen. Unter den 
autoritären Bedingungen der Diktatur 
wurde das System der Preise libera¬ 
lisiert, die Rolle des Staates in der Wirt¬ 
schaft beschränkt, die Arbeitsbezie¬ 
hungen dereguliert und der inländische 
Markt für ausländisches Kapital ge¬ 
öffnet. Gemäß dem Theorem der “kom¬ 
parativen Kostenvorteile” wurde eine, 
auf der Ausbeutung von billiger Arbeits¬ 
kraft und Naturressourcen beruhende, 
Exportwirtschaft aufgebaut. 

Chile ein neoliberales 
Lehrbeispiel... 

VonmarktradikalenÖkonomlnnen und 
technokratischen Politikerinnen wurde 
Chileais Modellprojekt mit weltweitem 
Vorbildcharakter postuliert. Das Ex¬ 
portmodell Chile wurde selber zum Ex- 
portschlager. So sind heute in praktisch 
allen Ländern Lateinamerikas und der 
Karibik, mit Ausnahme Kubas, die 


grundlegendsten neoliberalen Forde¬ 
rungen umgesetzt worden. Und selbst 
die CEPAL (ÜN-Wirtschaftskom- 
mission für Lateinamerika und die 
Karibik), dereinst Hochburg der De- 
pendenztheorie und Vertreterin des 
Konzepts der importsubstituierenden 
Industrialisierung, hat sich der neolibe¬ 
ralen Hegemonie gebeugt. Zudem liest 
sich die “freiwillig” vollzogene öko¬ 
nomische Schocktherapie im Modell- 
Land Chile wie eine Vorwegnahme der 
Strukturanpassungsprogramme, dieder 
Internationale Währungsfond (IWF) 
und die Weltbank den Ländern des 
Trikonts - vor allem seit Mitte der 80er 
Jahre - aufzwingt. - 

Nach dem Kollaps der staatssozia¬ 
listischen Ländern des Ostblocks und 
dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 
1989 stand der globalen Hegemonie 
des Neoliberalismus nichts mehr im 
Wege. Dementsprechend wurden die 
Ökonomien der ehemaligen Ostblock¬ 
länder, unter dem Diktat von IWF und 
Weltbank, straffen Strukturanpas¬ 
sungsprogrammen unterzogen in deren 
Zentrum die Privatisierung der Staats¬ 
betriebe, Deregulierung und eine strenge 
Austeritätspolitik standen. Als expli¬ 
zites Beispiel für die Transformation 
der vormals sozialistischen Ländern 
wird das “Modell” Chile genannt. So ist 
in einer Broschüre des BMZ (Bun¬ 
desministerium für Wirtschaftliche 
Zusammenarbeit) zu lesen: “Anderer¬ 
seits bietet Chile gerade durch sein 
Lehrbeispiel für in diesem Zusammen¬ 
hang typische Probleme, Ansatzpunkte, 
Instrumente und Erfolgsbedingungen: 
Darauf wird nicht nur immer wieder 
Bezug genommen, wenn vom Hand¬ 
lungsbedarf in anderen lateinamerika¬ 
nischen Ländern die Rede ist, sondern 
das chilenische Vorbild wird auch den 
östlichen Reformländem als Orientie¬ 
rungshilfe empfohlen.” 

Jedoch hat das neoliberale Experi¬ 
ment in Chile ebenso Rückwirkungen 
auf die Länder des Zentrums. An erster 
Stelle sind die besonders marktradi¬ 
kalen Umstrukturierungen in Großbri¬ 
tannien und in den USA, im Kontext 
des Thatcherismus und der Reaga- 
nomics, zu nennen. Aber auch unter 
christdemokratischen, wie Belgien, 
bzw. sogar sozialdemokratischen Re¬ 
gierungen, Spanien, trat der Neolibe¬ 
ralismus seinen weltweiten Siegeszug 
an. 

In der Bundesrepublik setzte ein neo¬ 



liberal orientiertes Projekt mit der, eine 

ökonomische undmoralische “Wende” 
proklamierenden, christdemokratisch¬ 
liberalen Koalition unter der Führung 
von Kanzler Kohl im Jahr 1982 ein. In- 
sbesonderenach der Wiedervereinigung 
und dernachfolgenden dritten Amtszeit 
von Helmut Kohl gewannen die neo¬ 
liberalen Strukturen immer stärker die 
Oberhand. So ist ein deutlicher Abbau 
des Sozialstaates festzustellen, der von 
der faktischen Abschaffung des Asyl¬ 
rechts und Kürzungen bei Asylbewer¬ 
berinnen über Einschnitte beim Kran¬ 
ken-, Arbeitslosen-, und Kurzarbeiter¬ 
geld bis hin zu Verschlechterungen in 
den Bereichen der gesetzlichen Kran¬ 
kenversicherung und der Altersvorsorge 

reicht. 

Auf dem ideologischen Feld hat der 
Neoliberalismus weltweit eine nahezu 
absolute Hegemonie erreicht. Der neo¬ 
liberale Diskurs bestimmt, wasals wahr, 

normal, richtig und wissenschafüich zu 
gelten hat - alles was außerhalb seines 
Ordnungsschematas liegt, wird stigma¬ 
tisiert und aus politischen sowie sozio- 
ökonomischen Debatten ausgeschlos¬ 
sen. Der Markt wir zum idealen, natur¬ 
gegebenen Ordnungsprinzip für die 
gesamte Gesellschaft erklärt, während 
mögliche Alternativen als widernatür¬ 
liche Manipulationen diffamiert wer¬ 
den. 

Diese Diktatur des Marktes, sowohl 
epistemologisch als auch praktisch, 
führte zu der Proklamation des “Endes 
der Geschichte”. Die Entpolitisierung 
der Politik und das Fehlen gesellschafts- 


[36] SF 3/98 












vom Lehrbeispiel 
zum Lehrstück 


von Olaf Kaltmeier 


politischer V isionen sind die Folge. Poli¬ 
tik wird einzig als, der Ökonomie unter¬ 
geordnete Teildisziplin konzeptuali- 
siert, die technokratisch zu funktionie¬ 
ren hat. Deshalb ist, besonders auch in 
Chile und der BRD, eine Implosion des 
Parteiensystems festzustellen - es be¬ 
steht ein breiter, parteiübergreifender 
inhaltlicher Konsens über die grundsätz¬ 
liche Verwaltung von Politik, nur die 
Verpackung unterscheidet sich von 
Partei zu Partei. 


... oder ein brechtsches 
Lehrstück? 

Die neoliberalen gesellschaftlichen Ver- 
hältnisse werden oftmals als unverän¬ 
derbar erfahren und gerade auch im 
linken Spektrum ist eine deutliche 
Lähmung auszumachen. Angesichts der 
überwältigen Dominanz des Neolibe¬ 
ralismus und der Technokratisierung 
der Parteipolitik bestehtdieGefahr, sich 
den verheerenden sozialen, ökologi¬ 
schen und demokratischen Verwü- 
stungen der neoliberalen Projekte zu 
fügen, die Proklamation des “Endes der 
Geschichte” zu akzeptieren und nach 
individuellen Überlcbensmöglichkeiten 

z ü suchen. 

Um dem entgegen zu wirken geht es 
ßcrade jetzt darum, das chilenische 
Lehrbeispiel als brechtsches Lehrstück 
Zu sehen. Bertolt Brecht schreibt zu 
seinem Stilelement der Verfremdung: 


“das ‘Natürliche’ mußte das Moment 
des Auffälligen bekommen. Nur so 
konnten die Gesetze von Ursache und 
Wirkung zutage treten.” Die Realität 
der neoliberalen Realität in Chile zeigt 
in derart verstärkter Weise die verhee¬ 
renden Auswirkungen der unbe¬ 
schränkten Herrschaftdes Marktes, daß 
die daraus resultierenden Folgen mar¬ 
kant und auffällig hervorstechen. 

Als erstes ist sicherlich das drama¬ 
tische Auseinanderdriften der Schere 
zwischen Arm und Reich zu nennen. 
Der Aufstieg des Neoliberalismus zur 
hegemonialen Theorie und Praxis ist 
mit gewaltsamen Ümstrukturierungs- 
prozessen und tiefgreifenden gesell¬ 
schaftlichen Fragmentierungen verbun¬ 
den. So ist eine strukturelle Verschie¬ 
bung der Einkommensverteilung fest¬ 
zustellen, jedoch nicht mehr im Sinne 
einer ausgleichenden Redistribution, 
sondern als Umverteilung von unten 
nach oben. Dementsprechend haben 
sich die prozentualen Armutszahlen in 
Chile zwischen 1970 und 1990 ver¬ 


doppelt. Lagen 1970 20% unter der 
Armutsgrenze, so waren es in der Hoch¬ 
phase der Militärdiktatur (1983) 48% 
und 1990, mit dem formalen Ende der 
Diktatur, hat sich diese hohe Armutszahl 
mit 40% konsolidiert. 1996 sank die 
Zahl der Armen zwar auf 23,2%, doch 
dessen ungeachtet driftet die Schere 
zwischen Arm und Reich immer weiter 
auseinander. Das Gesamteinkommen 
der oberen 5% der Haushalte, 540.000 
Personen, ist genau so groß wie das der 
10,3 Millionen Menschen, die die 75 
untersten Prozent der Einkommens¬ 
pyramide bilden. Damit ist Chile das 
Land in Lateinamerika in dem, nach 
Brasilien, die soziale Polarisierung am 
weitesten voran geschritten ist. Doch 
istdiese gesellschaftliche Spaltung kein 
chilenischer Sonderweg, vielmehr ist 
diese verschärfte Polarisierung unter 
der Regie des “natürlichen Regulativs 
Markt” ein Strukturprinzip neoliberaler 
Politik, das sich weltweit finden läßt - 
auch vor der eigenen Haustüre. 

Besonders deutlich nagtder Verfrem¬ 
dungseffekt an den Pfeilern der chile¬ 
nischen Exportwirtschaft. 90% der 
gesamten Exporte Chiles beruhen auf 
der Ausbeutung von endlichen Natur- 
ressourcen. Diese EndlichkeitderNatur- 
ressourcen steh t aber in krassem Wider- 


Spruch zu dem vermeintlichen Ende der 
Geschichte im Stadium des globalen 


Neoliberalismus. Allein ein Bericht der 
chilenischen Zentralbank kommt schon 
zu dem Schluß, daß die letzten chile¬ 
nischen Naturwälder, bei Beibehaltung 
der gegenwärtigen Forstpolitik, im Jahre 
2025 abgeholzt sein werden. Un andere 
Elemente der verschiedenen Ökosyste¬ 
me werden im Kontext des neoliberalen 
Wachstums- und Entwicklungsmodells 
ebenso schnell vernutzt und ver¬ 
schmutzt. 

Doch mittlerweile organisieren sich 
in Chile wieder Menschen, die diese 
Prozesse nicht als ‘natürlich*, sondern 
als höchst auffällige Phänomene be¬ 
trachten. Sie widersetzen sich an den 
verschiedensten Konfliktzonen den neo¬ 
liberalen Gewalten. So kämpfen Ma- 
puche gegen Forstuntemehmen und de¬ 
ren zerstörerische Abholzungspolitik, 
für die Erhaltung ihrer Landrechte. 
Fischerinnen in dem Dorf Mehuin 
widersetzten sich dem Bau eines Ab¬ 
wasserrohres einer Zellulosefabrik, und 
verteidigen ihre subsistenzorientierte 
Lebensweise. Studentinnen protestieren 
gegen die weitere Kürzungen in der 
Bildungspolitik. Und bei den Parla¬ 
mentswahlen im Dezember letzten Jah¬ 
res, verweigerten sich mehr als 40% der 
theoretisch wahlberechtigten Chilen¬ 
innen dem aus der Diktatur gewach¬ 
senen, politischen System. 1,5 Millionen 
Jugendliche ließen sich erst gar nicht in 
die Wahlregister eintragen. Während 
die Wahlberechtigten dadurch ihre Ab¬ 
lehnung zeigten, daß sie trotz Wahl¬ 
pflicht ungültig bzw. überhaupt nicht 
wählten. 

Diese Widerständigkeiten können 
jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, 
daß Chile meilenweit von einer ge¬ 
sellschaftlichen Mobilisierung wie in 
der Allende-Zeit entfernt ist. Anderer¬ 
seits wird aber auch deutlich, daß es den 
einen Widerstand im Sinne des Klas¬ 
senkampfes - der die verschiedensten 
Konfliktzonen alsNebenwidersprüche, 
unter der Herrschaft des Hauptwider¬ 
spruches des Klassenantagonismus 
deutet - nicht mehr gibt.... 

Damit es aber angesichts des globalen 
Kapitalismus zu einer größeren Kraft¬ 
probe kommt, müssen sich die vielfäl¬ 
tigen Widerständigkeiten und indivi¬ 
dualisierten Wünsche nach Verände¬ 
rung auch weltweit austauschen, Dif¬ 
ferenzen und Gemeinsamkeiten thema¬ 
tisieren sowie Wege für konkrete Uto¬ 
pien eröffnen. 


SF 3/98 [37] 









Heiko Möhie 


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/pf eit 1977 existiert der Bundes- 
^ kongreß entwicklungspolitischer 
Aktionsgruppen,kurzBUKO, als 
Zusammenschluß von Drittweltini- 
tiativen, Länder- und Solidaritätskomi¬ 
tees, Aktionsgruppen, Weltläden und 
anderen Organisationen. Das Jahr 1998 
brachte für den BUKO zwei Neuerun¬ 
gen: Erstmalsfand der namensgebende 
jährliche Kongreß nicht statt, dennoch 
gab es ein Ende der seit Jahren andau¬ 
ernden und partiell die Kongresse 
lähmende Strukturdebatte. Denn: Auf 
einem BUKO-Ratschlag Anfang Mai 


beschloß der BUKO neben neuen Ar¬ 
beitsschwerpunkten auch ein neues Or¬ 


ganisationsmodell. Nachfolgend doku¬ 
mentieren wir mit einem leicht gekür¬ 
zten und veränderten Auszug aus dem 
letzten BUKO Rundbrief den Weg des 
BUKOs aus seiner Krise. 

Mit neuen inhaltlichen Schwerpunkten 
und einer handlungsorientierten Or¬ 
ganisationsstruktur geht der Bundes¬ 
kongreß entwicklungspolitischer Ak¬ 
tionsgruppen (BUKO) nach Jahren der 
Flaute wieder auf Kurs. Auf dem 1. 
bundesweiten Ratschlag der BUKO- 
Mitgliedsgruppen wurden mit der 
Bildung thematischer Koordinierungs¬ 
kreise sowie eines Sprecherinnenrates 


t 


Instrumente geschaffen, die es in Zu¬ 
kunft ermöglichen sollen, politische 
Entscheidungen im Einvernehmen mit 
den Mitgliedsgruppen zügig zu fassen 
und zu veröffentlichen. 

Die Krise der Intemationalismusbe- 
wegung hatte dem bundesweiten Netz¬ 
werk, dem zurZeit rund 180 Mitglieds¬ 
organisationen angehören, zu schaffen 
gemacht. Der BUKO drohte seine 
Handlungsfähigkeit zu verlieren, da es 
seit 1995 nicht mehr gelungen war, 
genügend Mitgliedsgruppen für die 
Besetzung des häufig überlasteten Ko¬ 
ordinierungsausschusses (KA) zu fin¬ 
den, der den Verband zwischen den 
jährlich stattfindenden Bundeskon¬ 
gressen politisch repräsentierte. Um die 
Leerstelle zu füllen, wurde im Herbst 
1997 ein Umstrukturierungsprozeß 
eingeleitet, dessen erstes Resultat die 
Schaffung des “Ratschlags” als neuer 
Entscheidungsinstanz war. Diese 
Vollversammlung der Mitgliedsorga¬ 
nisationen wirdein-bis zweimal jährlich 
zusammentreten. Aufgaben des Rat¬ 
schlags sind es, grundlegende BUKO- 
Positionen zu diskutieren, politische 
Mandate an Themenschwerpunkte zu 
vergeben und zu diskutieren, den Aus¬ 
tausch unter den verschiedenen BUKO- 
Strukturen und Mitgliedsgruppen zu 
ermöglichen, die Kongreßvorberei¬ 
tungsgruppe zu wählen, das Thema für 
den nächsten Kongreß festzulegen, 
sofern das beim vorhergehenden nicht 
beschlossen worden ist, und über 
BUKO-Strukturen zu entscheiden. 

Ziel des ersten Ratschlags, der Anfang 
vom 30. April bis 3. Mai 1998 in Düs¬ 
seldorf tagte, war nicht weniger, als die 
Strukturreform wenigstens zu einem 
vorläufigen Abschluß zu bringen. Da 
organisatorische Strukturen aber in er¬ 
ster Linie Ausdruck der inneren Ver¬ 
fassung einer Bewegung sind, stand im 
Mittelpunkt der Debatte eine Bilanz 
internationalistischer Arbeit und die 
Positionierung des BUKO in Hinblick 
auf zukünftige Politikfelder. 


Alles neu macht das MAE: 
Welthandel Im Großen... 

Aktuellen Anlaß, das internationa¬ 
listische Selbstverständnis zu reflek¬ 
tieren, bot das Mul til aterale Abkommen 
über Investitionen (MAI). Referenten 
von den Organisationen „Weltwirt- 


I 







Schaft, Ökologie und Entwicklung 
(WEED)“ und „Play Fair Europe“ 
(Aachen), letztere als Vertreter des 
Peoples Global Action Networks 
(PGA), entwickelten ihre Kritik am 
MAI, stellten aber auch ihre unter¬ 
schiedlichen Handlungsansätze vor. 
WEED ist zwar nicht grundsätzlich 
gegen ein internationales Investitions¬ 
abkommen, hält aber den vorliegenden 
Entwurf für nicht verbesserungsfähig. 
Hier würden Rechte für Unternehmen 
und Pflichten für Staaten festgelegt, 
was in einem für WEED vorstellbaren 
Entwurf andersherum sein müßte. Eine 
Debatte um Sozial- und Umweltstan¬ 
dards innerhalb des MAI sei unsinnig, 
da es für die Einhaltung dieser Stand¬ 
ards keine Kontrollmöglichkeiten gebe. 

Öffentlichkeitsarbeit und gewaltfreie 
Aktionen stehen im Zentrum der 
Aktivitäten des Peoples Global Action 
Networks, das sich klar von lobbyist- 
ischen Politikansätzen abgrenzt. Wäh¬ 
rend die originellen und teils spektaku¬ 
lären Aktionen des PGA viel Interesse 
fanden, entzündete sich in der Diskus¬ 
sionsrunde Kritik an der Darstellung 
des MAI, die einigen Teilnehmerinnen 
zu plakativ erschien. Eine verkürzte 
Kapitalismuskritik, die zudem sehr stark 
personalisiert, könnte rechten Kreisen 
in die Hände spielen. So unterschiedlich 
die Politikansätze von WEED und PGA 
sind, so weisen beide doch gemeinsame 
Schwächen im wenig reflektierten Ver¬ 
hältnis zum Nationalstaat auf. Den 
teilweise positiven Bezug auf den star¬ 
ken Staat können wir nicht teilen. Die 
beiden PGA-Vertreter betonten, daß 
EGA als Basisnetzwerk die Förderung 
lokaler Ökonomien und Selbstbestim- 
m ungsprozesse betreibe. Eine Beteili¬ 
gung des BUKO am PGA würden sie 
sehr begrüßen. Ob es soweit kommt 
w i r d, istnoch unklar. Sicher istdagegen, 
daß es innerhalb des BUKO eine Ver¬ 
netzung geben wird, die sich mit dem 
MAI und verwandten Themen beschäf¬ 
tigt. Vertreter vom Lateinamerika Ko~ 
mitee Nürnberg und vom Allerwelts¬ 
haus Köln werden gemeinsam mit 
fiteren Mitgliedsgruppen den neuen 
Arbeitsschwerpunkt “Weltwirtschaft” 
auf die Beine stellen (1). 

... und im Kleinen 

^metzen wollen sich auch einige Ak- 
hvistlnnen aus dem alternativen Handel, 


die sich in ihrer Arbeitsgruppe unzu¬ 
frieden mit einigen Tendenzen im “Fair 
Trade” Bereich zeigten. Sie kritisierten 
die mit der zunehmenden Professio- 
nalisierung einher gehende Entpo¬ 
litisierung der Arbeit. Grundlegende 
Konsumkritik habe in der markt¬ 
orientierten Szene keinen Platz mehr. 
Der neue Arbeitsschwerpunkt “Alter¬ 
nativer Handel” (2) will außerdem 
diskutieren, wie sich die faktische Be¬ 
schränkung auf den Import von 
“Kolonialwaren” auswirkt. Trägt der 
faire Handel damit zur Zementierung 
kolonialer Handelsstrukturen bei? 

Das Verhältnis von Professionalisie- 
rung undPolitikversiändnisprägte auch 
die Debatte der Arbeitsgruppe “Kam¬ 
pagnenarbeit und Lobbypolitik”. Mit 
der Zielsetzung, Fehler im System zu 
beheben, würden Lobbyansätze das 
System als reformwürdig, aber eben 
nicht als falsch anerkennen. Im Gegen¬ 
satz zu anderer politischer Arbeiterhebe 
der Lobbyismus nicht den Anspruch, 
Machtverhältnisse zu verändern oder 
eine Gegenmacht von unten aufzubau¬ 
en. Dennoch sei es vorstellbar, Lobby¬ 
arbeitais Teil einer breiteren politischen 
Öffentlichkeitsarbeit zu sehen, wobei 
sie den Zweck habe, durch ihre Erfolge 
motivierend für Prozesse der Aneignung 
von Macht zu wirken. Was in der MAI- 
Debatte bereits anklang, wurde hier 
deutlich: Trotz aller Vorbehalte gehört 
die Lobbypolitik mittlerweile zum fe¬ 
sten Bestandteil der Arbeit vieler Mit¬ 
gliedsgruppen und BUKO-Kampagnen. 
Da die Debatte noch längst nicht er¬ 
schöpft ist, wurde entschieden, sie in 
Form eines Seminars (Seminar „Lob¬ 
byarbeit und Dritte Welt Bewegung“, 
Bonn, 30. Oktober bis 1. November 
1998) fortzuführen. 

Eine dritte Arbeitsgruppe traf sich 
zum Thema “Ländersolidarität zwi¬ 
schen der Unterstützung von Befrei¬ 
ungsbewegungen und Projektepolitik” 
Hier mühten sich vor allem Vertreter¬ 
innen von länderorientierten Solidari¬ 
tätsgruppen um ein neues Selbstver¬ 
ständnis. Mit der Krise der Befreiungs¬ 
bewegungen Anfang der 90er Jahre ge¬ 
riet auch die Lateinamerika-Solibewe¬ 
gung in die Krise. Der Traum vom 
Aufbau einer sozialistischen Gesell¬ 
schaft durch den Sieg der Befreiungs¬ 
bewegungen wurde ausgeträumt. Da 
das ein Problem aller Lateinamerika- 
Länder-Solidaritätsgruppen ist, erstand 


die Idee, ein gemeinsames Seminar zur 
Landfrage zu veranstalten, da dieses 
Thema für alle zentral ist und sich ein 
neues Selbstverständnis darüber even¬ 
tuell finden läßt (Strategieseminar zur 
Landfrage in Mittelamerika, Wuppertal, 
4. bis 6. Dezember-1998). 

Mifgliedsgruppen 

aktivieren 

Mit der Neubildung der Arbeits¬ 
schwerpunkte “Alternativer Handel” 
und “Weltwirtschaft” wird einem zen¬ 
tralen Element der BUKO-Struktur- 
reform bereits Rechnung getragen. Das 
politische Mandat soll dezentralisiert 
und künftig an thematische Schwer¬ 
punkte vergeben werden, von denen 
sechs bereits seit längerem bestehen: 
Agrarpolitik, Antirassismus, Kurdistan, 
Nachhaltigkeit, Pharma/Gesundheits¬ 
politik, Rüstungsexporte. Die beiden 
neuen Arbeitsschwerpunkte wollen of¬ 
fene Diskussionsforen sein, aber auch 
die Aktivitäten des BUKO zu Themen 
wie dem MAI oder hinsichtlich der 
1999 in Köln geplanten Gipfeltreffen 
der EU und der G8 vorbereiten. Die 
Themenschwerpunkte besitzen für ihr 



eäüKLafatque, 


tTiptzdem} 


Paul Lafargue 

Das Recht auf Faulheit 

80 S., Broschur, 10,- DM/sfr 
ISBN: 3-931786-03-X 


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W/f f Tel: (070 33) 442 73 

1/ v Fax (070 33) 452 64 
Site' e-Mail: TrotzdemuSF@t-online.de 









jeweiliges Thema das politische 
Mandat. BUKO-Kampagnen und - Ar¬ 
beitsschwerpunkte sind Bestandteile der 
Themenschweipunkte, die für weitere 
Gruppen und Personen offen sind. 

Da bei weitem nicht alle für den 
BUKO relevanten Themen durch eigene 
Arbeitsschwerpunkte äbzudecken sind, 
beschloß der Ratschlag die Bildung 
eines neuen Gremiums, das die Beteili¬ 
gung der Mitgliedsgruppen in politi¬ 
schen Fragen fördern soll. Ein fünfköp¬ 
figer, für ein Jahr gewählter Sprecher¬ 
innenrat kann zukünftig Stellungnah¬ 
men auf Basis der Positionen von Mit¬ 
gliedsgruppen verabschieden - aller¬ 
dings nur zu Themen, die nicht durch 
einen der Arbeitsschwerpunkte abge¬ 
deckt sind. Dies soll es dem BUKO 
ermöglichen, schnell undkompetentauf 
aktuelle Anfragen zu reagieren. Wie 
alle BUKO-Strukturen, ist auch der 
Sprecherinnenrat dem Ratschlag ge¬ 
genüber rechenschaftspflichtig. Zudem 
soll er die Geschäftsstelle auf Anfrage 
beraten. Er trifft sich zusätzlich zu 
Kongreß und Ratschlag zweimal im 
Jahr und öfter - je nach Bedarf. 

Der Bildung des Sprecherinnenrates 
vorausgegangen war eine intensive 
Diskussion über das Selbstverständnis 
und die politische Positionierung des 
BUKOs innerhalb der entwicklungs¬ 
politischen und Intemationalismus- 
bewegung. Grundlage für diese Dis¬ 
kussion bildeten die beiden Referate 
„Der BUKO in der Neuen Unüber¬ 
sichtlichkeit“ und „Perspektiven der 
Internationalismus-Bewegung und 
Krise des BUKOs“, die in der BUKO- 
Zeitschrift alaska abgedruckt sind (3). 


Soziale Bewegungen im 
Zentrum 

Bei allen strukturellen Veränderungen 
bleibt doch der jährliche Bundeskongreß 
das zentrale öffentliche Ereignis. Über 
das Spektrum der Mitgliedsgruppen 
hinaus hat sich der Kongreß in den 
vergangenen Jahren zum politischen 
Diskussionsforum der außerparlamen¬ 
tarischen Linken und der sozialen Bewe¬ 
gungen entwickelt. Der kommende 
BUKO 22 wird sich vom 13. bis 16. 
Mai 1999 in Hannover kritisch mit der 
geplanten Expo 2000 auseinanderset¬ 
zen. 

Neue inhaltliche Akzente will der 
BUKO mit einem längerfristigen Ak¬ 
tions- und Veranstaltungsprogramm 
setzen, in dessen Mittelpunkt der Kampf 
für soziale Menschenrechte im Zeitalter 

der Globalisierung steht. Nach dem 
Motto “BUKO on the road” werden 
lokale Veranstaltungen mit BUKO- 
Mitgliedsgruppen in verschiedenen 
Teilen der Republik geplant. 

In einem Punkt bleibt der BUKO 
bewußt unmodern: Den Schwenk zu 
einer alternativen Politikberatung, die 
“Befreiung” und “Basisbewegung” 
durch “Nachhaltige Entwicklung” und 
“Zivilgesellschaft” ersetzt, ohne Herr¬ 
schafts- und Ausbeutungsstrukturen 
anzugreifen, will der BUKO auch wei¬ 
terhin nicht vollziehen. Zentraler poli¬ 
tischer Bezugspunkt bleiben die 
Handlungsperspektiven der sozialen 
Bewegungen gegen Rassismus, Pa¬ 
triarchat und Neoliberalismus und für 
ein gleichberechtigtes Existenzrecht. 


Weitere Beschlüsse des BUKO- 
Ratschlags: 

Die FÖRDERMITGLIEDSCHAFT im 
BUKO für Einzelpersonen ist ab sofort 
möglich (Jahresbeitrag 70,—DM). Die 
Einzelmitgliedcr können zum er¬ 
mäßigten Beitrag an Kongressen und 
Seminaren teilnehmen. Die Geschäfts¬ 
stelle wird mit der Werbung um För¬ 
dermitglieder beauftragt. Die Vorbe¬ 
reitungsgruppe des nächsten Rat¬ 
schlages erarbeitet einen Vorschlag für 
die Regelung bezüglich des Stimm¬ 
rechts für Einzelmitglieder, über den 
auf dem nächsten Ratschlag abgestimmt 
werden soll. Dieser BUKO Ratschlag 
findet vom 20. - 22. November 1998 in 
Dortmund statt und wird sich den The¬ 
men „Nachhaltige Entwicklung und 
Agenda 21“ widmen. 

Für 1999 wurden die folgenden Se¬ 
minare geplant (vorbehaltlich ihrer Fi¬ 
nanzierbarkeit) beschlossen: 10 Jahre, 
nach dem Fall der Mauer - Gemeinsam-, 
keiten und Unterschiede des Internatio¬ 
nalismus in den alten und neuen .Bun¬ 
desländern; Das G8 : Treffen 1999 in 
Köln im Kontext der weltwirtschaft¬ 
lichen Entwicklung; Migration und 
„Kein Mensch ist illegal“; Was tun mit 
der“radikaldemokratischen Anregung” 
aus Chiapas? Globalisierung und soziale 
Rechte; Fairer Handel imTourismus. 

Weitere Informationen zu den vorge¬ 
nannten Terminen wie zur Einzelmit¬ 
gliedschaft sind bei der BUKO Ge¬ 
schäftsstelle (Nernstweg 32-34, 22765 
Hamburg, Tel 040 - 39 31 56, Fax 040 
- 390 75 20, e-mail: buko@cl - 
hh.cisub.de) erhältlich. 

(1) Wer Interesse an einer Mitarbeit im 
Arbeitsschwerpunkt “Weltwirtschaft” 
hat, melde sich bitte bei Ralf Berger im 
Allerweltshaus Köln: Kömcrstr. 77-79, 
50823 Köln, Tel 0221 - 5103002. 

(2) Kontaktadressen für den Arbeits¬ 
schwerpunkt „Alternativer Handel“ 
sind: Andreas Riekeberg, Hauptstraße 
16,38471 Rühen, Tel/Fax 05367 -1843 
(ab 21 Uhr) und Martin Klüpsch c/o 
Weltladen Bonn, Maxstraße 36, 53111 
Bonn, Tel/Fax 0228 - 697052. 

(3) Alaska. Zeitschrift für Internationalis¬ 
mus, Heft 220 „Neue Wcltmännlich- 
keiten: Globalisierung als (Re-) 
Maskulinisierung“, Juni 1998, Preis 8 
DM, Bezug: Redaktion alaska, Bern¬ 
hardstraße 12, 28203 Bremen, Tel/Fax 
0421 - 72034. 



Foto: S. Orge/version 









' 


p^lWrrifsmi^ir J%j$bl|g||tau$ Anj&ß der Gründu 
i I des irf jrmdtjpns-Diensf zur Verbreitung 
^At^^fceni^Idchrichten irr! Jahr 1973 




















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wbbbbb 

mssim 


‘. [ y 


jw^DOTSowOTigcincTUi^chicfstaiurig reicht ja nicht, Titel zu zählen, sondern j 
jwert wie der «querulatorische» StreilHdie erdrückenden oder winzigen Reich- 




Iffi: 


eines sogenannten unpolitischen Knak- gp weiten machen Medien-Machtaus. Sindj 


J kis, also eines Gefangenen, der irgend- |j|Kirch&Kohl&BerteIsmann&Clement| 
was - am Ende gar «Unpolitisches» JHnoch relativ harmlos, dann zeigt ein 
ausgefressen hatte und jetzt den Luxus ^Rückblick auf Berlusconis Ara als poli- 
pin^R^iir.hccp.inprRri^.ffrfMinHinnhnptBitischer Machthaber und Meriißnzar in 


eines Besuchs seiner Brieffreundin ohne ® 
Trennscheibe oder Wachpersonal ein¬ 
klagte. Hätten die Gründer und Grün¬ 
derinnen der Gegenöffentlichkeit von. 
1973 bestritten, daß der Markt wirksam 
ist, und daß die Gehirne nicht von einer 
Staatsmacht ferngelenkt werden? Hät¬ 
ten sie sich grundsätzlich anders ver¬ 
halten, wenn es das heutige «Über¬ 
angebot» an Information und Kommu¬ 
nikation gegeben hätte? Dagegen spricht 
beim ID der biographische Augen¬ 
schein: Enikö Balla, die ebenso wief§ 
Gabor Altarjay aus Ungarn kam und die 
Panzer von 1956 erlebt haue, saß, so 
angenommen werden kann, keinem 
ideologischen linken Wahnsystem auf; 
auch beim Dritten im Bunde, Walter 
Spruck, sprach gerade die listig-sub¬ 
versive Formel vom «Unterbliebenen» 
für ein genaues Urteil. Ganz sicher gab 
es mehr Unterdrückung als heute, wir 
brauchen nur an den Herbst 1977 und 
al 1 e Paragraphen zu erinnem, die immer 
noch (radikal ist das bekannteste Bei¬ 
spiel, aber auch viele kurdische Publi¬ 
kationen können ein Lied davon singen) 
solche Veröffentlicheungen kriminali¬ 
sieren, die angeblich gewalttätige Ver¬ 
einigungen fördern. Aber so sehr die 
Gegenöffentlichkeit das wahmahm und 
bekämpfte: sie definierte sich nicht 
insgesamt paranoide als eine Aktivität, 
die sich in diktatorischen, autoritären, 
gar totalitären Zusammenhängen wähn¬ 
te, auch nicht in fetischisierter Kultur¬ 
kritik einen gespenstischen Kokon uni¬ 
versaler Verblendung aufbrechen zu 
müssen meinte und sich dadurch den 
Nimbus des heroischen Widerstands 
aufsetzte. Sie baute gerade auf die 
Möglichkeit, in einem Markt, nicht in 
einem Gefängnis, etwas in Gang zu 
setzen und zu verändern. Einem Markt 
allerdings, der durch Konzentrations¬ 
bewegungen, die Anti-Springer-, Anti- 
BILD-Kampagne hatte das 1968 deut¬ 
lich ausgedrückt, existentiell bedroht| 
ist. Heute, im Zeichen des Überflusses, 
verhält sich das nebenbei genauso: oft 
sprießen ja die vielen kleinen Gewächse 
hauptsächlich deshalb aus dem Boden, 
weil nebenan Wüste dörrt oder schnur¬ 
gerade Plantagen gezogen werden - es 


U 


tischer Machthaber und Medienzar in 
Italien, daß daraus blitzschnell lebens- 
jgefährliche Konstellationen werden 
können. Auf der anderen Seite ist dieser 
Markt durch entschlossene Initiativen 
oder Bewegungen, Einzelne oder Grup¬ 
pen, Denkprozesse oder Diskurse ent¬ 
schieden beeinflußbar. Denn trotz aller 
Dummheit, die Alf Mayer von der Me- 
dien-Reflexions-Zeitschrift medium j 
(die evangelische Kirche hat sie leider |j§ 
eingehen lassen) konstatierte, ist Jour¬ 
nalismus ganz ohne intellektuelle Tä¬ 
tigkeit noch nicht die Regel; hier hinkt 
der Vergleich mit dem Markt für die 
(generell weit sympathischeren) Jog¬ 
hurts. Dieser Markt ist außerdem äußerst 
sensibel für Rahmenbedingungen: Wis¬ 
senschaft zählt dazu, das ID-Grün- 
dungstrio hatte sich nicht zufällig in 
einem Seminarbei Dieter Prokop in der 
Frankfurter Universität kennengelemt, 
wo neben Theodor W. Adorno und 
Walter Benjamin, Jürgen Habermas 
jStrukturwandel der Öffentlichkeit von 
11961 eineRolIe spielte. Kunst, Literatur, 
Musik zählen zu diesen intellektuellen 
jRahmeribedingungen, und selbstver¬ 
ständlich politische Organisationen 
ebenso wie die sozialen Bewegungen 
und Bürgerlnnen-Initiativen, die sich 
jetzt mehr und mehr Nichtrcgicrungs- 
organisationen nennen lassen (ein bis-! 
sehen verschroben, denn richtig besehen | 
müßten die Regierungen erst mal als 
legitimationsbedürftige «Nichtgesell-j 
Schaftsorganisationen» firmieren und 
sich fragen lassen, was sie der Gesell¬ 
schaft und den Bürgerinnen als Service 
bringen, und nicht die NROs sich an 
den Regierungen messen lassen). Hier 
wie so oft ist der Markt ein nützlicher 
Begriff zur Betonung demokratischer 
Massenlegitimität gegen arrogantes 
kulturelles Elitedenken wie auch gegen 
stattsallmacht-fixierte Paranoia. Aber 
damit hört es auch auf: politischer und 
publizistischer Wille kann den Markt 
mitformen, ist ihm nicht ohnmächtig 
ausgeliefert. 

Zwei Probleme sind heute auffällig, 
gerade wenn vom Markt der Medien 
die Rede ist: das Generationsproblem 
der - im weitesten Sinn e - «Achtund 


sechziger» gegenüber den heute «nach- 
Wachsenden» Aktiven, und die geradezu 
unglaublich sträflich nichtgeführte Wer-, i j|| 
bungsdiskussion. 

Die Gründerlnnen-Riege der klas-|gp 
sischen Altemativmedien in den sieb- 1||| 
ziger Jahren wie ID, Blatt, Kölner SK 
Stadtrevue, Hamburger Rundschau, m 
Radio Dreyeckland, Courage, Emma, 
schließlich die tageszeitung, waren zwar m 
nicht in dem Maß als Generation mit f® 
| dem Nimbus der «Jugendrevolte» defi- 


jniert wie die Achtundsechziger der j 


großen Demonstrationen, Teach-ins und 


Ider «Szenenentstehung in den Groß'} gs 

* , 1111 


I Städten: die 70er Jahre hatten ja etwas hm 


I vonUntemehmensgründungsgeist, und j 


das Wort von den «neuen Geschäfts- 1 


führem» machte als Dominanz-Vorwurf |i 


die Runde. Alteingefärble Linke wie! 


Hermann L. Gremliza von konkret, für j| 
Iden das Wiener publizistisch-litera- 
| rische Allroundtalent Karl Kraus mit 
seiner Fackel einziger Maßstab war, 
machte die taz als «Volontariatder Na¬ 
tion» - für andere hieß das: Klippschule 
derselben - herunter. Das waren An-|g|^ 
spielungen auf die schnellen und zahl-Hj 
reichen Durchmärsche von blitzschnell; 
eingestiegenen Journalistinnen, dic[|| 
anschließend zu höheren Ehren dergg 
ZEIT, des SPIEGEL, des Deutschland-p| 
funks oder des Senders Freies Berlin,t j 
vielleicht auch der Vogue für Männcr|t|| 
aufrückten. Bald gab die uiz-BclegschaftP^ 
ihrerseits die herablassenden Vergleiche! 
nach «unten» weiter, im Sinne des Stol¬ 
zes auf die eigene vergleichsweise Pro 
fessionalität; einige von denjenigen 
Stadtillustrierten, die nach der großan¬ 
gelegten Übernahme- und Zersiörungs 
Attacke des Prinz noch überlebten,! 
fühlten sich ähnlich. Heute gibt es bei| 
den «Zwischen-Etablierten», wie 
Vertreterin von Radio Dreyeckland di 
taz einmal etiketüerte, kaum ein Gespüi 
für die Logik und Notwendigkeit des 
Generationswechsels.Was an - kein 

Wunder: alle Mal wortradikaleren-Pub 
1 likationen sozusagen nachwächst, 




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bis „Zukunft"). 115 verschied. Motive. 

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- ':! 


Illii 










































W TlsFirtlHlEiRJTi 


der Polizeistaat lädt nach 


Das Konzept der „Inneren Sicherheit“ 

von der historischen Herleitung über die 
Umstrukturierung der Innenstädte, Rolle 
der Antifa-Bewegung, Schengener Abkommen 
und Gen-Datei. 


nicht begrüßt mit einem «Wie wir da-' Spruch ernten (und hoffentlich Diskus¬ 
mals - nur heute». Sondern die interims j| sion in Gang setzen), wenn ich ein ge- 
und Bahamas und hibiskus/diskus und! neralisiertes «Verrats»-Geheul als un- 
Radio F.R.E.I. und Jungie Worlds wer-1 zutreffend, abgeschmackt und selbst 

zerstörerisch bezeichne. Nichtsanderes 


Broschüre der AA/BO 
72 Seiten stark 
Einzelpreis: DM 5 
WVP: DM 3,SO 


den oftmitderleichlärroganten Skepsis 


Generation beurteilt, die hegemo 


niale Ansprüche erhebt, die keine Kon 
tinuität des Wandels sieht - und jeden 


falls keinen Wandel, der ihr Abtreten 


einschließt. Einrichtungen zur kon 


steht auf der Tagesordnung als daß 


Leute, die bei irgendwelchen Stadt 


blättern angefangen haben, die sich bei 


der taz Tschemobyl-Aufklärungs-Ver 


dienste erworben haben, wodurch der 


OilldV-JUiv/wv. *-*****~--- o 

tinuierlichen Weitergabe von Kennt-1 SPIEGEL auf sie aufmerksam wurde 
nissen, Erfahrungen, Fertigkeiten gibt| , und die heute dessen vielfach größeren 


Lieferbar ab Duli ‘98 über: 
Antifa Bonn/Rhein-Sieg 
c/o Buchladen Le Sabot 

Breite Straße 76 _ 

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es nicht, werden kaum erwogen; das 
«Learning by doing» setzt in der Regel 
immer voraus, daß die Neuen sich mit 


der Vorgefundenen «Betriebsfamilie» 
arrangieren, besser; identifizieren. Ein 
Gemeinschaftswerk der alternativen 


Recherche-Spielraum nutzen, in einen 


kontinuierlichen Prozeß des Gebens und 


Nehmens mit den «separatistischen 


Offentlichkeits-Aktivisten zu bringen. 


Diese innere Gegenöffentlichkeitin den 


etabliertenRedaktionen ist zahlenmäßig 


_ 


Publizistik» (der Name wäre dem «Ge-||g hundertmal stärker als die separa 
meinschaftswerk der Evangelischen^ tistische, und auch wenn die radikalere 
Publizität» abgeguckt, wo viele linker.j Opposition als Innovations-Anregung 
Journalistinnen ihr Handwerk gelemtp heruntergehandelt wird, auch wenn eine 
und weitere Infrastruktur-Dienste ge-H Anzahl tatsächlich - Verrat oder nicht 
nutzt haben) steht nicht einmal auf demjbei reaktionären Positionen gelandet 


Aufkleber „gegen den Strom 1 ' 
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Weitergehend läßt sich auch fragen 


Wäre es vielleicht mal an der Zeit, die-; 


sem Sandkasten- oder Durchlaufer 
hitzer-Status der alternativen Medien 
als Übungsfeld für die Etablierten nicht 
nur hinterherzulamentieren, sondern, 
immerhin nach Jahrzehnten, durch 
«Netzwerk» Rechnung zu tragen? So 


ist: alles konzediert, ist es doch ein 


großes und wichtiges Potential, und den 


Kontakt nicht zu stabilisieren, heißt 


einfach kulturell-politische Arbeit ent 


werten, vernichten, verschleudern. In 


aller Offenheit subversive Prozesse 


verstärken - darauf kommt es an. 


Über die All-Macht oder Ohn-Macht 


der Reklame gibt es das erstaunlichste 


daß zwischen denjenigen, die separate Hg Schweigen im weiten Bereich oppo 


IIBIIIII 

lili: 

4 


SEDMIiniMl Von der Nachbarschaftshil- | 
fe zum Tauschring • Idee und Praxfe • T he- 
sen und Denkanstösse ElHnSlEIEBi 
gegen erneute Freilandversuche der Firma 
AgrEvo mit genmanipulierten Pflanzen 
EMEBaMOEfll Berliner Weglaufhaus 
Villa Stöckle als Alternative zur Drehtürpsy- 
chatri e, Zwangsmaßnahmen, Psychop har- 
maka ki gg i JEffl3ES5IEM a3503 in 
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Heidelberg, Tel. (0 62 21) 16 24 67 


Gegenöffentlichkeit von unterschied¬ 
licher Radikalität der politischen Kritik 
aufrechterhalten, und denen, die in eta 
blierten Redaktionen sitzen, ein konti 

nuierlicher Austausch abläuft? Das kann 

_ -> .< ■ i ._nn /lani 


sitioneller Öffentlichkeit. Einerseits will 


sich selbst das aufrechteste Stadt-Blatt 


wenigstens die Möglichkeit der Wer 


befinanzierung offen halten, um das 


1 Überleben zu sichern, wie es treuherzig 




heikel sein. Vielleicht weniger an denjgg heißt. Andererseits fehlt es den ent 
propagandistisch sichtbaren Steilen,■ schieden Werbefreien, etwa den Freien 
wenn jemand von der Redaktion ARD-H Radios, an genauen Argumenten, um 
aktuell, der unter anderem die Tages-||||l die schädlichen Einflüsse der Werbung 
schau obliegt, mit einer vom Kurdistan-H auf die publizierten Inhalte nachzu 
Info zusammensitzt, die ihn des Rassis-S weisen. Die ökonomischen Gründe, 
mus wegen Fahndungsfotos von Asyl-jjl wonach die Werbung die Verbrauchs 
bewerbern bezichtigt. Eventuell eher ■ preise erhöht, wie sie von den Publi 
zwei Stunden später, wenn mit Pein-jjj zistik-ProfessorenKleinsteuder(Ham 
lichkeit zutage tritt, daß sich Leute mit lg bürg) und Pöttker (Dortmund) gebets 
T äneenunterschieden des Portemon-B mühlenhaftvorgetragenwerden.lassen 

° , . * -l r- •_onILS • _ A _ A _I- U ( -- 


naies von 1:6 oder 1:15 schlecht aul 


eine gemeinsame Kneipe einigen wer 
den. (Die Lektüre der ersten Gehalts 
abrechnung von tazlerlnnen, die bei 
etablierten Verlagen nach der deutsch 
deutschen Vereinigung eingekauft wa 
ren brachte einige solche augenschwm 
delnmachenden Effekte.) Bei vielen 
gerade im linksradikalen oderanarchis 
tischen Q wiTinrhpn werde ich Wider 


sich von den dynamisch (anstatt nur 


statisch) rechnenden Wirtschaftsex 


pertlnnen schnell kippen, übrig bleibt 


daß durch bestimmte Formen der Re 


klame (besonders das bei uns noch 


herrschende Verbot vergleichender 


Werbung) eine aggressive Verbrau 


cherlnnen-Publizistik unterbleibt. Zum 


Beispiel könnte der gegenwärtige Fahr 


rad-Boom einePreis/Umwelt/Qualiiäts 


IHR! 

































































lenweit entfernte öffentliche Diskussion über Konsum und lustvollen 
Verzicht, Lebensgenuß und -qualität, Ökologie, Ökonomie und 
Ästhetik, kurz: was, unter Reklameherrschaft zum «Lifestyle» 
verkommen, das «gute Leben» hätte sein sollen. Statt dessen verstieg 
sich selbst die immerhin auf vornehme Werbungs-Distanz (mehr 
notgedrungen als aus eigenem Drive) achtende taz kürzlich dazu, 
ausgerechnet zum Wöhle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks!, die 
Werbung als Garantie des Demokratischen in der Öffentlichkeit hoch 
zu preisen. Ohne Werbung verkomme ein Medium zum Elitären, 
Minderheits-Fixierten! Oh nein, selbst die als dumpf verschriene 
Glatzenmehrheit hat noch einen Rest Bewußtsein von Qualität bewahrt; 
die erfolgreiche Werbung für Werbefreiheit bei Privaten (Pay TV = la 
Premiere) beweist es. Aber den Weg zur Qualität müssen die 
Journalistinnen schon selber finden. 

Damit sind wir beim Thema der professionellen Deformation. In 
seinen zu Unrecht unbekannt gebliebenen Büchern hat der unbekannt 
gebliebene Autor Guido Bröer psycho-analytisch fundiertanzusprechen 
versucht. Wenn Journalistinnen die lebendigen Verhält-nissezwischen 
Menschen als fertig verpackte Routineprodukte, als Waren zu verkaufen 
suchen, bestreiten sie eine «nekrophile», am toten Haben statt am 
lebendigen Sein orientierte Tätigkeit (Journalismus als Lebensform, 
Münster: Agenda Verlag, 1994). Ein Mitglied des größten Kassetten- 
Verlags für Drit-te-Welt-Musik schilderte Vorjahren, seine Freundin 
habe sich verbeten, daß er Journalisten Zum Essen mitbringe: «Was 
du auch erzählst, wenn es gut war, zücken sie ihr Notizbuch, kreischen 
Geil, das biet ich dem xy-Funk an, no-tieren die Telefonnummer und 
essen verzückten Blicks und mit gespitzten Ohren weiter». Keine 
pure, naive Romantik, wenn es 1973 beim ID hieß: «Baut keinen 
linken Journalismus auf, sondern laßt die Betroffenen zu Wort 
kommen». Auch wenn wir verwahrlostes Retroffenen-Gestammel 
heute (als Fälle unterlassenere Hilfeleistung) entschieden hinter uns 
gelassen haben und auf journalistischem Beistand zwecks Qualität 
betsehen - immer geht es um eine Brückenfunktion zwischen lebendigen 
Menschen und medialer Öffentlichkeit. Bröer zeigt die schlimmsten 
Folgen journalistischer Deformation an der Recherche-Verweigerung 
in der Berichterstattung über die rassistischen, fremdenfeindlichen 
Gewalttaten in Deutschland. Eine analytische Ergänzung zu den 
aktionistischen Vorschlägen etwa der autonomen a.f.r.i.k.a.-Gruppe 
(Medienrandale). 

Zurück zu der eingangs zitierten Chaos-Diskussion. (Sie hat übrigens 
wirklich stattgefunden - Juni 1998, in Frankfurt am Main, im linken 
Traditions-Club Voltaire, unter Teilnahme von Emil Carlebach, der 
alsGrunderderFrankfurterRundschauin selbstverwalteter Verfassung 

unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg so viel Lob bekam wie er als 
talinist verdiente Prügel einstecken mußte.) Aus verschiedensten 
Richtungen und Erfahrungen schälte sich dann doch ein Konsens 
heraus: Zukunft der Arbeit, Terror der Ökonomie, Freiheit & Glück 
mit selbstbestimmter Kooperation - an der Lösung dieser Probleme 
schemt man der Gegenöffentlichkeit und der «verschränkten» 
Öffentlichkeit (mit dem kritischen Ferment im journalistischen 
stablishment) Lösungsbeiträge zuzutrauen oderjedenfalls zuzumuten, 
as hat mit Reflexions- und Recherche-Vermögen, auch mit neuerlicher 
Theorie-Anbindung viel zu tun. Die Brükkenschläge zu den 
nterprivilegierten verstehen sich dabei von selbst. Und die inneren 
Kooperationsverhältnisse der Öffentlichkeits-Betriebe oder -Projekte 
bekommen neue, authentische Bedeutung. Es gibt noch zu tun - für die 
nächsten fünfundzwanzig Jahre. Manche alten Kontroversen bleiben 
aktuell auszutragen, aber auf zukunftsfähigem Niveau, nicht als 
Stallgerüche von vorgestern. 

ID/Projekt Alltag: Richard Herding 


[44] SF 3/98 


Foto: Ute Moschner/Version 














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schiebt sich das Verhältnis von Personal 
und Material: Erzeugte die Industri¬ 
alisierung des militärischen Gewaltpo¬ 
tentials seit-Mitte des letzten Jahr¬ 
hunderts zunächst auch einen gestei¬ 
gerten Bedarf an Menschen, so haben 
die Potenzierung der Vernichtungska¬ 
pazitäten und die parallele Automati¬ 
sierung der Kriegführung inzwischen 
Massenheere zumindest unter dem Ge¬ 
sichtspunkt militärischer Effizienz ent¬ 
behrlich werden lassen. In den Jahren 
des Ersten Weltkriegs, in der Aufrüs¬ 
tungsphase nach 1935 und erst recht 
während des Zweiten Weltkrieges er¬ 
reichte trotz forcierter Ersetzung von 
Menschen durch Maschinen auch die 
Mobilisierung der personellen Res¬ 
sourcen ein bis dahin nicht gekanntes 
Ausmaß. Niemals wurden mehr Sol¬ 
daten auf die Schlachtfelder geworfen, 
niemals wurden auf ihnen mehr getötet 
als zwischen 1939 und 1945. Erst die 
Entwicklung der “totalen Waffe” und 
ihr Einsatz in Hiroshima und Nagasaki 
machten einen totalen Krieg ohne totale 
Mobilmachung der Gesellschaft mög¬ 
lich. Ein Minimum an Personal reicht 
aus, um ein Maximum an tötender Ge¬ 
walt zu erzeugen und ganze'Gesell¬ 
schaften, wenn nicht die menschliche 
Gattung insgesamt auszulöschen. Nach¬ 
dem die Feldzüge jahrtausendelang von 
bewaffneten Männern geführt wurden 
und danach für ein halbes Jahrhundert 
bemannte Waffen das Kriegsgeschehen 
dominierten, ist jetzt die Epoche der 
unbemannten, vermeintlich “intelli¬ 


genten” Waffen angebrochen. Ange¬ 
sichts von Overkill-Kapazitäten und 
Echtzeit-Technologien erscheint die 
Gestalt des Soldaten antiquiert - ein 
Spezialfall jener Antiquiertheit des 
Menschen, die Günther Anders in seiner 
Anthropologie des Atomzeitalters di¬ 
agnostiziert hat. 

Während dieEntwicklung der Kriegs¬ 
technik zu immer größeren Geschwin¬ 
digkeitseffekten führt, wirkte Antimi¬ 
litarismus, wenn er praktisch wurde, 
stets als Bremse, als Unterbrechung der 
Militärmaschine. Davon zeugen Me¬ 
taphern wie die vom “Sand im Ge¬ 
triebe”, davon zeugt auch das Symbol 
des zerbrochenen Gewehrs, und das 
Kampfmittel des Anarchosyndikalis¬ 
mus par excellence, der Generalstreik, 
war, um Paul Virilio zu zitieren, “eine 
Barrikade in der Zeit”. Was Widerstand 
gegen Krieg und Militär heute schwierig 
macht, läßt sich unter diesem Blick¬ 
winkel auf eine einfache Formel brin¬ 
gen: reduzierte Brems- und Unter¬ 
brechungsfähigkeit der Antimilitaristen 
bei potenzierter Beschleunigungskraft 
des Militärs. Die Hoffnung etwa, die 
Kriegführungsfähigkeit mittels mas¬ 
senhafter Dienstverweigerung ent¬ 
scheidend schwächen zu können, ist an 
der technischen Rationalisierung des 
Kriegshandwerks zerstoben, - weshalb 
man sich staatlicherseits den Verwei¬ 
gerern gegenüber toleranter zeigen 
konnte. Umgekehrt hatten die orga¬ 
nisierten Pazifisten - zumindest in 
Deutschland - sich erst dann dazu 


durchgerungen, zur Kriegsdienstver¬ 
weigerung aufzurufen, statt an die 
Staaten zu appellieren, doch bitte ab¬ 
zurüsten, als diese Waffe bereits stumpf 
zu werden drohte. So hatte bereits 1931 
der Radikalpazifist Kurt Hiller seinen 
friedensbewegten Gesinnungsgenossen 
vorgehalten: “Jene Sektion des Kriegs- 
gegnertums, die in der Dienstverwei¬ 
gerung das Allheilmittel gegen den 
Krieg sieht, humpelt hinter der Ent¬ 
wicklung her - hinter der Entwicklung 
der Kriegs-Technik und der politischen 
Theorie. Nieder die Wehrpflicht! Es 
lebe die Dienstverweigerung! So rufe 
ich noch he.ute. Aber mit dem Kampf 
gegen die Wehrpflicht und mit einer 
selbst grandios glückenden Propaganda 
der Dienstverweigerung wird ein Krieg, 
der einmal ausgebrochen ist, umso we¬ 
niger erschwert oder gar zum Abbruch 
gebracht werden, als, aller Voraussicht 
nach, der Zukunftskrieg gerade in seinen 
aggressivsten Formen durch technische 
Elitetruppen geführt wird, die sich aus 
Freiwilligen zusammensetzen. Nicht 
etwa aus Schein-Freiwilligen, wie es 
die ‘Einjährig-Freiwilligen* des Zwei¬ 
ten Reiches waren (...), sondern aus 
wahrhaft Freiwilligen, nämlich Fana¬ 
tikern des Kriegs oder sportlichen En¬ 
thusiasten des Kriegs. Der Appell zur 
Dienstverweigerung erreicht die Men¬ 
schen dieses Typus wohl, aber depo- 
tenziert sie nicht. Im Gegenteil: er 
fordert ihren Protest heraus und steigert 
so ihren kriegerischen Willen.” 

Bis 1945 waren Verweigerer ent- 










I 


weder kriminalisiert, pathologisiert oder 
als Vaterlandsverräter geächtet worden. 
Dienstunwillige hatten untertauchen, 
das Land verlassen oder Krankheit Vor¬ 
täuschen müssen, um nicht zum Dienst 
gezwungen zu werden oder für ihre 
Verweigerung harte Strafen bis hin zur 
Todesstrafe erleiden zu müssen. Fürst¬ 
liche Toleranzedikte, die in der Zeit des 
Absolutismus Angehörige pazifisti¬ 
scher Glaubensgemeinschaften gegen 
eine jährliche Geldzahlung vom Mili¬ 
tärdienst freigestellt hatten, waren im 
19. Jahrhundert abgeschafft, eine Ver¬ 
urteilung religiös motivierter Kriegs¬ 
dienstverweigerer aber meist dadurch 
umgangen worden, daß man diesen die 
Möglichkeit zum waffenlosen Sani¬ 
tätsdienst eingeräumt hatte. Während 
des Ersten Weltkriegs waren die mili¬ 
tärischen Behörden in der Regel davon 
ausgegangen, “ein Soldat, der sich 
angesichts der Notlage unseres Vater¬ 
landes aus angeblichen religiösen oder 
moralischen Gründen zur Dienstver¬ 
weigerung entschliesse und der auf 
dieser Weigerung auch noch nach Be¬ 
kanntgabe der schweren seiner warten¬ 
den Strafe beharre, müsse geisteskrank 
sein”. Entsprechend hatte man die kleine 
Zahl der Verweigerer den Psychiatern 
zur Begutachtung überstellt, die dann 
religiöse Wahnvorstellungen, “ver¬ 
schrobenen Fanatismus” oder Fixierung 
auf eine “überwertige Idee” diagnos¬ 
tizierten. In der Zeit des Nationalsozia¬ 
lismus schließlich fiel Kriegsdienst¬ 
verweigerung unter den Straftatbestand 


I 

i 



der “Wehrkraftzersetzung” und wurde 
mit dem Tode bestraft. 

Noch unter dem Eindruck der NS- 
Greuel wurde nach 1945 das Recht auf 
Kriegsdienstverweigerung in der Ver¬ 
fassung der Bundesrepublik verankert. 
Artikel 4,3 des Grundgesetzes be¬ 
stimmt: “Niemand darf gegen sein 
Gewissen zum Kriegsdienst mit der 
Waffe gezwungen werden.” Von ihrem 
Zustandekommen her war die Ent¬ 
scheidung, dem Staat zwar weiterhin 
das Recht zuzubilligen, alle männlichen 
B ürger zu den Waffen zu rufen, gleich¬ 
zeitig aber eine individuelle Ausnah¬ 
meregelung mit staatlicher Gewis¬ 
sensprüfung und obligatem zivilen Er¬ 
satzdienst zu schaffen, zweifellos eine 
Reaktion auf die terroristische Rekru¬ 
tierungspraxis und totale Militarisierung 
vor dem und während des Zweiten 
Weltkriegs. Daß man das Grundrecht 
auf Kriegsdienstverweigerung im 
gleichen Artikel wie die Glaubens-'und 
Gewissensfreiheit und das Recht auf 
ungestörte Ausübung der Religion 
ansiedelte, deutet darauf hin, daß vor 
allem daran gedacht war, eine straf¬ 
rechtliche Verfolgung religiöser Min¬ 
derheiten wie der Zeugen Jehovas zu 
vermeiden. Entsprechend bemühte sich 
die Regierung Adenauer, als im Zu¬ 
sammenhang mit dem im Juli 1956 
verabschiedeten Wehrpflichtgesetz die 
rechtliche Regelung der Kriegsdienst¬ 
verweigerung akut wurde, um eine 
restriktive Auslegung des Artikels 4,3. 
Angesichts der Widerstände gegen die 
Remilitarisierung befürchtete man, ein 
erheblicher Teil der dienstpflichtigen 
jungen Männer werde von ihrem 
Grundrecht Gebrauch machen, und 
baute aus diesem Grund zahlreiche 
Hürden auf: Die Anerkennung als 
Kriegsdienstverweigerer erfolgte nur 
auf schriftlichen Antrag; die Antrag¬ 
stellerhatten sich dann einem staatlichen 
Prüfungsverfahren zu unterziehen, in 
dem nur diejenigen Gewissensgründe 
geltend machen konnten, die aus 
religiösen oder ethischen Prinzipien 
grundsätzlich jede Beteiligung an einem 
Krieg ablehnten. Schließlich wurden 
die Kriegsdienstverweigerer verpflich¬ 
tet, einen zivilen Ersatzdienst abzu¬ 
leisten, bei dem zunächst an Aufgaben 
im Luft- und Zivilschutz gedacht war. 
Wenn das Ersatzdienstgesetz vom 
Januar 1960 auch die Priorität auf den 
“Dienst in Kranken-, Heil- und 


Pflegeanstalten” legte, so blieb es doch 
bei einem staatlichem Zwangsdienst, 
dessen Einbindung in ein Konzept 
militärisch-zivilerGesamtverteidigung 
schon daraus ersichtlich war, daß die 
Ersatzdienstpflicht im Verteidigungsfall 
unbefristet sein solltö. 

Unabhängig von den Intentionen der 
“Verfassungsväter und -mütter” und 
trotz aller Klagen militärischer Kreise 
über hohe Verweigererzahlen und zu¬ 
nehmende “Wehr-Verneinung” erwies 
sich die Legalisierung der Kriegs¬ 
dienstverweigerung allerdings als 
durchaus kompatibel mit den Erfor¬ 
dernissen zeitgemäßer Militärorgani¬ 
sation. In den Verhandlungen des Par¬ 
lamentarischen Rates hatte der spätere 
BundespräsidentTheodorHeuss bereits 
darauf hingewiesen, das Problem des 
Kampfes mit der Waffe und damit auch 
das seiner Verweigerung sei “heute 
völlig obsolet geworden, weil das 
Herstellen von Bomben oder die Arbeit 
an Panzerwagen in viel höherem Maße 
eine Kriegsdienstleistung ist, als wenn 
einer mit einer Knarre an der Brücke 
herumsteht”. Die hochtechnisierte 
Kriegführung ersetzte menschliche 
durch maschinelle Destruktionskraft 
und erlaubte nicht nur, sondern forderte 
geradezu den Abschied von personal¬ 
intensiver Rüstung. Der Staat brauchte 
längst nicht mehr alle jungen Männer 
als Soldaten, und erbrauchte im Rahmen 
seiner Rüstungsanstrengungen junge 
Männerauch an anderer Stelle als in der 
Armee. Es erschien daher allemal op¬ 
portuner, potentielle “Störer und Ver¬ 
sager” gar nicht erst in die Kasernen 
gelangen zu lassen, als aus ihnen mit 
großem disziplinarischem Aufwand und 
möglicherweise erfolglos effiziente 
Soldaten machen zu wollen. Die Waf¬ 
fen-, Transport- und Kommunikations¬ 
systeme waren zu empfindlich und 
kostspielig, um ihre Bedienung und 
Wartung einem widerwilligen und des¬ 
halb unzuverlässigen Personal zu über¬ 
lassen. Das Grundrecht auf Kriegs¬ 
dienstverweigerung fungierte als ein 
Filter, der diejenigen fernhielt, die in 
der Bundeswehr zum “Sand im Ge¬ 
triebe” hätten werden können. 

Der Vordenker der «Inneren Füh¬ 
rung», Wolf Graf von Baudissin for¬ 
mulierte das Kalkül pädagogisch und 
hielt es für sinnvoller, die militärischen 
Verbände von denjenigen “zu ent¬ 
lasten”, “die offensichüich überhaupt 

SF 3/98 [47] 





nicht oder nur schwer für die Dienst- sozialer Planung. Er trug zur funktio- alternativen Diensten zu wählen. “Wil- 

leistungzumotivierensind”:“Siestören nalenStabilisierungderGesamtordnung de” Verweigerung wurde und wird 

die Entwicklung eines förderlichen bei, indem er ein Äquivalent für die weiterhin streng geahndet. Wer nicht 

Betriebsklimas und machen vor allem AblcistungdesWehrdienstesinstallierle bereit ist, überhaupt einen staatlichen 

die Grundforderung nach prinzipieller undaufdieseWeisedieEntstehung von Zwangsdienst zu leisten oder den zu- 

Vertrauensvorgabe fragwürdig. (...) Märtyrern und Dissidenten verhinderte. ständigenOrganenindervorgeschrie- 

Vorgesetzte (sind) weder nach Vorbil- Deren Verfolgung hätte die rechtliche benen Form und mit den von der 

düng noch aus zeitlichen Gründen in Integration der Gesellschaft mit un- Rechtsprechung anerkannten Argu- 

der Lage, zugleich den ‘Schwierigen’ nützen Reibungsverlusten belastet und menten seine Glaubwürdigkeit zu de- 

wie der Führung ihrer Einheit gerecht zudem erhebliche Kosten verursacht. monstrieren.hatinderRegeleineHaft- 

zu werden. Militärische Verbände sind Die amtlich geprüften Kriegsdienst- strafe zu gewärtigen. Bis 1990 bestand 

keine Schule der Nation. Ihre Ausbil- verweigererstanden dagegen dem Staat die Möglichkeit, sich durch Über¬ 
dungs-,Erziehungs-undBildungsarbeit weiterhin als Zivildienstleistende zur Siedlung nach Berlin dem Zugriff der 

ist allein auf die Erfüllung der mili- Verfügung. Und diese brauchte er im Bundeswehr und zugleich der Einbe- 

tärischen Funktion gerichtet.” Zeitalter gesamtgesellschaftlicher Rü- rufung zum Zivildienst zu entziehen. 

Erschien der Verzicht auf Zwangs- stung und expandierender Staats- Dieses von zahlreichen Dicnstpflich- 

rekrutierung und Kriminalisierung, funktionennichtwenigeralsdieDiener tigen genutzte Schlupfloch - Schäl- 

sofem sich die Dienstunwilligen an das im Waffenrock-als billige Arbeitskräfte zungen sprechen von rund 50.000 

gesetzlich vorgegebene Procedere im sozialen Bereich, im “Verteidi- Berlin-Flüchtlingen - wurde allerdings 

hielten und den staatlichen Prüfern ihren gungsfall” für Hilfsdienste an der Hei- mit der Aufhebung des Viermächte- 

Gewissenskonflikt glaubhaft machen matfront. Die gewissensentlastende Status der Stadt im Rahmen der Wie¬ 



konnten, schon aus militärinterner Alternative V/chr-oder Zivildienst ge- dervereinigung geschlossen. 

Perspektive angezeigt, soentsprach das währleistete so zugleich eine sinnvolle Noch Mitte der sechziger Jahre slell- 
Recht zur Kriegsdienstverweigerung Verteilung der Kräfte. Der (auf den ten weniger als ein Prozent der Wehr- 

aus Gewissensgründen erst recht den männlichen Teil der Bevölkerung be- pflichtigen einen Antrag auf Ancr- 

allgemeinen Integrationsanforderungen schränkte) gesetzlicheZwang zu dienen kennung als Kriegsdienstverweigerer, 

einer funktional differenzierten Gesell- blieb bestehen, aber an die Stelle der Seit 1968 stieg die Zahl der Anträge; 

Schaft. Der Artikel 4,3 des Grund- alternativlosen Nötigung zum Militär- inzwischen ist die Ableistung des Mili- 

gesetzes erwies sich als probates Mittel dienst trat die Nötigung, zwischen tärdienstes“längstnichtmchrdieRegcl 


f48] SF 3/98 









und die Verweigerung nicht mehr die 
Ausnahme. "Etwa ein Drittel der Wehr¬ 
pflichtigen eines Musterungsjahrgangs 
verweigert den Dienst bei der Bundes¬ 
wehr. Die schikanösen Prüfungs¬ 
verfahren mit ihren inquisitorischen 
Befragungen der Antragsteller wurden 
weitgehend abgeschafft. In der Regel 
reicht eine schriftliche Begründung des 
Antrags; lediglich “Spätverweigerer”, 
die sich erst nach ihrer Einberufung, bei 
der Bundeswehr oder als Reservisten 
zur Kriegsdienstverweigerung ent¬ 
schließen, müssen sich noch einer 
Gewissensprüfung unterziehen. Stan¬ 
den in der Anfangszeit kaum Zivil¬ 
dienstplätze zur Verfügung, so sind die 
“Zivis” heute im Sozialsystem der 
Bundesrepublik eine fest einkalkulierte 
Größe, ohne deren Einsatz insbesondere 
die Versorgung alter, kranker und 
behinderter Menschen kaum mehr 
gewährleistet werden könnte. Ent¬ 
sprechend ihrer Schlüsselstellung im 
bundesdeutschen Sozialwesen stellen 
die freien Wohlfahrtsverbändeauch die 
größte Zahl der Zivildienstplätze. Mit 
der für jeden Krankenhauspatienten, 
Heimbewohner oder Bezieher von “Es¬ 
sen auf Rädern” unmittelbar einsich¬ 
tigen Bedeutung des sozialen Engage¬ 
ments der Zivildienstleistenden hatsich 
such die gesellschaftliche Wertung der 
Kriegsdienstverweigerung gewandelt. 
Aus den entweder des politischen Ra¬ 
dikalismus verdächtigten oder als em¬ 
pfindsame Seelen belächelten “Drücke¬ 
bergern”, die noch in den siebziger Jah¬ 
ren vielerorts Anfeindungen ausgesetzt 
waren, sind im öffenü ichen Bild allseits 
anerkannte Sozialhelfer und Kranken¬ 
pfleger auf Zeit geworden. Der gesell¬ 
schaftliche Nutzen ihrer Tätigkeit leuch¬ 
tet häufig weit eher ein als jener des 
Dienstes als Soldat. 

Hie Hoffnung antimilitaristischer 
Gruppen im Umfeld der Neuen Linken, 
daß steigende Verweigererzahlen auch 
die radikale Opposition in der Bundes- 
rc publik stärken würden, hat sich 
a Herdings nicht erfüllt. So sympathisch 
wirklichkeitsfremd klingt aus der 
bistorischen Distanz von dreißig Jahren 
beispielsweise die Stellungnahme des 
Verbandes der Kriegsdienstverweigerer 
? ur geplanten Anti-Bundeswehr-Kam- 
P a gne des SDS: “Es gilt, den.ethisch- 
Puzifistischen Naturschutzpark, den die 
Herrschenden den a priori als sektiere- 
r ische Spinner diffamierten Kriegs¬ 


dienstverweigerern als Alibi für ihre 
Liberalität nur allzu gern eingeräumt 
haben, zu sprengen, indem wir die 
Kriegsdienstverweigerung als Mittel der 
massenhaften Politisierung und Akti¬ 
vierung einerpolitischen Entscheidung 
auffassen.” In der individuellen poli¬ 
tischen Sozialisation markierte die 
Kriegsdienstverweigerung oftmals zwar 
einen wichtigen, aber eben auch einen 
nur individuellen Schritt; eine Politi¬ 
sierung der Verweigerung selbst blieb 
die Ausnahme. Auch in der Anti- 
Nachrüstungsbewegung der frühen 
achtziger Jahre spielten organisierte 
Kriegsdienstverweigerer so gut wie 
keine Rolle. Wer den Kriegsdienst 
verweigerte, wollte selbst kein Soldat 
werden, war aber nicht unbedingt ein 
prinzipieller Gegner des Militärs oder 
bundesdeutscher Militärpolitik. Daß 
massenhafte Dienstverweigerung ein 
probates Mittel sein könnte, um die 
Einsatzfähigkeit der Bundeswehr zu 
schwächen, mochte auch von den 
Verweigerern kaum einer glauben. Die 
friedensbewegte Parole “Stell 1 dir vor, 
es. ist Krieg und keiner geht hin”, die 
zahllose Hauswände zierte, entsprach 
nicht mehr dem technischen Niveau 
einer Kriegsrüstung, die immer weniger 
auf die Bereitschaft “hinzugehen” an¬ 
gewiesen war. 

Der Prozeß der Individualisierung hat 
sich seit den sechziger Jahren zweifellos 
verstärkt, und in der Frage der Kriegs¬ 
dienstverweigerung haben inzwischen 
andere Selbststeuerungsmechanismen 
dem Gewissen den Rang abgelaufen. 
Bei der Wahl zwischen Bundeswehr 


und Zivildienst spielen Gewissens¬ 
gründe im herkömmlichen Sinne 
jedenfalls nur noch eine untergeordnete 
Rolle. Auf religiös oder politisch mo¬ 
tivierte pazifistische Grundüberzeu¬ 
gungen berufen sich am ehesten noch 
die Total verweigere?, die sich in keiner 
Weise zum Werkzeug staatlicher Rüs¬ 
tungsplanungen machen lassen wollen 
und deshalb auch die Ableistung des 
Zivildienstes ablehnen. Die Mehrzahl 
der Wehrpflichtigen entscheidet sich 
dagegen nach einem individuellen 
Kosten-Nutzen-Kalkül, bei dem die 
erwarteten Vor- und Nachteile für die 
weitere Lebensplanung, Dienstdauer 
und -ort oder Chancen zur beruflichen 
Qualifikation im Vordergrund stehen. 
Nicht weniger wichtig sind die Wünsche 
und Befürchtungen, die sich für die 
Jugendlichen an Bundeswehr oder 
Zivildienst heften: Ist für die einen die 
Aussicht auf kasernierte Zwangsge¬ 
meinschaft, Uniformierung, Gehor¬ 
samspflicht, Waffenausbildung und 
Geländemärsche ein Graus und Grund 
allemal genug, eine Tätigkeit im Kran¬ 
kenhaus oder Altersheim vorzuzichen, 
so liegt für andere gerade in den (realen 
oder imaginierten) Härten des Mili¬ 
tärdienstes die Herausforderung, die 
diesen als männliches Initiationsritual 
und willkommene Unterbrechung des 
zivilen Alltags attraktiv erscheinen läßt. 
Die Entscheidung korrespondiert zu¬ 
gleich häufig mit den politischen 
Orientierungen der Jugendlichen: Die 
Rechten (aber nicht nur sie) zieht es zu 
den Waffen, verkörpert doch die Bun¬ 
deswehr nicht nur ein Modell autori tärer 








Vergesellschaftung, sondern erteilt vor 
allem auch eine Lizenz zur Anwendung 
von Gewalt. Linke Jugendliche (und 
natürlich auch viele, die sich nicht der 
einen oder der anderen Seite zuordnen 
lassen wollen) meiden dagegen eher 
dieses Exekutionsorgan und Kollektiv- 
Symbol staatlicher Gewalt und dienen 
lieber in Zivil. Wenn schließlich poli¬ 
tische Ereignisse wie der Golfkrieg die 
Verweigererzahlen sprungartig in die 
Höhe schnellen lassen - 1991 verdop¬ 
pelte sich im Vergleich zum Vorjahr 
die Zahl der Anträge auf mehr als 
150.000, darunter viele Reservisten und 
Soldaten -, so macht das deutlich, in 
welchem Maße die individuelle Wehr¬ 
dienstbereitschaft davon abhängt, ob 
der Jugendliche, der sich zwischen 
Militär- und Zivildienst zu entscheiden 
hat, fürchtet, als Soldat zu einem Kriegs¬ 
einsatz abkommandiert zu werden. 

Parallel zur gesellschaftlichen Inte¬ 
gration der Kriegsdienstverweigerung 
mehrten sich seit den siebziger Jahren 
Fälle, in denen radikale Pazifisten und 
Antimilitaristen die Einbindung des 
Zivildienstes in die staatlichen Konzepte 
zivil-militärischer Gesamtverteidigung 
kritisierten und daraus die Konsequenz 
zogen, auch diesen zu verweigern. “Alle 
Wehrpflichtigen, die den Ersatzdienst 
leisten bzw. geleistet haben”, heißtes in 


der Plattform der “Gruppe Kollektiver 
Gewaltfreier Widerstand gegen Milita¬ 
rismus”, einem 1976 gegründeten Zu¬ 
sammenschluß von Total Verweigerern, 
“können im Kriegsfall (ebenso wie 
Soldaten) zu einem Dienst unbegrenzter 
Dauer einberufen werden (§ 79 Zivil¬ 
dienstgesetz). Der Ersatzdienst ist wie 
der Kriegsdienst ein staatlich verord- 
neter Zwangsdienst und wird daher nie 
dem Kriegsdienst entgegenstehen. 
Durch die Veränderung der modernen 
Waffentechnik sind die Ersatzdienst¬ 
leistenden mit in die strategischen 
Überlegungen cingegangen und somit 
auch notwendiger geworden. Die Armee 
braucht immer weniger Soldaten, da 
komplizierteMassenvemichtungsmittel 
nur noch wenige Spezialisten erfordern. 
Die Reichweite der Waffen macht es 
unmöglich, einen Krieg nur noch ex¬ 
territorial zu führen und erfordert des¬ 
halb eine kriegsbeständige Infra- und 
Sozialstruktur. Diese wird durch einen 
militärisch strukturierten Ersatzdienst 
mit vielfältigen Einsatzmöglichkeiten 
(Versorgung im zivilen Bereich, Zivil¬ 
schutz, Hilfskrankenhäuser u.a.) ge¬ 
stärkt. Durch Einsatz von Ersatzdienst¬ 
leistenden im zivilen Bereich werden 
Kräfte für den Militärdienst frei.” Mit 
dem Alltag der Zivildienstleistenden 
hatten solche Argumente wenig zu tun, 


die Kritik der Total Verweigerer antizi¬ 
pierte vielmehr den “Ernstfall”, den die 
Bundeswehr durch ihr Abschreckungs¬ 
potential zu verhindern behauptete. 
Während der Krieg im Bewußtsein der 
Soldaten wenn nicht verschwand, so 
doch in den Hintergrund gedrängt wurde 
und die Ausbildungsoffiziere immer 
größere Mühe hatten, den Wehr¬ 
pflichtigen den militärischen Sinn ihres 
Dienstes zu vermitteln, insistierten die 
radikalen Kriegsdienstgegner darauf, 
daß Abschreckung Kriegsbereitschaft 
voraussetzt und zu diesem Zweck auch 
ihre Arbeitskraft eingeplant sei. Ihre 
Verweigerung richtete sich nicht in 
erster Linie gegen die konkrete Tätigkeit 
im Krankenhaus oder Altersheim, 
sondern demonstrierte - gewissermaßen 
in vorauseilendem Ungehorsam -, daß 
mit ihnen auch als zivile Vaterlands¬ 
verteidiger nicht zu rechnen sei. In den 
Bekenntnisschriften der Totalverwei¬ 
gerer taucht allerdings häufig noch ein 
weiteres Motiv zur Verweigerung des 
Zivildienstes auf: seine Funktion als 
“Jobkiller” im Sozialbereich. Obwohl 
ihr Einsatz den gesetzlichen Vorschrif¬ 
ten nach “arbeitsmarktneutral” sein 
sollte, sind die zwangsverpflichteten 
“Zivis” erheblich billiger als tariflich 
bezahlte Arbeitskräfte, und ohne ihren 
Einsatz könnten zweifellos Kranken- 









häuser, Altersheime oder Pflegedienste 
ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen. 

Unter dem BegriffTotalverweigerung 
wurden dabei durchaus unterschiedliche 
Verweigerungsformen von der Erfas- 
sungs- und Musterungsverweigerung 
über die Weigerung, sich dem KDV- 
Verfahren zu unterziehen, bis hin zur 
Nichtaufnahme oder zum Abbruch des 
Zivildienstes zusammengefaßt. Selbst 
Bundeswehrreservisten oder ehemalige 
Zivildienstleistende, die den zuständi¬ 
gen Behörden mitteilten, künftig weder 
einer Einberufung zu Wehrübungen 
noch einer Dienstverpflichtung im 
Krisenfall Folge leisten zu wollen, 
bezeichneten sich als Total Verweigerer. 
Gemeinsam war all diesen Formen die 
(zu welchem Zeitpunkt auch immer 
getroffene) Entscheidung, der Wehr¬ 
pflicht fortan in keiner Weise mehr zu 
genügen. Die Total Verweigerer begrif¬ 
fen ihre Entscheidung als einen Akt 
zivilen Ungehorsams und suchten die 
politischeÖffentlichkeit. Immer wieder 
sorgten sie mit spektakulären Aktionen 
für Aufsehen: Sie verbrannten ihre 
Wehrpässe, sorgten dafür, daß bei ihrer 
Festnahme Pressevertreter anwesend 
waren, und nutzten den Gerichtssaal als 
Forum für ihre Überzeugungen. Unter- 
stützergruppen organisierten Mahn¬ 
wachen, Briefkampagnen und andere 
Solidaritätsaktionen für inhaftierte oder 
unter Disziplinararrest gestellte Total- 
v crweigerer. Von den traditionellen 
KDV-Organisationen in der Bundesre¬ 
publik, die noch gegen das “Drücke- 
berger”-Image der legalen Kriegs¬ 
dienstverweigerer ankämpften, wurden 

ihre Aktionen zunächst ebenso miß- 
irauisch beäugt wie von den marxistisch 
uusgerichteten Gruppen und Parteien, 
die vom «Umdrehen der Gewehre» 
schwadronierten, als individualistisches 
Märtyrertum belächelt. Genaue Anga¬ 
ben über die Zahl der Total Verweigerer 
s ind - schon wegen der verschiedenen 
Verweigerungsformen - schwer zu 
er mitteln. Schätzungen gehen von einer 
Gesamtzahl zwischen 1500 und 2000 
seit Einführung der Wehrpflicht aus; 
üie Zahlen stiegen seit 1978 von knapp 
30 auf derzeit zwischen 100 und 200 
Pro Jahr. Verurteilt werden die Total¬ 
verweigerer zu einer Geldstrafe oder zu 
e iner Hafstrafe bis zu einem Jahr, die in 
vielen, aber längst nicht in allen Fällen 
Zur Bewährung ausgesetzt wird. Ver¬ 
einzelten Freisprüchen stehen nicht 


wenige Fälle verurteilter Totalverwei¬ 
gerer gegenüber, die nach Abbüßung 
ihrer Strafe und fortgesetzter Dienst¬ 
verweigerung erneut angeklagt und 
bestraft wurden. 

Welche Konsequenzen sich aus den 
militärischen Weichenstellungen und 
Probeläufen seit 1989 für die Rekru¬ 
tierung von Soldaten und Zivildienst¬ 
leistenden ergeben werden und was das 
für eine Praxis des radikalen Antimi¬ 
litarismus bedeuten könnte, das ist bis 
jetzt nur in Umrissen erkennbar. Daß in 
der Bundesrepublik anders als in an¬ 
deren NATO-Staaten an der gesetz¬ 
lichen Zwangsaushebung - noch? - 
festgehalten wird, hat andere Gründe 
als die militärischer Effizienz. Jenseits 
des Mythos, sie sei “das legitime Kind 
der Demokratie”, demonstriert die 
allgemeine Wehrpflicht das souveräne 
Recht des Staates über Leben und Tod 
und fungiert zunächst als Indikator 
dafür, was dieser seinen Bürgern zu¬ 
muten kann. Wichtiger für ihren Fort¬ 
bestand ist vermutlich noch ein anderes 
Kalkül: Fiele die Wehrpflicht, gingen 

dem Staat auch die Zivildienstleistenden 

verloren, auf die das soziale Versor¬ 
gungssystem mehr denn je angewiesen 
ist. Die Alternative einer allgemeinen 
Dienstpflicht, der Männer wie Frauen 
wahlweise in der Armee oder in zivilen 
Einsatzstellen nachzukommen hätten, 
findet allerdings in der Öffentlichkeit 
eine wachsende Zahl von Fürsprechern. 
Bezeichnend für die Diskussion ist 
dabei, daß die meisten Kritiker des 
Status quo zwar die Wehrpflicht, nicht 
aber einen staaüichen Zwangsdienst als 
solchen ablehnen, diesen vielmehr noch 
auf den weiblichenTeil der Bevölkerung 
ausdehnen wollen. Die staatliche Nöti¬ 
gung, Soldat zu werden, mag antiquiert 
erscheinen, die gesetzliche Verpflich¬ 
tung, dem Staate zu dienen, steht außer 

Antimilitaristische Praxis hätte nicht 
zuletzt diesen Anspruch zu demontie¬ 
ren. Unter dem Niveau der militärpo¬ 
litischen Verhältnisse bleibt jedenfalls, 
wer sich auf die Forderung nach Kriegs¬ 
dienstverweigerung als Menschenrecht 
oder Abschaffung der Wehrpflicht be¬ 
schränkt. Der Historiker Michael Geyer 
hat darauf aufmerksam gemacht, daß 
«in den Phasen des Aufbruchs und der 
Veränderung (...) die deutsche Militär¬ 
kritik noch stets die Fehler und Mängel 
der Vergangenheit bekämpft (hat). 


Ist Anarchie möglich?" 

Auf diese und viele andere Fragen 
antwortet Alexander Berkman und 
gibt damit eine leicht verständliche 
Einführung in das anarchistische Denken. 



Alexander Berkman 
ABC des Anarchismus 

127 S., Broschur, 14,- DM 
ISBN: 3-931786-00-5 


Postfach 11 59,71117 Grafenau 
Tel: (070 33) 442 73 
Fax (070 33) 452 64 
e-Mail: TrotzdemuSF@t-online.de 



rmMmi 


während die Herrschaftseliten und das 
Militär bereits eine neue Herrschafts- 
ordnung schufen.» Es wäre fatal, sollte 
sich diese Diagnose auch als Prognose 
erweisen. 

Bröckling, Ulrich: Diziplin. Soziologie und 
Geschichte militärischer Gehorsams¬ 
produktion. München: Fink, 1997. 364 
S., 68 DM 

Bröckling / Sikora (Hg): Armeen und ihre 
Deserteure. Vernachlässigte Kapitel 
einer Militärgeschichte der Neuzeit. 
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 
1998. 322 S., 48 DM. 

Günther Anders: Die Antiquiertheit des 
Menschen, 2 Bde. München 1956/1980. 
Paul Virilio / Sylvere Lotringer: Der reine 
Krieg, Berlin 1984 

Kurt Hiller: Der Sprung ins Helle. Leipzig 
1932. 

Ekkehard Lippert: Die Debatte um die 
Wehrpflicht, in: Eckart Opitz/Frank S. 
Rödiger: Allgemeine Wehrpflicht. 
Geschichte, Probleme, Perspektiven. 
Bremen 1995 

Gruppe Kollektiver Gewaltfreier Wider¬ 
stand gegen Militarismus (Hg.): 
Widerstand gegen die Wehrpflicht. 
Texte und Materialien. Kassel 1982. 


SF 3/98 [51] 






Agrarfrage und 
Bauernbewegung 


80 Jahre Russische Revolution, ein 
Datum, das zu neuer Beschäf¬ 
tigung mit der einflußreichsten 
Revolution Anlaß geben sollte, 
nach dem Ende des Ost-West- 
Blockdenkens nach der Einglie¬ 
derung der DDR in die BRD mit 
all ihren Auswirkungen auf die 
Westlinke (Privatisierung, Des¬ 
illusionierung, Ohnmachtsgefüh¬ 
le) und die Ostlinke (Anti-Ide- 
ologie-Einstellung, PDS-Domi- 
nanz). 

Wir bieten zwei Beiträge an, die 
sich mit diesem Ereignis beschäf¬ 
tigen. Der zweite Beitrag versucht 
die Bedeutung der Sozialen Re¬ 
volution herauszuarbeiten und 
zeigt die eher konterrevolutionäre 
Rolle der Bolschewiki auf. Eine 
geschichtliche Tatsache, die sich 
in der Spanischen Revolution in 
drastischer Form wiederholen 
sollte. Der erste Beitrag entstand 
in der Folge des zweiten. Uns 
schien im Beitrag von Gerhard 
Hanloser manches an Wissen vor¬ 
ausgesetzt zu werden, das nicht 
unbedingt bei allen Leserinnen 
vorhanden sein muss. Wenigstens 
an einem Punkt sollten mehr 
Grundinformationen geboten wer¬ 
den. Wir haben uns für die Agrar¬ 
frage und die Bauembewegung 
entschieden, u.a. auch deshalb, 
weil diese in der kommunistischen 
Geschichtsschreibung zumeist als 
konterrevolutionär falsch darge¬ 
stellt wurden und sich nicht zuletzt 
an der Machno- und Zapata- 
Bewegung gerade in der Bauem¬ 
bewegung das libertäre Moment 
stärker durchsetzen konnte. Wir 
versuchen die Vorgeschichte für 
dieBauernbewegungdarzustellen, 
d.h. die Zeit des Krieges und der 
Februarrevolution, um ein Ver¬ 
ständnis für den politischen Stand¬ 
ort der Bauernschaft vor der 
Oktoberrevolution zu schaffen. 





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Foto: Romualdas Rakauskas 


Auswirkungen des Krieges 
auf dem Land 

Die hohe Arbeitslosigkeit auf dem Land 
ging bei Ausbruch des Krieges zurück 
und führte zunächst vordergründig zur 
Entspannung der Probleme. Als im Lauf 
des Krieges jedoch 50-60% aller kriegs¬ 
verwendungsfähigen Bauern eingezo¬ 
gen wurden, spitzte sich die soziale 
Lage vor allem vieler kleiner Bauern 
zu; viele Höfe mussten von den Frauen 
und Kindern bewirtschaftet werden. Da 
das zaristische System zudem gerade 
bei den kleinen Bauern auch die Arbeits¬ 
pferde an die Front requirierte, ging die 
Bewirtschaftung der Anbauflächen und 
damit der Ernteertrag drastisch zurück. 
Vielereiche und mittlereBauern kauften 
unbcwirtschaftetes Land auf und be¬ 
trieben ihre Höfe billig mithilfe von 
Kriegsgefangenen, die die Regierung 
stellte. Biszu 600.000 Kriegsgefangene 
wurden vom Zarenreich auf solche Höfe 
geschickt. 


Trotzdem war die Lage für die Bauern 
noch nicht völlig aussichtslos: 1917 
gab es 31% kleinste Höfe, von denen 
die Hälfte noch über ein Pferd verfügten; 
54% mittlere Höfe konnten zu 75% 
über wenigstens 1 Pferd verfügen und 
besaßen immerhin 58% aller Milch¬ 
kühe; 14% der Höfe konnten als groß 
eingestuft werden, siebesaßen 33% aller 
Arbeitspferde. Die ersten Nahrungs¬ 
mitteldefizite 1916und 1917 waren trotz 
der Einschränkungen weniger ein An¬ 
bauproblem, sondern ein Transportpro¬ 
blem. 


Die Teilnahme an der 
Februarrevolution 

Die ersten Nachrichten über den Sturz 
des Zaren lösten in der Bauernschaft 
Verwirrung aus. Die Möglichkeit, nun 
ihr politisches Schicksal selbst zu bc- 


[52] SF 3/98 













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stimmen, war für die Mehrzahl völlig 
neu. In der obschtschina hatten sie vor 
allem ihredirekten wirtschaftlichen An¬ 
gelegenheiten geregelt. Die Bauern 
besaßen keine überregionalen poli¬ 
tischen Organe. Sie waren immer von 
der zaristischen Zentralgewalt über 
lokale Behörden (meist einem ortsan¬ 
sässigen Adligen), die z.B. den Pacht¬ 
zins eintrieben oder staatliche Gesetze 
durchsetzten, gelenkt worden. 

^'enn die Bauern in den ersten Monaten 
auf die Februarrevolution reagierten, 
w andten sie sich vor allem gegen diese 
v ' Cr hassten Behörden und Adligen. Sie 
besetzten die Stellen aus ihrer eigenen 
Glitte, verweigerten den Pachtzins und 
hieben ihr Vieh teils auf die Grund¬ 
stöcke der Großgrundbesitzer. In eini¬ 
gen Gebieten organisierten die Bauern 
auch Selbstverwaltungsstruktüren, bil¬ 
deten Kommissionen oder gaben die 
Kompetenzen des Dorfältesten an ein 
v °n der Dorfversammlung gewähltes 


Exekutivkomitee weiter. Man kann 
sagen, dass es bei diesem Ausbau der 
bäuerlichen Selbstverwaltungseinrich¬ 
tungen blieb. Nur in der Nähe größerer 
S tädte wurden auch andere Berufsgrup¬ 
pen in das Exekutivkomitee gewählt, 
solche Ausnahmen gingen dann auch 
öfter über die praktischen Alltagsfragen 
hinaus und beschäftigten sich mit poli¬ 
tischen Fragen. 

Eine weitergehende Organisation der 
Bauern wurde meist von außen, also 
von den diversen politischen Gruppie¬ 
rungen und Parteien oder von den 
Arbeiter- und Soldatenräten gefordert. 


Die Rolle der 

Sozialrevolutionäre in der 
Bauernschaft 

Die Partei der Sozialrevolutionäre war 
als einzige Partei in der Bauernschaft 


verankert. 1917 verdiente sie jedoch 
den Namen Partei eigentlich nichtmehr, 
sie bestand aus zahlreichen Richtungen, 
die sich gegenseitig oft sehr deutlich 
widersprachen. So wolitedierechtePSR 
vorallem die Möglichkeit des Verkaufs 
von Land beseitigen, Kollektivierungen 
sollten erst in fernerer Zukunft ein Ziel 
sein. Das Bewußtsein der Bauern sprä¬ 
che dagegen, die Landwirtschaft sollte 
also weiter individuell betrieben wer¬ 
den, solange bis die Vorteile koopera¬ 
tiver Arbeit sich erwiesen hätten und 
die Bauern freiwillig daran teilnahmen. 
Die Linken verdächtigten die Rechten, 
dass sie das Ziel bereits aufgegeben 
hätten und sich bei der Regierung 
(Tschernov, Kerenski) nicht dafür 
einsetzten. Einigkeit bestand lediglich 
in der entschädigungslosen Enteignung 
der Großgrundbesitzer und der Ver¬ 
teilung - auch der Staatsgüter - an die 
produzierenden Bauern zu gleichen 


SF 3/98 [53] 


I 


ortschri 


von Gerhard Han loser 


»Das Ende der Ausbeutung ...ist keine 
Beschleunigung des Fortschritts mehr, 
sondern der Sprung aus dem Fortschritt 
heraus. Das Rationale ist nie vollständig 
deduzierbar. Es ist in der geschicht¬ 
lichen Dialektik überall angelegt als 
der Bruch mit der Klassengesellschaft.« 

(Max Horkheimer) 


"Gesellschaft als Käse, 
revolutionäre Theorie als 
Molkerei-Wissenschaft." 

Für Generationen von Linken war die 
Russische Revolution ein positiver Be¬ 
zugspunkt, wenn nicht sogar Leitbild 
von Befreiung und Fortschritt. Das Bild 
von dem Sturm auf das Winicrpalais 
wurde zum Inbegriff von sozialer Revo¬ 
lution. Die Versprechungen der Fran¬ 
zösischen Revolution - »Freiheit und 
Gleichheit« -, die 1789 nicht im Sinne 
des freien Vereins freier Produzenten 
eingelöst worden waren, sondern in 
deren Verlauf sich nur die Freiheit der 
Warenbesitzer durchsetzten sollte, 
hätten nun in der Russischen Revolution 
tatsächlich vollendet werden sollen. Der 
Bolschewismus und Marxismus-Leni¬ 
nismus waren für viele orthodoxe und 
dogmatische Marxisten - wie für ihre 
feindlichen Brüder der bürgerlichen 
Geschichtsschreibung - die Bewegung 
und die Theorie, die für die soziale 
Revolution in Rußland verantwortlich 
gewesen sein sollen. 

Die bürgerliche. Geschichtsschrei¬ 
bung führte den stalinistischen Terror 
zurück auf den roten terreur von 1917, 
wobei sie - typisch deutsch möchte man 
fast sagen - an den Bolschcwiki heim¬ 
lich oder offen bewunderte, aus dem 
»Chaos« der Revolution einen Staatge¬ 
macht zu haben. 

Der Stalinismus erschien vielen Lin¬ 
ken dabei lediglich als »Entartung«, 
»Verbürokratisierung«, oder man war 


mit dem B i Id des »Thcrm idor der Rcvo- 
lution« bei der Hand. Die meisten Lin¬ 
ken suchten innerhalb der bolsche¬ 
wistischen Bewegung nach lost causes 
und verloren sich in Geschichtsschrei¬ 
bung im Konjunktiv. Im Zuge der 68er- 
Bewegung und in der Folge einer kri¬ 
tischen Marx-Lektüre und einer Wic- 
dcrentdcckung des Anarchismus wurde 
dann aber auch sehr schnell dieser Rah¬ 
men verlassen und es entstanden Berge 
von kritischer Literatur über den Bol¬ 
schewismus, die russischeSozialdemo- 
kratie. 

Sozialer Fortschritt war dennoch für 
die meisten Metropolcnlinken gekop¬ 
pelt an den Fortschrittsbegriff, der aus 
einem Holz geschnitzt war mit demje¬ 
nigen des Marxismus-Leninismus. Ein 
Lebensalter nach dem Datum, das für 
die soziale Rcvol ution in Rußland stehen 
soll, und sechs Jahre nach dem Ende 
des sowjetischen Entwicklungsmodells 
sollte der Schutt, der sich theoretisch 
angehäufthat, beiseite geräumt werden, 
um den Blick auf di asoziale Revolution 
freizubekommen. Denn soziale Befrei¬ 
ung und die bolschewistische Vorstel¬ 
lung und Praxis einer militanten nach- 
holendcn Modernisierung sind zwei 
gänzlich verschiedene Paar Schuhe. 1 

Jahrelang hatsichdicorthodoxeLinke 
einen fatalen historischen Bezugspunkt 
gewählt. Von der starren Fixierung auf 
den historischen Bolschewismus hat 
man sich freilich rasch verabschiedet, 
doch die fatale Erbschaft besteht in den 
Entwicklungs- und Fortschritts Vorstel¬ 
lungen der Linken, die ihre Heimat in 
der Sozialdemokratie haben und die de¬ 
ren Auslegung des Marxismus geschul¬ 
det sind. Auch unter den Marxisten, die 
vorgeben, Marx kritisch zu rezipieren, 
ist dies zu beobachten: Genauso wie auf 
das Frühjahr der Sommer folge, müsse 
dem Kommunismus der Kapitalismus, 
eine Gesellschaftsform entfalteter 
Waren Verhältnisse, vorausgehen. Die 
nachholendc Modernisierung lcnini- 
stisch-jakobinischcrPrägung sei unver¬ 
meidbares Zwischenstadium im »Rei¬ 
fungsprozeß der Gesellschaft«. Gesell¬ 
schaft als Käse, revolutionäre Theorie 
als Molkerei-Wissenschaft. 



Obwohl es bemerkenswerte Kritiken 
des Bolschewismus gab, hat die Linke 
cs verpaßt, den Blick in der Beschäfti¬ 
gung mit der russischen Revolution zu 
schärfen und den Unterschied zwischen 
der »Fortschrittlichkeit« der Industria¬ 
lisierung als vorherrschendem Ent- 
wicklungsmuslcr und der Fortschritt¬ 
lichkeit der sozialen Revolution zu er¬ 
kennen. Kommunismus war - in den 
Augen der meisten metropolitanen 
Linken - nicht die reale cmanzipative 
Bewegung, sondern Endpunkt einer 
geschichtlichen Fortschritlstcndcnz, die 
durch und durch technizistisch begrif¬ 
fen wurde und gegen die schon Philo¬ 
sophen wie Walter Benjamin ihr Wort 
erhoben. Das war jedoch kein Zufall 
und ganz unschuldig war die marxisli- 


[56] SF 3/98 

















^ 0[ o: Antanas Sutkus 

sehe Gemeinde dabei nicht. Denn die 
Deutlichkeit, in der Marxisten Blind¬ 
heit gegenüber dem kritischen und sub¬ 
versiven Gehalt der Marx’schen Kritik 
der pol itischen Ökonomie bewiesen, ist 
erschreckend. Aus dem Revolutionär 
Marx, der in Briefwechseln seine Begei¬ 
sterung für die bewaffnete, »populi- 
stisch«-sozialrevolutionäre Stadtgue¬ 
rilla »Narodnaja Wolja« bewies, blieb 

nur noch der Fortschrittssozialist übrig, 

der Marx sicherlich auch war, nur eben 
nicht in dem Maße, in dem ihn die 
Marx-Orthodoxie darzustellen pflegt 
und gar noch zu überflügeln trachtet. 


Durch das Joch des 
Kapitalismus ? 

Geschichte ist keine Ideengeschichte, 
sondern Geschichte ist die Geschichte 
von Klassenkämpfen. Deshalb müssen 
wir den theoretischen Diskussionen, die 
zwischen den beiden größten Gruppen 
der antizaristischen Opposition, zwi¬ 
schen den Populisten und den russischen 
Marxisten, und Marx/Engels selbst 
Ende des 19 . Jahrhunderts geführt wur¬ 
den, den Platz zuweisen, der ihnen ge¬ 
bührt: die Diskussionen spiegeln den 
sozialen Antagonismus in Rußland wi¬ 
der, sie zeigen aber auch die zwei völlig 
unterschiedlichen Vorstellungen von 
gesellschaftlichem Fortschritt. 


Thema der hitzig geführten Debatten 
wardieZukunftRußlandsunddieFrage 
der Kapitalisierung Rußlands. Die rus¬ 
sischen Marxisten befanden sich im 
Widerstreit mit den Populisten. Letztere 
behaupteten, daß der Sozialismus un¬ 
mittelbar aus der russischen Dorfge- 
meinschaft, die stark gemeinschafts¬ 
orientiert strukturiert war, erwachsen 
könne. Dabei waren viele Vertreter der 
Populisten keineswegs »konservativ«, 
sondern es wurde ernsthaft diskutiert, 
ob das Massenelend des Dorfes dadurch 
überwunden werden könne, indem west¬ 
liche Technologien verwendet würden, 
ohne einer kapitalistischen Entwicklung 
folgen zu müssen und ohne die egalitä¬ 
ren Kollektivstrukturen der Dorfge¬ 
meinschaft dadurch zu zerstören. Den 
russischen Marxisten war das seit den 
1860er Jahren in Rußland aktive Welt- 
kapital und die Kapitalisierung der 
Landwirtschaft Beweis für die Unmög¬ 
lichkeit einer kommunistischen Ent¬ 
wicklung der Dorfgemeinschaft und sie 
setzten in sozialdemokratischer Tradi¬ 
tion auf ein S tufenmodcll, wonach auch 
Rußland durch die »Schule des Kapita¬ 
lismus« zu gehen habe, um sich dem 
Kommunismus zu nähern. Die bäuer¬ 
lichen Strukturen müßten zuerst aufge¬ 
löst oder zerstört werden. Dies sah 
beispielsweisederAnarchist Alexander 
Herzen ganz anders, der einen direkten 
Übergang der russischen Dorfgemcin- 
schaft, der obschtschina, in eine ega¬ 
litäre und kollektive (Reproduktions- 
Struktur ohne den Umweg des Kapita¬ 
lismus propagierte. 2 

Sicherlich behielten die russischen 
Marxisten in dem ideologischen Mei¬ 
nungsstreit, ob der Kapitalismus der 
»slawophilen Seele« wesensfremd sei, 
wie es allen Ernstes die bauernseclige 
Fraktion der Volkstümler behauptete, 
Recht: mit der staatlichen Forcierung 
des Eisenbahnbaus waren die Schienen 
für eine Industrialisierung und Kapi¬ 
talisierung in Rußland gelegt. Ebenso 
war die obschtschina keinesfalls »heil« 
geblieben, unbeleckt von der wcstl ichcn 
Zivilisation, sondern befand sich in 
einem gewaltigen Auflösungsprozeß. 

Doch Rußlands Wirklichkeit war weit 
davon entfernt, der Ideologie der rus¬ 
sischen Marxisten zu entsprechen, die 
meist im Exil waren und ihre Erkennt¬ 
nisse mehr aus einer bigotten Marx- 
Lektüre denn aus einer genauen Studie 
Rußlands gezogen hatten. Die marxi¬ 
stischen Sozialdemokraten nahmen die 


SF 3/98 [57] 




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breite Widerstandsfront der Bäuerinnen 
und Bauern gegen die Kapitalisierung 
gar nicht wahr. Bauern galten als rück¬ 
ständig, konservativ und konterrevo¬ 
lutionär. DerbäuerlicheTraum von der 
»schwarzen Umteilung«, die revolu¬ 
tionär-kollektivistischen Umleilungs- 
forderungen von Grund und Boden, 
wurden von den meisten Marxisten nicht 
als Potenz einer kommunistischen Be¬ 
weg ung begri ffen. V iel m e h r w u rde vo n 
den russischen Sozialdemokraten mit 
Verachtung auf die chiliastischen und 
millenaristischen Vorstellungen hin¬ 
abgeblickt, diedieFordcrungen oftmals 
begleiteten. 3 

Bereits in den Diskussionen zwischen 
Populisten und russischen Marxisten 
zeigte sich bei letzteren ein Vorschein 
des sozialdemokratischen Fortschritts¬ 
glaubens, der angesichts peripherer und 
revolutionärer Blockaden von den 
Bolschewiki jakobinisch radikalisiert 
werden sollte. Lenin selbst hob in seiner 
Schrift »Die Entwicklung des Kapi¬ 
talismus in Rußland« die historische 
»Mission« des Kapitalismus hervor: 
»Die fortschrittliche historische Rolle 
des Kapitalismus kann man in zwei 
kurzen Thesen zusammenfassen: He¬ 
bung der Produktivkräfte der gesell¬ 
schaftlichen Arbeit und Vergesellschaf¬ 
tung der Arbeit«. Die viel beschworene 
Hebung der Produktivkräfte hatte dann 
in der Taylorismus-Debatte, - also den 
breit geführten Debatten, wie der 
Mensch als Anhängsel der Maschine 
am produktivsten arbeiten könne,-und 
dem bolschewistischen Technikfeti¬ 
schismus seinen deutlichsten Ausdruck 
und die Vorstellung von der Vergesell¬ 
schaftung der Arbeit sollte in der staat¬ 
lichen Arbcitsdiktatur sein wahres 
Gesicht offenbaren. Lenin ist somit der 
legitime Nachfolger der russischen 

Marxisten. Den Fortschritlsfetischismus 

meinten diese ebenso wie Lenin mit 
ihrem Altmeister legitimieren zu kön¬ 
ne. Nicht nur an Hand der linearen 
Geschichtsphilosophie Marx’, die die 
»zivilisatorische Seite des Kapitals« 
betont und dem Bild verhaftet ist, 
wonach die menschliche Gesellschaft 
von der Sklavenhaltergesellschaft und 
dem Feudalismus über den Kapitalismus 
hin zum Sozialismus und schließlich 
zum Kommunismus drängt: Sie fanden 
darüberhinaus bei Marx in dem Kapitel 
des »Kapitals« über die ursprüngliche 
Akkumulation, das die Entstehung des 
Kapitalismus in England beschreibt. 


eine überhistorische Handlungsanwei¬ 
sung wie sie von Marx nicht intendiert 
war. In Briefwechseln mit der im Gen¬ 
fer Exil sitzenden Marxistin Vera Sas- 
sulitsch räumt Marx das Mißverständnis 
aus, er habe mit der Beschreibung der 
ursprünglichen Akkumulation, als ge¬ 
waltsame Schaffung einer Arbeiter¬ 
klasse durch die Expropriation der 
Bauern, eine auch für Rußland ge¬ 
schichtsnotwendige Entwicklung be¬ 
schrieben. Er habe nurdicgeschichtlichc 
Entwicklung im Westen nachge¬ 
zeichnet: »Bei dieser Bewegung im 
Westen handelt es sich um die Ver¬ 
wandlung einer Form des Privateigen¬ 
tums in eine andere Form des Privat¬ 
eigentums. Bei den russischen Bauern 
würde man hingegen ihr Gemeineigen¬ 
tum in Privateigentum umwandeln müs¬ 
sen. Die im Kapital gegebene Analyse 
erhält also keinerlei Beweise - weder 
für noch gegen die Lebensfähigkeit der 
Landgemeinde, aber die Spezialstudien, 
die ich darüber machte und wofür ich 
die Materialien in den Orginalquellen 
geschöpft habe, haben mir die Über¬ 
zeugung verschafft, daß diese Landge¬ 
meinde der Stützpunkt der sozialen 
Wiedergeburt Rußlands ist...« 

Industrialisierungsbe¬ 
mühungen in Rußland 

Die materielle Korrellation zu diesen 
Diskussionen waren die kollidierenden 
Ansprüche, Interessen und Bedürfnisse, 
die sich in Rußland artikulierten. 

Der Kapi talismus fraß sich in Rußland 
in die Sozialstrukturen hinein. In Ru߬ 
land fand eine verschärfte etatistische 
Kapitalisierung und Industrialisierung 
statt. Die Dorfgemeinschaft wurde unter 
einen unheimlichen Druck gesetzt. So 
war die »Bauernemanzipation« von 
1861 keinesfalls dem guten Willen phi- 
lantropischer Menschen geschuldet, 
sondern folgte dem Kalkül, ohne die in 
Europa zu beobachtenden Folgen der 
»ursprünglichen Akkumulation« - Ver¬ 
elendung & »sozialeFrage« (was soviel 
heißt wie Meutericn, Aufruhr, revolu¬ 
tionäre Bedrohung) - ein Proletariat zu 
schaffen. So war diese »Bauernbefrei¬ 
ung« reichlich halbherzig und setzte 
nicht die Arbeitskraft frei, die für eine 
forcierte Industrialisierung von Nöten 
gewesen wäre. In diesem Kontext ist 
auch Rosa Luxemburgs Bemerkung in 
ihrer »Einführung in die National Öko- 










nomie« zu verstehen über das »merk¬ 
würdige Beispiel eines Landes (...), wo 
scheinbar die Geschichte einen ganz 
anderen Lauf genommen hat, wo .näm¬ 
lich der Staat nicht gewaltsam das 
bäuerliche Gemeineigentum zu zerstö¬ 
ren , sondern gerade umgekehrt es mit 
allen Mittel zu retten und zu konservie¬ 
ren suchte. Dies Land ist das zaristi¬ 
sche Rußland.« 

Und tatsächlich wurde die obscht¬ 
schina als Umteilungsgemeinde kon¬ 
serviert und die Zuteilung des Bodens 
nach Kopfzahlen brachte nur Bevöl¬ 
kerungswachstum und die Stärkung 
großfämiliärer Strukturen hervor. 

Der Bindung der Dorfmitglicder an 
die obschtschina und der Subsistenz¬ 
ausrichtung der Landwirtschaft unge¬ 
achtet, wurde auf der anderen Seite 
»seit Beginn der 60er Jahre ein gigan¬ 
tisch eskalierter Werttransfer aus den 
agrarischen Unterklassen Rußlands und 
des Balkans herausgepreßt und in die 
Kapitalakkumulalionder europäischen 
Metropolen eingespeist «, wie das Au¬ 
torenkollektiv der Materialen für einen 
neuen Antiimperialismus Nr.4 in ihrem 
empfehlenswerten Rußlandbuch schrei¬ 
ben. 

Rußland wird so zur »Kornkammer« 
Europas als weltgrößterGetrcideexpor- 
tcur. Von staatlicher Seite wurde die 
Bauemökonomie künstlich monetari- 
siert und eine Forcierung des Getreide¬ 
exports betrieben. Die Aussage des 
zaristischen Finanzministers Wischne- 
gradski Ende der 80er Jahre »Wir 
müssen exportieren und wenn wir ver¬ 
hungern«, zeigt, in welchem Maße 
Werte aus der Landwirtschaft hcraus- 
gepresst wurden und regelrechte Hun¬ 
gerexporte stattfanden. Doch die 
bäuerliche Parzellenwirtschaft war 
außerstande die Entwicklung einer na¬ 
tionalen Industrie zu fördern. 

So setzten nun unterschiedliche In¬ 
dustrial isierungsstrategien an. Finanz- 
Minister S.Ju. Vitte verfolgte ein rigo¬ 
rose Steuerpolitik, die die Dorfge- 
Meinschaftcn unheimlich belastete, und 
leitete mitdcin forcierten Eisenbahnbau 
die Industrialisierungsbemühungen in 
Rußland ein. Diese gingen einher mit 
einem starken Konzentrationsprozeß 
der Kapitalgüterindustrie. Gerade die 
Waffenproduktion (Flottcnbauprqjcktc) 
und der Ausbau des Eisenbahnnetzes 
stehen für das spezifisch russische cla- 
tistischeRcgulationsmodell. Dem staat¬ 
lich forciertem Eisenbahnbau kommt 


eine entscheidende Rolle in der Indu¬ 
strialisierung zu, gaben doch die mas¬ 
siven Investitionen in den Eisenbahnbau 
den Anstoß zum Wachstum der Metall¬ 
industrie. Der Eisenbahnbau war das 
Fanal des organisierten Kapitalismus 
in Rußland. Durch den Streckenneubau 
sollten vor allem für den Agrarexport 
weite Gebiete, z.B. der Südosten und 
Mittelsibirien erschlossen werden. Die¬ 
se Politik des Industrialisierungsbc- 
mühungen und der Kapitalisierung der 
subsistenten Landwirtschaft sol Itc nach 
der revolutionären Welle und der Bau- 
emunruhen von 1905 von den Stoly- 


pinschen Agrarreformen mit anderen 
Mitteln fortgesetzt werden. Im Winter 
1906 fand dieser weitere Angriff auf 
die Dorfgemeinschaften statt: Das 
Kollcktivcigentum der obschtschina 
sollte aufgelöst werden. Stolypin wollte 
auf der einen Seite eine bäuerliche 
Mittelklasse schaffen und auf der 
anderen ein rekrutierbares Proletariat 
freisetzen. Doch auch gegen sein Wüten 
erwies sich die obschtschina als er¬ 
staunlich stabil. 


Das Dorf wird revolutionär 

Den Anforderungen der staatlich for¬ 
cierten Industrialisierung stand nämlich 


die völlig fremde Welt des Dorfes ent¬ 
gegen. Hier wird - das möchte ich un¬ 
bedingt vorausschicken - verständlich, 
was Marx mit dem Ausdruck »Idiotie 
des Landlebens« meinte: die Dorfgc- 
meinschafl mit ihren autoritär-kollek¬ 
tivistischen Zügen garantierte die kol¬ 
lektive Steuerhaftung, sie war in der 
Tat eine »Steuerdruckmaschine« (R. 
Luxemburg). Personale Abhängigkei¬ 
ten, patriarchale Unterdrückung und 
Armut kennzeichnten darüberhinaus 
die Situation auf dem Land. Daher kann 
es auch nicht darum gehen, sich erneut 
an die Kuhslai 1 wärme heranzuschmie¬ 


gen, die sich in den Diskussionen der 
legalen Narodniki Ende des 19. Jahr¬ 
hunderts brcitmachte, deren Nähe zur 
reaktionären Baucrntümelci augen¬ 
scheinlich ist. 

Doch aus der bäuerlichen Rigidität 
entwickelte sich eine Haltung, die noch 
im heutigen Rußland als »akkumu- 
lalionsfcindlich« gebrandtmarkt wird. 
Im vorrevolutionären Rußland spitzte 
sich diese Rigidität revolutionär zu. Der 
Bauer wurde dann revolutionär, als er 
kein Bauer mehr war. Der starke Druck 
auf das Dorf und der Auflösungsprozeß 
der obschtschina hatte Folgen: Die 
Kollcklivstrukturen der Dorfgemein¬ 
schaft (die eben auch spezifische 
Strukturen zur Aufrcchtcrhaltung der 



Foto: Alexandras Matsiyaukas 




Stcuerhaft und der ruralen Wertschö¬ 
pfung waren) bekamen ein völlig ande¬ 
res Gesicht: Die Übcrlebensgarantien, 
die das Dorf gab, cntwikelten sich zu 
einer »moral economy«, die militant 
verteidigt wurde und Triebfeder der 
bäuerlichen Erhebungen und Aneig¬ 
nungen war. 4 

In Rußland war durch die partielle 
Auflösung der Subsistenz Wirtschaft und 
die subjektive Aufsprengen und das 
Sich-Herauslösen aus der Enge des 
Landlebens eine Figur entstanden, wie 
sie auch aus anderen stark bäuerlich 
geprägten Gegenden bekannt ist: der 
Bauem-Arbeiter, die Bauem-Arbeite- 
rin. Diese Figur war hochmobil, wan- 
derte zeitlich begrenzt in die Stadt, um 
in den Fabriken zu arbeiten und blieb 
mit der Dorfgemeinde verbunden, in 
die sie immer wieder zurückkehrte. 
Diese Bauem-Arbeiter, und vorallem 
Bäuerinnen-Arbeiterinnen, bildeten 
auch den widerständigsten Teil des 
Proletariats. Denn für die Lebens- und 
Erfahrungswelt russischer Fabrikar- 



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sche, ländliche Milieu, in dem sie an¬ 
gesiedelt war. 

Entgegen der Doktrin Lenins, wonach 
das Proletariat - in der Fabrik zu revo¬ 
lutionärer Disziplin erzogen - Vorkäm¬ 
pfer des Umsturzes in Rußland sein 
soll, war das die Revolution tragende 
Subjekt gerade nicht der durch die Fa¬ 
brik disziplinierte Arbeiter: »Die An¬ 
passung, die Teile der westlichen Ar¬ 
beiterklasse bis 1890 schon an Zeittakt, 
Arbeitsnorm und Maschinenrythmus 
geleistet hatten, blieb dem Bauem-Ar¬ 
beiter fremd, genauso wie die Beschrän¬ 
kung seines emotionalen und kulturellen 
Lebensaufdiemitderlndustrialisierung 
entstehenden Kleinfamilie«, schreibt 
Angelika Ebbinghaus in einem Essay 
in der Zeitschrift 1999. 

Diese Bauem-Arbeiter und Arbeite¬ 
rinnen waren das dynam ische Moment, 
das der Organisationserfahrenheit der 
qualifizierten Arbeiterinnen und Arbei¬ 
ter nicht entgegenstand, sondern er¬ 
gänzte. Und die Bauern-Arbeiter trugen 
nicht nur den revolutionären Prozeß, 
sondern auch Waffen: Über die Rekru¬ 
tierung von bäuerlichen Soldaten für 
den Japankrieg 1904 fanden die Bauem- 
Arbeiter Zugang in die Armee, zu den 
Waffen. Eine Tatsache, die für die Mo¬ 
bilisierung der Bauern wie für den Ver¬ 
lauf derRevolulion nicht unwichtig war. 

Die Bolschewiki hechelten diesem 
Subjekt lediglich hinterher. Lenin wun¬ 
derte sich im September 1917: »In die¬ 
sem Bauernland ... wächst ein Bauern¬ 
aufstand herän. Dies ist unglaublich, 
aber cs ist eine Tatsache.« Und auch 
Trotzki hatte in der Konfrontation mit 
der stalinistischen Konterrevolution 
Ende der 20er Jahre einen erstaunlich 
offenen Blick auf die Anfänge der Re¬ 
volution: »Die Tatsache bleibt also 
bestehen, daß dieFebruarrevolution von 
unten begann nach Überwindung der 
Widerständedereigenen revolutionären 
Organisationen, wobei dielnitiative von 
dem am meisten unterdrückten und 
unterjochten Teil des Proletariats, den 
Textilarbeiterinnen, unter denen,, wie 
man sich denken kann, nicht wenige 
Soldatenfrauen waren, spontan ergriffen 
wurde.« 


Es knallt! 


»Die Revolution wird von der Ge¬ 
schichte gemacht , aber in der Revo¬ 
lution macht man Geschichte.« (Isaak 
Steinberg, linker Sozialrevolutionär) 

Angefangen hat es nicht wirklich im 
Februar 1917. Nichteinmal 1905. Die 
Entwicklung derRussischcn Revolution 
läßtsich nur im Zusammenhang mit der 
Volksverehrung des revolutionären 
»Banditen« Pugatschew, die uralte 
Hoffnung auf eine ‘schwarze Umtei¬ 
lung’ auf dem Land und dem »Gang ins 
Volk« von revolutionären jungen Intel¬ 
lektuellen im Frühjahr 1874 diskutie¬ 
ren. 

Doch durch den Krieg wurde die 
Situation in Rußland endgültig »reif« 
für eine Revolution. Die Demonstratio¬ 
nen häuften sich im Februar 1917, die 
zunächst als Hungermärsche gegen die 
Verknappung der Lebensmittel gerich¬ 
tet waren. Bemerkenswert ist, daß 
Trotzki von einer »Weibcrrevolulion« 
im Jahr 1917 spricht. Er beobachtete, 
daßdieTextilarbeiterinnendie Initiative 
für die Februarrevolution von unten 
gaben. Am Internationalen Frauentag 
des Jahres 1917, dem 23. Februar (8. 
März), bestreikten die Petrograder 
Textilarbeiterinnen cinigeFabriken und 
gaben somit den Initialzündcr für das 
Revolutionsjahr 1917. Die Frauenmacht 
läßt sich noch an institutionalisierten 
Veränderung in der Geschlcchtcrbczic- 
hung ablesen: beispielsweise wurde 
1920 die Abtreibung legalisiert und 
Volkskantinen wurden eingerichtet, um 
die Frauen von der Hausarbeit zu ent¬ 
lasten. 

Zu mehreren Hungermärschen im 
Februar traten S treiks h inzu - die gerade 
in der Munitionsfabrikation für große 
Beunruhigung sorgten. Dies steigerte 
sich zu einem allgemeinen Aufstand, in 
dem nach dem Muster von dem Revolu¬ 
tionsversuch 1905 ein Exekutivkomitee 
der Arbeiter- und Soldaicnrälc gegrün¬ 
det wurde. Auch auf dem Land vollzog 
sich der Prozeß der sozialen Revolution. 
Richard Lorenz über den Klassenkampf 
auf dem Land: »Der Sturz der Autokra¬ 
tie,der zum Verfall der administrativen 
Autorität auf dem Lande führte, bot den 
Bauern die Möglichkeit, ihren alten 
Traum von der Schwarzen Umteilung, 
d.h. der spontanen Landnahme, nun 


[60] SF 3/98 









Foto: Vyacheslav Tamovetsky 

bcstätigtedie revolutionären Bewegun¬ 
gen, die Situation an sich zu reißen. So 
fegten die Bolschewiki im Verein mit 
den linken Sozialrevolutionären unter 
dem Motto »Alle Macht den Räten« die 
Provisorische Regierung hinweg. Es 
sollte bald klar werden, daß die linken 
Sozialrevolutionäre über die Absichten 
ihrer Verbündeten nicht im klaren waren 
und ihnen zu Unrecht einen revolu¬ 
tionären Willen an einer Emanzipation 
von unten unterstellten. 

Wollten die linken Sozialrevolutio¬ 
näre die Macht den Räten übergeben, 
ging es den Bolschewiki um die Macht¬ 
ergreifung im Namen der Räte. 


endlich zu verwirklichen. Im Frühjahr 
und Sommer 1917 breitete sich die 
Bauernbewegung immer weiter aus, 
wobei jetzt oftmals heimkehrende Sol¬ 
daten an ihre Spitze traten. Die Bauern 
gingen jetzt immer häufiger dazu über, 
die Höfe und LändcreienderGutsherren 
selbst in Besitz zu nehmen.« 

Als Mitte Februar 1918 das Gesetz 
über die Sozialisation des Landes 
erlassen wurde, war die Sozialisation 
des Landes schon längst von den Bäue¬ 
rinnen und Bauern besorgt worden. Die¬ 
ses Gesetz war ohnehin im Geiste des 
Sozialrevolutionären Agrarprogramms 
gehalten,dasdieBolschewiki im Herbst 
1917 lediglich übernommen hatten - 
damit ihnen die Felle gerade auf dem 
Lande nicht davonschwimmen. 

Dieses von den Bolschewiki einge¬ 
brach te Gesetz zur Sozialisation des 
Landes war nämlich mehr der Taktik 
geschuldet, die zu der Zeit sehr starken 
linken Sozialrevolutionäre, die sich in 
der Rcgierungskoalition mit den Bol¬ 
schewik! befanden, bei der Stange zu 
halten. 

In dcrZcit vor der Oktoberrevolution 
gab cs eine starke Linksverschiebung 
im russischen politischen Spektrum, im 
November 1917 bildete sich die »Partei 
der Linken Sozialrevolutionäre«, die 
sich von der politisch sehr heterogenen 
neo-populistischen Sozialrevolutionä¬ 
ren Partei abgespalten hatten. Denn in 
der Sozialrevolutionären Partei hatte 
1917 die rechte, rcstaurative Fraktion 
das Sagen: 

»Nun zeigtesich, daßdiePSR (Partei 
der Sozialrevolutionäre) unter dem Ein- 
flußdcs rechten Flügels entgegen ihrem 
Programm und ihren langjährigen For¬ 
derungen einejadikale Umwälzung der 
agrarischen Besitzverhältnisse zu ver¬ 
binden! suchte; daß sie die spontane 
Selbsthilfe der Bauernschaft in Form 


einer Linksverschiebung noch vor der 
Oktoberrevolution und gesteht ein, daß 
der linke Flügel der Sozialrevolutionäre 
von d ieser Entwickl ung gestärkt wurde. 
Doch Trotzki analysiert auch sehr ge¬ 
nau, daß sich in den Städten in der 
Regierung die restaurativen Momente 
erhalten konnten: »Die Bauemmassen 
waren sich an vielen Orten recht wenig 
klar über das, was in Petrograd und 
Moskau vorging. Sie stimmten für 
»Land und Freiheit« und stimmten für 
ihre Vertreter in den Landkomitees, die 
meistens unter dem Banner der ‘Na- 
rodnikf standen. Damit aber stimmten 
sie für Kerenski und Awxentjew 


der »schwarzen Umteilungen«, die sie (Rechtssozialrevolutionäre), die dieses 

zwölf Jahre zuvor angespornt hatte, Landkomitee auflösten und deren Mit- 

cinzudämmen trachtete. Die PSR hatte glieder verhaften ließen... Dieser Sach- 

aufgehört, die militante Avangarde der verhalt ergibt eine klare Vorstellung, in Die bolschewistische 

Dorfarmut, die kompromißlose, Gewalt welchem Maße die Konstituante hinter Gegenrevolution 

nicht scheuende Vorkämpferin für die der Entwicklung des politischen Kam- ^ 

spontane Agrarrevolution zu sein, als pfes und den Parteigruppierungen zu- 

die sie angetreten war«, bemerkte der rückgeblieben war.« Die Allianz der Iinken Sozialrevoiu- 

Spezialist für die Geschichteder Sozial- DaßdieProvisorisc e egierung en d onäre mit den Bolschewiki sollte 

revolutionäre Manfred Hildermeier. Beschlüssen der Konstituieren en überraschenderweise gerade an der 

Die neu gebildeten linken. Sozial- Versammlung nicht vorgrei en wo te Friedensfrage endgültig zerbrechen, 

revolutionäre konnten daher einen und damit vorallem die Aufteilung des Lenin drängte auf einen sofortigcn 

starken Zustrom verbuchen. Auch Leo Landes formell verzögerte, esc eu Friedensschluß mitden Mittelmächten, 

Trotzki, führender Bolschewik an der nigte den autonomen revo uüonaren die linken Sozialrevolutionäre vertraten 

Spitze der Roten Armee, spricht von Prozeß auf dem Lande. Dies wiederum abJanuar 191 g jedoch die Auffassung, 


SF 3/98 [ 61 ] 


















»daß nur eine Revolution den Krieg in 
einer Weise beenden könne, die den 
Werktätigen tatsächlich einen gerechten 
und demokratischen Frieden besche¬ 
re.« Sie mußten sich so auch gegen den 
Seperatfriedensschluß von Brest-Li- 
tovsk aussprechen, den sic dann auch 
aktiv bekämpften. Die rechten Bol- 
schewiki um Lenin sprachen sich jedoch 
für einen sofortigen Seperalfrieden aus, 
mit der Begründung, daß der Friedens¬ 
vertrag mit Deutschland Sowjelrußiand 
eine »Atempause« bringen werde. Die 
linken Sozialrevolutionäre bewiesen in 
dieser Hinsicht sehr viel Weitblick, 
warnten sie doch schon früh vor der 
deutschen Politik. Eine Warnung, die 
sich auch bestätigen sollte: die Truppen 
der Mittelmächte nutzten den Anne¬ 
xionsfrieden für den weiteren Vor¬ 
marsch der Enten te-Truppcn. Der Frie¬ 
den wurde zwar im März unterzeich¬ 
net, der Krieg fand dagegen immernoch 
kein Ende. 

Der Friedensschluß von Bresl-Li- 
tovsk muß im Zusammenhang mit der 
Parole vom nationalen »Selbstbcstim- 
mungsrechtder Völker« diskutiert wer¬ 
den. Gegen den »Verständigungsfrie¬ 
den« polemisierte Rosa Luxemburg 
bereits in ihren »Fragmenten über 
Krieg, nationale Frage und Revolu¬ 
tion«: »Der Gedanke des Klassenkam¬ 
pfes kapituliert hier vor dem nationalen 
Gedanken«, konstatiert sie. Und in einer 
erstaunlichen Klarheit prangert sie die 
bolschewistische Friedenspolitik an: 

»Statt gerade im Geiste der reinen 
internationalen Klassenpolitik, die sie 



Nr. 26 Sommer 1998 

8 HC 


Das postmodeme Bedürfnis 


Überflüssig ist die postmoderne 
Textproduktion - eine Schein¬ 
aktivität grassiert im linken 
Milieu - doch treffen Ge¬ 
schlechter- und Machtdiskurs 

auf ein Bedürfnis. 

*** 

Die soziale Frage - von Nazis 
gestellt; Wird der Linken ein 
Thema gestohlen? u.a.m. 


Einzelpreis DM 7,50 (Vorauskasse/Briefmarken) 
Abonnement DM 22,50 für drei Ausgaben; 
Bahamas, Postfach 620628, 10796 Berlin 
Fax/Fon: 030 / 623 69 44 


sonst vertraten, die kompakteste Zusam¬ 
menfassung der revolutionären Kräfte 
auf dem ganzen Gebiete des Reiches 
anzustreben, die Integrität des russi¬ 
schen Reiches als Revolutionsgebiet 
mitZähnen und Nägeln zu verteidigen, 
die Zusammengehörigkeit und Unzer- 
trennlichkeitdcrProletarierallerLänder 
im Bereich der russischen Revolution 
als oberstes Gebot der Pol ilik allen natio- 
nalistischcn Sonderbestrebungen entge- 
genzustellcn, haben die Bolschewiki 
durch die dröhnende nationalistische 
Phraseologie von dem »Sclbstbestim- 
mungsrechtbis zur staatlichen Lostren¬ 
nung« gerade umgekehrt der Bour¬ 
geoisie in allen Randländcrn den er¬ 
wünschtesten, glänzendsten Vorwand, 
geradezu das Banner für ihre konter¬ 
revolutionären Bestrebungen geliefert.« 

Der Friedensschluß zerstückelte die 
revolutionäre Volkserhebung in Süd¬ 
osteuropa. Die Länder- und Staaten¬ 
übergreifende Agrarrevolution sollte 
national eingchcgt werden und die 
Bolschewiki waren die Exekutoren 
dieser antirevolutionären Maßnahme. 
Zur Entschuldigung der Leninschen 
Politik wird öfters die ausgeblicbenc 
Revolution im europäischen Westen 
angeführt. Die modernen Sozialre¬ 
volutionären Analysen des Autoren¬ 
kollektivs der Materialien für einen 
neuen Antiimperialismus weisen dies 
entschieden zurück: 

»Objektiv ist die Funktion des Frie¬ 
densprozesses von Brest-Litovsk (vom 
Märzvertrag bis zum Zusatzvertrag über 
die Ukraine vom 27. August) eindeutig. 
Er überließ die soziale Revolution in 
Finnland, dem gesamten Baltikum, 


Polen, der Ukraine bis in den Balkan 
den imperialistischen Mittelmächten 
und trennte sie von der russischen Re¬ 
volution wie auch untereinander mit 
der Folge, daß sie dem intensivierten 
Zugriff national formierter Eindäm¬ 
mungsstrategien ausgesetzt wurde, die 
vor allem ihre Agrarreformen je nach 
dem Verhältnis von revolutionärem 
Druck und repressivem Potential ent¬ 
weder in panischer Flucht Hals über 
Kopl (wie in Rumänien, Bulgarien, 
Jugoslawien) oder in einem zähen Kon¬ 
flikt (wie im Baltikum oder in Finnland) 
unter dem Schutz der Mittelmächte und 
später der Alliierten sicherten«. 

Uber diese konkreten Folgen des 
Friedensprozesses von Brest-Litovsk 
hinaus wirft die Propagierung des 
Selbstbestimmungsrechtes der Natio¬ 
nen ein deutliches Licht auf Lenins 
Sozialismusvorstellung. 

Mit bedingungsloser Absolutheit tritt 
Lenin für das nationale Selbstbestim¬ 
mungsrecht ein. Der Nationalstaat ent¬ 
spreche den Erfordernissen des sich 
entwickelnden Kapitalismus. So be¬ 
zeichnet Lenin Staaten mit »bunter 
nationaler Zusammensetzung« als 
»rückständig und abnormal«. Nur in 
homogenen Nationalstaaten könne sich 
das Proletariat im Paarlauf mit den 
Produktivkräften revolutionär entfalten 
und entwickeln. Daher stelle der Na¬ 
tionalstaat eine geschichtliche Not¬ 
wendigkeit dar. 

In Lenins Verehrung derNation kom¬ 
men sämtliche bolschewistischen Inten¬ 
tionen zum tragen: Der revolutionäre 
Internationalismus wird der Aufsplit¬ 
terung in Einzelproletariate geopfert. 


kassiber 35 (Juni 98) 

> Gibt es einen ’linken Fu߬ 
ball’? - Interview mit Mar¬ 
co Bode (Werder Bremen) 
über Rassismus, Nationa¬ 
lismus und Schwulenfeind- 
lichkeit im Stadion, Hany 
Ramzys ’Hitler-Gruß', 
Fußballberichterstattung 
und Ideologie, das Selbst¬ 
verständnis eines 'linken’ 
Profis u.a.m. 

> Himforschung an der 
Bremer Uni 

> Bundeswehrgelöbnisse 
und die Militarisierung der 
deutschen Außenpolitik 

> Erfahrungen mit dem 
'kleinen' Lauschangriff 



> Weitere Themen: Die 
DNA-Analyse im Ermitt¬ 
lungsverfahren, die 'Auflö¬ 
sungserklärung' der RAF 
u.v.a.m. 

64 Seiten für 5 Mark, 

Abo (6 Ausgaben): 35 Mark 

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Foto: Eduard Gladkov 

Der Staat wird als moderne Vergesell- 
schaflungsform gesetzt und zum 
Schicksalszusammenhang »Nation« 
geadelt. 

So ist es auch wenig verwunderlich, 
daß gerade an der »Friedensfrage« die 
Koalition zwischen linken Sozialrevo¬ 
lutionären und Bolschewiki zerbrach. 

Die Eindämmung des revolutionären 

Flächenbrandes auf nationale Hoch¬ 
öfen, in denen ein diszipliniertes Prole¬ 
tariat geschmiedet werden sollte, kor¬ 
respondierte mit dem Kampf gegen die 
Interessen der revolutionären Bauern¬ 
schaft. Dieser wurden kleinbürgerliche 
Einzclintercsscn unterstellt, wenn sie 
»Land und Freiheit« forderten. Der 
direkten Aneignung von Land, die als 
egoistisch gebrandmarkt wurde, wurde 
die sozialistisch genannte »Vergesell¬ 
schaftung«, die in Wirklichkeit eine 
Verstaatlichung war, entgegengestellt. 

Die Einführung des Kriegskommu- 
nismus durch die Bolschewiki hatte die 
Überführung der landwirtschaftlichen 
Güter in die Städte zur Folge - ohne daß 
die Bauern für ihre Erzeugnisse ein 
Äquivalent erhielten. Der Staat über¬ 
nahm sämtliche Produktions- und Dis¬ 
tributionsaufgaben. Dies war sicherlich 


aus der Not des Bürgerkriegs geboren. 
Das System des Kriegskommunismus 
ermöglichte es, die allerdringendsten 
Bedürfnissen der Roten Armee und der 
städtischen Bevölkerung zu befriedigen. 
Doch die Bolschewiki machten aus der 
Not eine Tugend und setzten diese 
Politik der Expropriation der Bauern¬ 
schaft fort. Die im Bürgerkrieg not¬ 
wendige Disziplin und Rigorisität wurde 
auf die Produktion total übertragen und 
sogar nach Ende des Bürgerkrieges 
perfektioniert und systematisiert. Mit 
der von Trotzki propagierten »Milita¬ 
risierung der Arbeit« wurden militä¬ 
rische Mittel und Methoden auf die 
gesamte Wirtschaft angewendet. 

Parteidiktatur und Unterwerfung 
unterdie bolschewistische Kriegs-(wirt- 
schafts)logik kollidierten sehr schnell 
mit den Zielen der aufrührerischen 
Massen. Die Bolschewiki wurden zu 
den Totengräbern der sozialen Revolu¬ 
tion. Der Anarchosyndikalist Arthur 
Lehning über das Verhältnis des bol¬ 
schewistischen Staates zu den Räten; 

»Die Machteroberung der bolsche¬ 
wistischen Partei bedeutete nicht den 
Sieg der Revolution. Die Machterobe¬ 
rung am 24. Oktober war vielmehr ein 
Staatsstreich während der Revolution. 


Die Revolution war auch am 24. Oktober 
noch nicht beendet und dauerte noch 
Monate. Solange war auch die Macht 
der bolschewistischen Staatsherrschaft 
nicht unbeschränkt. Es dauerte Monate, 
ehe die Staatsdikatatur die Macht der 
Sowjets gebrochen hatte und al ie Ge wal t 
mittels der Diktatur in den Händen der 
bolschewistischen Partei usurpiert war.« 

Denn parallel zum Krieg gegen die 
Bäuerinnen und Bauern betrieben die 
Bolschewiki sehr bald eine Konfronta¬ 
tionspolitik gegenüber den revolutio¬ 
nären Arbeiterinnen und Arbeitern. 
Kronstadt 1921 markierte den Schlu߬ 
strich unter der zcitweisen Verbindung 
der Bolschewiki mit der sozialen Revo¬ 
lution. Daß in Kronstadt die Matrosen, 
die für die Räte und gegen die Partei¬ 
diktatur revoltierten, ausgerechnet von 
Trotzkis Armee niedcrgemctzclt wur¬ 
den, wundert heutzutage noch den ein 
oder anderen, der Trotzkis Aussage in 
den Ohren hat, daß die Matrosen von 
Kronstadt »die Schönheit und der Stolz 
der Revolution« seien. 

Weniger verwundert sind jene, die 
die heftige Debatte des Jahre 1920 in¬ 
nerhalb der Bolschewiki über den Platz 
der Arbeitervertretungen im Staat ver¬ 
folgt haben. Trotzki und später vorallcm 
Bucharin vertraten die Position einer 
vollständigen Militarisierung der Ar¬ 
beit. Unter der Diktatur des Proletariats 
seien Gewerkschaften überflüssig, da 
das Proletariat ja nicht gegen sich selbst 
streiken könne. FürdieFabrikkomitecs 
war in einer solchen Konzeption kein 
Platz mehr, Fabrikräte sind in dieser 
Sichtweise, in der der Staat selbst ein 
Staat der Arbeiter- und Bauern sein 
soll, überflüssig - höchstens als Auf¬ 
sichtsorgane ersetzbar, die über Ar¬ 
beitsmoral, Produktionsdisziplin und 
die Erfüllung der Produktivitätsplänc 
zu wachen haben würden. 

Diesem Angriffaufdiesclbstständige 
Artikulation der Arbeiter- und Arbeite¬ 
rinnen intcressen stand innerhalb der 
Bolschewiki lediglich die sogenannte 
Arbeiteropposition um Alexandra Kol- 
lontai entgegen - von Lenin als anarcho- 
syndikalistische Abweichung klassi¬ 
fiziert. Die Arbeiteropposition brand¬ 
markte den Sowjetstaat als das Boll¬ 
werk einer neuen privilegierten Büro¬ 
kratie und versuchten gegen das Mili- 
tarisicrunsprojckt vorzugehen. Ohne 
Erfolg - der Mechanisierung des Men¬ 
schen stand Mitte der zwanziger Jahre 
nach der Liquidierung der Trägerinnen 


SF 3/98 [63] 




der sozialen Revolution, wie unter an¬ 
derem der Matrosen von Kronstadt, 
nichts mehr im Wege. »Wenn sie (die 
Bolschewiki) das Abenteuerliche ihrer 
Pläne abgelegt haben werden, müssen 
sie ihren Anschluß an die deutsche 
Sozialdemokratie und an die deutsche 
Kultur wiederfinden«, so Parvus Hel- 
phan, d er M i tte I sm an n der B ol sc he w iki 
zur deutschen Generalität in einer 
Denkschrift vom November 1917 an 
das deutsche Auswärtige Amt. Und 
tatsächlich: layloristischePrinzipien der 
wissenschaftlichen Betriebsführung 
und das Vorbild einer deutschen staats- 
kapitalistischen Wirtschaft wurden 
offensiv bereits im Laufe des Jahres 
1918 von den rechten Bolschewiki 
propagiert. Der Bolschewismus an der 
Macht bastelte am neuen Menschen, 
dem modernen (noch nicht postmoder¬ 
nen) Cyborg des Fordismus-Tayloris¬ 
mus, dem totalen Anhängsel der 
staatssozialistischen Produktivitäts- 
Maschine. 


Gefahr des 
Antimodernismus: der 
Antisemitismus 



Die Fortschrittlichkeit vieler sozialrevo¬ 
lutionärer Basisbewegungen bestand 
gerade darin gegen das Immergleich, 
das wir Fortschritt und Geschichte nen¬ 
nen, zu rebellieren. 

Gerade viele agrarkommunistische 
Bewegungen - wie der historischeZapa- 
lismus oder die Machnobewegung wa¬ 
ren in diesem Sinn antimodemisüsche 
Bewegungen, die zum einen auf den 
Altären der nachholenden Moderni¬ 
sierung geopfert wurden und doch die 
zum damaligen Zeitpunkt modernste 
Kritik der Kapitalisierung verkörperten. 
Doch hier tut sich ein Fragezeichen auf. 

Micha Brumlik, Doron Kiesel und 
Linda Reisch weisen in dem Vorwort 
ihres Buches zu Antisemitismus und 
der Linken, auf den Zusammenhang 
von antisemitischem und sozialrevo¬ 
lutionärem Denken hin: »Einig sind 
sich (die Herausgeberinnen des Ban¬ 
des) darüber, daß der Antisemitismus 
eine konstitutive Versuchung jedes So¬ 
zialrevolutionären Denkens in der Kul¬ 
tur des christlichen Abendlandes dar¬ 
stellt.« Judenfeindschaft habe »in den 
sozialromantischen und anarchistischen 


Fraktionen vor allem des französischen 
Frühsozialismus ganz wesentlich zum 
Selbstverständnis dieser Bewegungen« 
beigetragen. Weiter schreiben die Drei: 
»Umgekehrt zeichneten sich die indu- 
strie- und fortschrittsfreundlichenFrak- 
tionen dieser Bewegung durch beson¬ 
deren Philosemitismus aus.« 

Wie nahe sind die Sozialrevolutio¬ 
nären Bewegungen vor und während 
der russischen Revolution dem Anti¬ 
semitismus gekommen? Der Anüsemi- 
tismus hat ja auch durchaus Anzeichen 
ei ner Verteid igungsbewegung der »mo¬ 
ral ischen Ökonomie« gegen das unfa߬ 
bare Wertgesetz. 

Gerade aus kleinbäuerlichen Zusam¬ 
menhängen entstand die Ideologie des 
antimodemistischen Antisemitismus als 
Artikulationsform eines gesellschaftli¬ 
chen Konservativismus, der sich nicht 
gegendiekapitaleDurchdringungselbst 
wendet, die sich ja »hinter dem Rücken 
der Produzenten« (Marx) vollzieht, 
sondern der angebrochenen »neuen 
Zeit« die »gute alte« entgegenstellte. 
Verschwörungstheorie, Agrarromantik 


und konservative Reaktion auf den 
Kapitalismus reichen sich die Hand. 5 

Hier ist Antisemitismus die spontane 
Reaktion auf die Auflösung der tradier¬ 
ten Sozialsy steme: Der Bauer, der Bauer 
bleiben und im Juden, der oftmals als 
Vermittler zwischen Stadt und Land 
fungierte, den ‘Drahtzieher' hinter den 
Unwägbarkeiten des Marktes erkannt 
haben will. 

Dieser Antisemitismus ist sicherlich 
der Fallstrick der Sozialrevolutionären 
Theorie, die sich an einer »moralischen 
Ökonomie« des Alltagsbewußtscins 
orientiert. Ein Fallstrick, in den auch 
viele utopische Sozialisten und Anarchi¬ 
sten wie auch revolutionäre Theoretiker 
des vor-revolutionären Rußland tappten. 

In der historischen Beschäftigungmit 
der russischen Revolution ist kaum Wert 
darauf gelegt worde, die internationa¬ 
listischen Narodniki und die Sozialrevo¬ 
lutionären »Maximalisten« von den 
rechten Volkstümlern und Bauern-Fans 
zu unterscheiden. So läßt sich jegliche 
antibolschewistische und gegen die Le¬ 
nin'sehe Fortführung der zaristischen 


[64] SF 3/98 










Foto: Romualdas Rakauskas 



Modernisierung mit jakobinischen Mit¬ 
teln gerichtete Haltung (beispielsweise 
die der linken Sozialrevolutionäre) als 
reaktionär-bauemtümelnd denunzieren, 
wenn nicht sogar als potentiell antise¬ 
mitisch. Auch ein Begriff wie Popu¬ 
lismus stiftet Verwirrung, bezeichnet 
er doch so höchst unterschiedliche Din¬ 
ge wie die faschistische rumänische 
Legion »Erzengel Michael«,den Naro- 
dniki-Theoretiker Tschernyschewski 
und die Narodnaja Volja. 

Daß die bäuerlichen Massen in einer 
Zeit der Auflösung agrarischer Verhält¬ 
nisse anfällig für antisemitische Erklä- 
rungs- und Wahmehmungsmuster sind, 
liegt auch auf der Hand. Detlev Haus¬ 
sen beschreibt die von dem vordrin¬ 
genden Kapitalismus verursachte Ato¬ 
misierung und Unterwerfung unter das 
Wertgesetz, die Antisemitismus als 
Reaktion darauf gefährlich nahelegt: 
»An der Tradition orientierte Schichten 
der Gesellschaft verlieren jeden Schutz 
gegendieÜbermachtdcrökonomischen 
Gesetze. Sie verlangen geradezu nach 


dem Sch utz, der nur von der Herrschaft 
kommen kann. In den Juden sehen sie 
die Privilegierten, die vom Form Wech¬ 
sel der Herrschaft profitieren.« 

Die russischen populistischen Revo¬ 
lutionäre wandten sich zwar gegen den 
Form Wechsel der Herrschaft, indem sie 
die Notwendigkeit einer völligen Kapi¬ 
talisierung Rußlands bestritten. Doch 
sie wollten die schlechte Realität der 
zaristischen Unterdrückung nicht Real i- 
tät bleiben lassen. Die Narodniki waren 
die autentischsteOpposition zum Zaris¬ 
mus. Antisemitismus und die Pogrome 
erkannten viele als »Spaltungsmittel« 
der Herrschenden. Auf der anderen Seite 
hatte die populistische Stadtguerilla 
Narodnaja Volja ein gefährlich takti¬ 
sches Verhältnis zu dem »einfachen 
Volk«, das in Pogromen konformistisch 
rebellierte. Die bewaffneten Aktivisten 

der Gruppe, cinschließlich einiger ihrer 
jüdischen Mitglieder, meinten, Pogrome 
als Mittel zur Revoiutionierung der 
Massen benutzen zu können. Wenn sie 
vom »einfachen Volk« sprach, legte sie 
diesem Begriff zwar keine völkische 
Bestimmung zu Grunde und meinten 
damit alle Werktätigen, die jüdischen 
Proletarier eingeschlossen. Doch auch 
in ihren Augen waren oft die Begriffe 
»Jude« und »Ausbeuter« synonym. 
Darin unterschieden sie sich so wenig 
von Michail Bakunin, wie dieser vom 
frühen Marx. Diese bei den radikalen 
Sozialisten weit verbreitete fatale Ideo¬ 
logie, brachte einige jüdische Revolu¬ 
tionäre in ein Dilemma. Das läßt sich 
beispielhaft an der Biographie des den 
Narodniki nahestehenden jüdischen 
Revolutionärs Aron Libcrman zeigen, 
der sich 1880 das Leben nahm. Als 
strikter Kosmopoliten lehnte er jeden 
Nationalismus ab. Er war Anarchist und 
trat für die unmittelbare Einführung des 
Kommunismus in Rußland ein. Seine 
revolutionäre Vorstellung, in der keine 
National ität und keine nationalen Gren¬ 
zen, keine »Geistesaristokratie, sondern 
nur das arbeitende Volk« existieren soll¬ 
ten, prallte zusammen mit der Realität 
der Pogromwellen und der Indifferenz 
vieler seiner Genossen gegenüber dem 
Antisemitismus. 

Auch in der agrar-anarchistischen 
Machno-Bewcgung soll eszu Pogromen 
gekommen sein. In der Machno-Bewe¬ 
gung selbst war der Anteil der jüdischen 

Kämpferinnen und Kämpfer nicht ge¬ 
rade gering, wie die Dctailstudic ‘Land 
und Freiheit’ von Dittmar Dahlmann 


bestätigt. Gerade die führenden Köpfe 
der Bewegung Machno und Arsinov 
bemühten sich gegen den vorhandenen 
Antisemitismus in der Ukraine zu käm¬ 
pfen, aber auch die Bewegung vor 
Denunziation zu schützen: »Einen Teil 
ihrer Schriften widmeten beide Ver¬ 
fasser dem Kampf gegen die Vorwürfe, 
daß sich die Bewegung durch Gewalt¬ 
taten wie Plünderungen und antisemiti¬ 
sche Pogrome etc. ausgezeichnet habe. 
Geradcdcr Vorwurfdes Antisemitismus 
wurde von Arsinov und Machno ent¬ 
schieden zurückgewiesen. In zwei 
Artikeln ‘Machnovscinaiantisemitizm’ 
und »K evrejam vsech vsech stran« 
wandte sich Machno 1927 entschieden 
gegen die Vorwürfe, die nur erhoben 
würden, um von der tatsächlichen De- 
deutung der machnovscina abzulen¬ 
ken.« 

Doch eine genaue historische Unter¬ 
suchung des Verhältnisses der Agrar¬ 
kommunisten bzw. Narodniki zum Anti¬ 
semitismus ist schon lange überfällig. 

Antisemitismus wurde zur Revolu¬ 
tionszeit sehr vehement von den Bol- 
schewiki bekämpft, von Stalin dann 
jedoch bald wiederbelebt. Er wurde 
»von Stalin bereits in den zwanziger 
Jahren selektiv zur Bekämpfung seiner 
politischen Gegner eingesetzt«, später 
»unter der Flagge des »Kampfes gegen 
den Kosmopolitismus« zur Staatsdok¬ 
trin in der Sowjetunion und ihren Satel¬ 
litenstaaten.« (Mario Kessler) 

Stalins Antisemitismus stand im Zu¬ 
sammenhang mit dem forcierten »Auf¬ 
bau des Sozialismus in einem Land« - 
die Juden wurden zum Symbol des 
Internationalismus. Aberdie Juden wur¬ 
den der unter der Industrialisierung 
leidenden, bäuerlichen wie städtischen 
Bevölkerung auch als Sündenböckean- 
geboten. Väterchen Stalin stilisierte sich 
zum Wiedergänger des Zaren. Er hatte 
das Doppelgesicht des tatsächlichen 
Modcmisierers in der direkten Nach¬ 
folge von Witte und Stolypin und des 
romantizistischen Konservativen - anti¬ 
semitisch und reaktionär. Der Stalinis¬ 
mus von unten wurde nicht nur von den 
aufstrebenden Eliten getragen, sondern 
auch paradoxerweisevonden Verlierern 
der Industrial isierung, die in Stalin einen 
Garanten der Bewahrung des Alten 
sehen wol 1 ten. S tal ins Bauempolitik er¬ 
folgte nicht nur mit der Peitsche: Der 
rote Zar bremste sogar die Kollektivie¬ 
rungsbrigaden im März 1930, denen 


SF 3/98 [65] 





sich fanatische jugendliche Mitglieder 
der Partei anschlossen, um das Dorf 
von ‘Kulaken’ zu befreien und sie zu 
staatlichen Agrostädten zusammenzu¬ 
fassen; ein utopischesUnterfangen,das 
bäuerliche Aufstände provozierte. Sta¬ 
lin kommt dieRolle sowohl des Moder- 
nisierers als auch des »ideeller Gesamt- 
populisten« zu, letzteres obwohl gerade 
er gegen dieobschtschina einen blutigen 
Kampf führte, gegenüber dem sich seine 
zaristischen Vorgänger wie halbherzige 
Dorfpfaffen ausnehmen. Doch Stalin 
konnte dieobschtschina nicht zerschla¬ 
gen oder auflösen, er hob sie im 
schlechten Sinne auf: 

Die ‘Kollektivierung’ verstaatlichte 
die Kollektivstrukturen der Dorfge¬ 
meinde. 

1883 prophezeite der russische Mar¬ 
xist Plechanow, daß »die revolutionäre 
Bewegung das Heil in den Idealen eines 
autoritären Kommunismus nach Art des 
Inkastaates suchen« müsse. Die angeb¬ 
liche Rückständigkeit der russischen 
Arbeiter und Bauern veranlaßte ihn zu 
dieser Bemerkung. Verlangte nicht viel 
eher die nachholende Modernisierung, 
die Durchsetzung eines organisierten 
Staatskapitalismus und die versuchte 
Zertrümmerung der landwirtschaftli¬ 
chen Kollektivstrukturen zugunsten 
staatlicher ‘Kollektivierung’ die be¬ 
ständige Figur des Väterchens, zu dem 
mantrotzallerGrausamkeit-undgerade 
deswegen - emporblicken konnte ? 


Literatur u.a.: 

-Materialien für einen neuen Antiimperia¬ 
lismus Nr .4, Das Ende des sowjetischen 
Entwicklungsmodells 

-Alexander Berkman, Die Kronstadt Rcbcl- 
lion 

-Rosa Luxemburg, Die Russische Revolu¬ 
tion 

-A.M.Pankratova, Fabrikräte in Rußland 

-Manfred Hildermeier, Die Sozialrevolu¬ 
tionäre Partei Rußlands 

-Arthur Lehning, Marxismus und Anar¬ 
chismus in der russischen Revolution 

-Dittmar Dahlmann, Land und Freiheit 

1 So auch der krisis-Autor Peter Klein, 
der die Revolution 1917 nur unter dem 
so leninistischen wie teleologischen 
Blickwinkel sehen kann. »Erwartungs¬ 
gemäß läßt sich zeigen,« schreibt er 
über sein Buch ‘Die Illusion von 1917’, 
»daß Lenins Denken demokratisch kon¬ 
figuriertes Denken ist (sic!). Unter den 

[66] SF 3/98 


russischen Verhältnissen zu Anfang 
dieses Jahrhunderts kann von einer Kri¬ 
tik der Rechtsform als der Subjektivität 
der Warenform keine Rede sein. Im Ge¬ 
genteil, historisch war erst einmal die 
Durchsetzung dieser Form an der Reihe 
(sic!).« So brüstet sich der Neo-Leninist: 
»Eine Denunziation des Volkswillcns 
und aller in diesem Rahmen angesie¬ 
delten sozialen Kategorien einschlie߬ 
lich des ‘Proletariats und der Bauern¬ 
schaft’, ist von mir beabsichtigt. 

Dennoch wird man in dem Text fast nur 
anerkennende und lobende Worte über 
Lenin und die Bolschewiki finden. Ein 
Widerspruch ?« - Klar nicht, möchte 
man ihm antworten. 

2 Herzen war keineswegs ein rückwärts¬ 
gewandter Bauemtümler, sondern ein 
dezidierter »Westler«. Die Niederlage 
der europäischen Revolution 1848 ver¬ 
anlaßte ihn, in den Kollektivstrukturen 
der bäuerlichen Kommune einen spe¬ 
ziellen russischen Weg angelegt zu se¬ 
hen, der nicht durch das Joch des Kapi¬ 
talismus führen muß. Die Durchsetzung 
der »Zivilisation«, sprich: der bürger¬ 
lichen Gesellschaft veranlaßt Herzen, 
die Tatsache, daß sich in Rußland die 
Kapitaldynamik noch nicht vollends 
durchgesetzt hatte, als enorme Chance 
für eine revolutionär-emanzipative 
Entwicklung zu begreifen. 

3 Hinter der von Revolutionären vorge¬ 
tragenen Kritik der Volksreligiosität 
können ganz unterschied liehe Absichten 
steken. Bakunins berechtigtes Gewet- 
tere über die patriarchal-religiöseldiotie 
des Landlebens, die ein Hemmnis für 
die Entwicklung der sozialer Revolu¬ 
tion darstcllt ist etwas gänzlich anderes 
als der bolschewistische Modcmisie- 
rungsrassismus, der in der Abscheu 
gegenüber der »Rückständigkeit« zum 
Ausdruck kommt, die führende Bolsche¬ 
wiki gegenüber der Volksrcligiosilät zu 
bekunden nicht müde wurden. 

4 Der Begriff »moral economy« kommt 
von dem Historiker E.P.Thompson. Er 
untersuchte die Entstehung der engli¬ 
schen Arbeiterklasse und kam zu dem 
Ergebnis, das die überlieferten Gerech- 
tigkeitsVorstellungen von Bauern und 
Handwerkern (z.B. wieviel das Brot 
kosten »darf«) mit den Anforderungen 
und Auswirkungen des Kapitalismus 
zusammenprallten. 

5 In vielen historischen Untersuchungen 
- über agrarische Gesellschaften, die mit 

dem Eindringen des Kapitalismus kon¬ 
frontiert sind, wurde auf dieses Analyse- 
rastcr zurückgegriffen, das sich durchaus 
als tragfähiges Erklärungsmodcll von 
ruralen revolutionären Bewegungen und 
Erhebungen hcrausgestelll hat. 



Zeitschriftenschau 


Lateinamerika Nachrichten Nr 289/ 
290, Juli/August 1998 
Schwerpunkt: 25 Jahre LN ° Kolumbien 
° Ecuador ° Guatemala 0 Nicaragua ° 
Mexiko: Land & Freiheit, Mexikos 
Landwirtschaft im Zeichen des Neo¬ 
liberalismus* Krieg niederer Intensität 
jetztohne Vermittlung * Rezension zum 
mexikanischen Wirtschaftsstil * Film 
zum Werdegang der EPR ° El Salvador 
° Debatte: Was politische Literatur in 
Nicaragua war und was aus ihr wurde ° 
Musik ° Fußball. 

Bezug: imMehringhof, Gneisenaustr. 
2a, 10961 B erlin, Tel: 030.6946100, 
Fax: 6926590, Preis: 8SO DM 


ila Nr 217, Juli 1998 
Schwerpunkt: Montevideo ° Brasilien 0 
Chile 0 Mexiko: Chiapas, Kleinkrieg 
gegen selbstverwaltetete Gemeinden - 
und internationale Beobachterinnen 0 
MAI: Abkommen zwischen USA und 
EU ° Kultur ° Ländemachrichten ° Soli¬ 
daritätsbewegung. 

Bezug: Oscar-Romero-Haus, Heer- 
str.205.53111 Bonn ,Tel: 0228.658613, 
Fax: 631226, Preis: 8.- DM 

iz3w Nr 230, Juli/August 1998 
Schwerpunkt Globalisierung von unten 
- Arbeit für Gewerkschaften? ° Refor¬ 
mierte Renten in Lateinamerika ° Ange¬ 
paßte Strukturen in Afrika ° Streit um 









lokale Agenda 21 ° Literarisches ‘Nie¬ 
mandsland’ in Brasilien ° Unpäßliches 
Asyl in Deutschland ° Linke und anti¬ 
rassistische Politik ° Gentechnik-Aus¬ 


stellung. 

Bezug: ADW, Pf5328, 79020 Frei¬ 
burg, Tel: 0761.74003, Fax: 709866, 


Preis: 8-DM 


Bahamas, Nr .26 Sommer 1998 
Schwerpunkt: Das postmodeme Be¬ 
dürfnis ° u.a. Michel Foucault und das 
Rätsel der Macht 

Bezug: Bahamas, PF62 0628,10796 
Berlin, TeUFax030.6236944,750DM 


IWK, Nr.4/97 

Die historische Fachzeitschrift IWK 
druckt in ihrem neusten (!) Heft 4/97 
einen interessanten Artikel von Dieter 
Nelles: Deutsche Anarchosyndikali¬ 
sten und Freiwillige in anarchistischen 
Milizen im Spanischen Bürgerkrieg 
Bezug: IWK, Malteser-str.74-100, 
12249 Berlin, Preis: 20.-DM 

DA, Nr. 128, Juli/August 1998 
Schwerpunkt: Anarchie und Diktatur - 
Perspektiven für 2020 ° Greichenland - 
Auseinandersetzungen gegen das Spar¬ 
programm der Regierung ° MAI ° Nach¬ 
ruf auf Heinrich Friedetzky 
Bezug: DA, Wittelsbacher Allee 45, 
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des Sparpakets, D. Schütze: Die Deut¬ 
schen sind gefährlich; B. Scharlowskl: Der 
Babynahrungshersteller Hipp; Subco'm- 
mandante Marcos: Kommunique; H. 
Benner: Der Derivatehandel; D. Nelles: 
Die anarchistische Jugend; BUKO-Bericht 
etc., 68$., 8.-DM 

Nr.60 enthält u.a.:Antl-Expo-AG: Nach¬ 
haltige Propaganda für das 3. Jahrtau- 
• send; M. Kittmann: Die neue Militarisierung 
der Gesellschaft; H. Waibel: Neofaschis¬ 
mus in Ostdeutschland; Interviewmit Birgit 
Rommelspacher; N. Chomsky: Ziele und 
Visionen (1 .Teil der Bookchin-Chomsky- 
Debatfe), U. Bröckling: Anarchistischer 
Antimilitarismus im Kaiserreich; W. Ster¬ 
neck: Techno und Cybertribe,T. Wagner: 
Von der Suche nach der Anarchie, etc. 

Nr. 61 enthält: L.Schrötter: Globalisierung; 
M. Wilk: Macht und Herrschaft, Teil 4: Glo¬ 
balisierung; D. Hartmann: Soziale Säube¬ 
rungen In Köln; M. Bookchin: Einheit von 
Ideal und Praxis (2.Teil der Bookchln- 
Chomsky-Debatte); Kommune-Debatte 
Teil 1; K. Staad: Laßt 1000 Torten fliegen!; 
M. Kröger: Simone Weil und Carl Einstein 
In Spanien 36/37; W. Portmann: Porträt 
Heiner Koechlins; Kurzes zum ak.zur FAU, 
zur ÖkoLi, zur Einstellung von links, zum 
Prozeß gegen Lotta Continua etc. 


Nr.62 Feminismus-Sondernummer II, 

enthält u.a.: SF-Red.: Vielfältige Bezle- 
hungenzw. Anarchismus und Feminismus, 
Interview v. Dorothea Schütze mit der 
Brasilianerin Maria da Cruzzu Erfahrungen 
mit dem alltäglichen deutschen Rassis¬ 
mus; Maria Mies: Thema Subsistenz - 
Frauen, Nahrung und globaler Handel; 
Jane Meyerding: Gender - die Weit wie 
sie gelebt wird; Roselia di Leo: Patriar¬ 
chatskritik: Ort der Differenz; L. Susan 
Brown: Auseinandersetzung mit Naomi 
Wolfs Powerfeminismus; Arlane Gransac: 
Gemeinschaftsküche Kropotklns; etc. 


Nr.63 enthält u.a.: Holst: Chiapas aktuell, 
Sievers: Zapata-Konferenz.in Madrid, 
petzi: Zapata und ich, Josö Saramago: 
Warum ich nach Chiapas fahre?, Ge¬ 
schichten vom alten Antonio, Ries: 
Chomsky-Kritik 1 - Ziele und Visionen, 
Mümken: Chomsky-Kritik 2 - Staatlichkeit 
oder Anarchie?, Noam Chomsky: Unter¬ 
stellte Zustimmung - Diskurs zur Demokra¬ 
tie, Morris: Freie Städte. Bergstedt; Der 
Staat und die etablierten Umwellverbän- 
de; Mümken: Foucault-Diskurs, Flamb.: 
Gentechnikbewegung-Repression; Ster¬ 
neck: John Cage; VoB: Kommune-De¬ 
batte, Kästner: Kommune-Debatte, 
Schwarze Feder: Kritik an Geronlmos "Glut 
und Asche"; Günther: Antwort auf T. Wag¬ 
ner "Von der Suche nach der Anarchie". 

Nr.64: Gerhard Klas: Kein Mensch Ist illegal; 
Albrecht Kleser: Schlepper, Schleußer - 
Von Fluchthelfern und Wegelagerern; 
Maria Mies: Der Gipfel der Globalisierung 
(MAi-Abkommen); Ann Stafford: Noch Ist 
das MAI nichttot;Mlchael Wilk: Flughafen 
Rhein/Main; Jörg Bergstedt; Nachhaltige 
Seilschaften; Wolfgang Haug: Kongress 
zur Sozialen Ökologie in Lissabon; Michael 
Schiffmann: Gesetze der Gier; Julia Küm¬ 
mel: interview mit Nga Awa; Andreas 
Speck: Militarismus und Männlichkeit; 
Bernd Drücke: Zur Geschichte des SF; 
Reinhard Müller: Nachruf auf Ferdinand 
Groß (Wien/Graz); Rezensionen: Roland 
Kaufhold: Über Etta Federn; Michael 
Schiffmann: Der Terror der Ökonomie; 
Peter Nowak: Autonome; Gerhard Kern: 
Antirassistisches Geschichtsbuch; Hans- 
Ulrich Dillmann: Die Zeit der Schmetter¬ 
linge; Jürgen Mümken: Auf der Durchreise 
Im revolutionären Mexiko; Leserinnen¬ 
briefe, Kurzes 

Jochen Knoblauch (Hg.): 

SF-Register 

Aufgenommen wurden alle Beiträge von 
Nr.0-Nr.50, incl. Sondernummern. 10.-DM; 
auch als DOS-Diskette (Word-Datei) er¬ 
hältlich. Das Register, das demnächst auf 
der CD-ROM der Edition ID/Amsterdam 
enthalten sein wird, ist für Internet-Benutzer 
auch unter unserer Homepagezu finden: 
http://www. comenius-antiquariat.com/ 
anares 


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